Freies Magazin FM5

Plattform für Kunst und Jugendkultur

ohne Nav

 

lifestyle

replay - Thesen der Gewalt

2007-04-02 00:13:29

Es geistert als urbaner Mythos durch die Großstädte dieser Welt: „Snuff-Filme“. Diese sind auch zentraler Bestandteil von Alejandro Amenábars Thriller-Albtraum „Tesis“. Eine Studie zu Gewaltdarstellungen im 20. Jahrhundert in unserer monatlichen Serie „replay“.

Alejandro Amenábar entspringt einer Generation intelligenter und populärer Filmemacher, wie sie im Spanien der Neunzigerjahre anzutreffen waren. Allerdings ist der chilenisch-spanische Regisseur bislang auch der Einzige, der seinen frühen nationalen Ruhm auch über die Grenzen transportieren konnte. Sein Spielfilmdebüt „Tesis“ ist einer der Gründe dafür.

Die Ausläufer des 20. Jahrhunderts
Wer sich mit dem spanischen Film beschäftigt, landet zumeist bei Luis Buñuel und Pedro Almodóvar und endet zumeist auch bei ihnen. Doch damit wäre vor allem der jungen Filmergarde unrecht getan. Schließlich erhob sich mitten in den Neunzigerjahren eine Unzahl talentierter Regisseure, die – ähnlich wie zur selben Zeit in Frankreich – dem konservativen Kino den Kampf ansagten.

Dazu gehören die Blutgetränkten und von schwarzem Humor durchzogenen Filme eines Álex de la Iglesia („El día de la bestia“, „Perdita Durango“ oder „La Comunidad“), die poetisch-erotischen Liebesdramen eines Julio Medem („Los Amantes del Círculo Polar“ und „Lucía y el Sexo“) oder eben die Filme des Alejandro Amenábar, der mit „Tesis“ seinen Durchbruch landen konnte.

Gewalt und Konsum
Im Universum von Amenábar führt die Studentin Ángela (Ana Torrent – „The Tulse Luper Suitcases“) Untersuchungen für eine Studie zum Thema Gewalt durch. Das weit gefasste Überblicksthema scheint sich für Ángela nur allzu gut zu eignen, denn ihr Kommilitone Chema (Fele Martínez – „La Mala educación“) ist fasziniert von jeglicher Art der Gewaltdarstellung. Sein unerschöpfliches Filmarchiv, dient Ángela für eingehende Recherchen. Dabei stößt sie allerdings auf ein Band, das offenbar selbst für Chema noch neu zu sein scheint.

Auf dem Video wird eine junge Frau gefoltert und getötet. Alles ist real. Es ist ein so genanntes Snuff-Video. Ein Mythos der seit den siebziger Jahren durch die Filmszene geistert und die Aufzeichnung einer real stattfindenden Ermordung bezeichnet. Inwiefern sich dabei Legende und Realität überschneiden ist schwer zu durchschauen, führen doch die Wurzeln des Begriffes „Snuff“ in die Marketing-Praktiken eines Filmverleihers zurück. So soll ein gefloppter Film angeblich mit Verweis auf reale Bezüge wieder in die Kinos gebracht worden sein. Welcher Film? Welcher Filmverleih? Die Hintergrundgeschichte zu diesem „Genre“ ist ebenso unklar wie die Abgrenzung des Begriffes an sich.

Ästhetische Gewalt
Mitte der Neunziger liegt Amenábar mit seinem Debütfilm „Tesis“ allerdings genau richtig am Puls der Zeit. Gewaltdarstellungen erreichen dank Regisseuren wie Quentin Tarantino oder Filmen wie „Se7en“ eine neue ästhetische Ebene. Die gleichzeitig „fehlenden“ audiovisuellen Belege von Gräueltaten im Nahen Osten oder Afrika sorgten dabei für ein gewisses Auseinanderklaffen in der Rezeptionshaltung. Einerseits war die filmische Gewalt bereits auf dem Weg in die überstilisierte Grausamkeit – deren Erben wir heute in „Sin City“ oder „Hostel“ bewundern dürfen – andererseits war die Suche nach dem „Kick“ nicht mehr da. Das Kino konnte kein austesten der eigenen Grenzen erzeugen, weshalb die beinahe vergessenen Pfade der „realen Gewalt“ – oder eben Snuff-Filme – betreten wurden.

„Tesis“ nimmt sich dieses Umstandes an, denn nachdem Ángela und Chema erfahren, dass die ermordete Frau eine ehemalige Studentin war, beginnt die Suche nach den Hintermännern und bringt beide in Lebensgefahr. Mehr als der recht typische Thrillerplot war es die kalte und sterile Umsetzung, die den Ansprüchen der kritischen Thrillerreflexion entsprach. Regisseur Joel Schumacher und sein Hauptdarsteller Nicolas Cage konnten mit ihrem Snuff-Thriller „8mm“ (1999) derartige Versprechen nicht einhalten. Nicht nur weil – im Gegensatz zu „Tesis“ – die Umsetzung in ihren Ansätzen stecken blieb sondern auch, weil die Zeit der Reflexion vorbei war.

Der Gewalttest aufs Neue: das 21. Jahrhundert
Mittlerweile ist Amenábar mit seinen Filmen in neue Aufgaben hinein gewachsen. Von „Tesis“ über das Horror-Drama „The Others“ bis zum Oscar-prämierten „Mar adentro“, hat sich der junge Spanier bis zu höchsten Weihen hinauf gearbeitet. Eine Rückkehr zu seinen Wurzeln scheint indes ausgeschlossen, hat doch die explizite Darstellung von Gewaltakten die große Leinwand wieder erobert. Neben bereits erwähnten Werken wie „Sin City“ sind es vor allem Horror-Machwerke wie „Chaos“ oder „The Hills have Eyes“, mit denen das Massenpublikum sich selbst aufs Neue erprobt.

…und wer den letzten Kick dann doch noch braucht, muss sich nicht länger über verschlungene Pfade auf die Suche nach „Snuff-Filmen“ machen, sondern findet leicht zu erwerbende Videokompilationen mit klingenden Namen wie „Faces of Death“, die sich bewusst auf der Grenze von Fakt und Fiktion bewegen. Womit der Snuff-Film endgültig abgelöst wäre…

Printer Icon



AutorInnen

Patrick Dorner

Patrick Dorner

Im Jahre 1983 geboren in der Steiermark, führte mich mein Weg über einen Zwischenstopp in Graz zum Studium nach Wien. Die meiste Zeit verbringe ich dennoch im Kino und ich würde lügen würde ich die Freude an dieser Beschäftigung bestreiten.

Newsfeed Icon Newsfeed von Patrick Dorner abonnieren



Kein Bock auf Nazis Festival 13.4. Arena


Archiv  | Impressum | AGB | Gewinnspiel | Friends Shop