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replay - Sex mit einer Komapatientin

2007-04-02 00:15:21

Wenn jemand in unserer monatlichen Serie "replay" über europäische Filme, die bewegen, berühren oder aufrühren nicht fehlen darf, dann ist dies der spanische Kultregisseur Pedro Almodóvar. Mit Sprich mit ihr (o. Hable con ella) schuf er einen Film von leiser Poesie und großer Beklemmung.

Pedro Almodóvar gilt als das Zugpferd zahlreicher spanischer Regisseure, von denen die meisten glücklicherweise aus seinem Schatten springen konnten und ihre Eigenständigkeit bewahrten. Trotzdem gehört Almodóvar weiterhin zu den Besten: Filme wie Kika, Alles über meine Mutter (o. Todo sobre mi madre), Sprich mit Ihr (o. Hable con ella) und Die schlechte Erziehung (o. La mala educación) sprachen stets Tabus an und scheuten sich nicht vor Provokation, nein, lebten sie geradezu in vollen Zügen aus und machten ihn so berühmt.

Wenn den Regisseuren aus Spanien eine gewisse Gemeinsamkeit nachgesagt werden kann, so ist es ihr Hang einen Seitenhieb auf die katholische Kirche nicht auszulassen. Man denke nur an Alejandro Amenábars Das Meer in mir (o. Mar adentro) und an jene Szene, in welcher der im Rollstuhl sitzende Priester Francisco den ebenfalls querschnittsgelähmten Ramón Sampedro besucht, der nichts anderes möchte, als zu sterben.

Meisterwerk der Ambivalenz
Sprich mit ihr ist jedoch eine Ausnahme. Die katholische Kirche an sich wird nicht thematisiert, nur der Charakter der weiblichen Stierkämpferin impliziert eine Auseinandersetzung mit traditionellen Rollenbildern. Er ist ein Meisterwerk der Ambivalenz. Die Zerrissenheit zeigt sich in einem unglaublich gefühlvollen Kino, gesteigert durch zwei Ballettchoreographien von Pina Bausch im Epilog und zum Schluss des Filmes, welche Almodóvars Film eine ungeheure Ästhetik verschaffen. Ebenso verwendet er dazu einen Auftritt von Caetano Veloso und dessen Lied Cucurrucucu Paloma. Diesem an die Spitze getriebenen, leisen Gefühl einer Umarmung durch das Meer begegnet mit voller Wucht ein Tabubruch.

Die Story
Ein Muttersöhnchen und Krankenpfleger verliebt sich in eine Balletttänzerin, die kurz darauf nach einem Unfall in ein Wachkoma fällt. Ihr Vater beauftragt daraufhin den Krankenpfleger, seine Tochter zu pflegen. Seine Liebe wächst zur Vollendung, er kümmert sich rührend um die arme Tänzerin. Er erzählt ihr Geschichten, aus dem Ballett und aus Schwarzweißfilmen. Der Film Der schwindende Liebhaber (o. Amante menguante, ein fiktiver, weil von Almodóvar selbst gedrehter Schwarzweißfilm) erschüttert ihn allerdings: Ein geschrumpfter Mann taucht in das Geschlecht seiner Frau ein und versetzt sie in Entzückung.

Eine Vergewaltigung aus Liebe?
Der Pfleger vergewaltigt die Tänzerin. Almodóvar verzichtet darauf, diesen Alptraum in Bildern umzusetzen, doch dem Leser bleibt ein riesiger Gefühlsbrocken im Hals stecken, als er erfährt, dass die Balletttänzerin im Wachkoma liegend plötzlich schwanger wird.

Weshalb lässt dieser Film es zu, dass wir trotzdem Mitleid mit dem Pfleger haben, der mittlerweile in ein Gefängnis überstellt wurde? Wo bleibt die schockierende Wirkung eines ungeheuren Tabubruches, den Quentin Tarantino in Kill Bill Vol.1 erst kürzlich auf eine noch viel abscheulichere Art und Weise umgesetzt hat? Und warum löste dieser Film nicht viel heftigere Reaktionen aus, wo sich doch niemand damit abfinden kann, dass eine Vergewaltigung aus Liebe möglich ist. Almodóvar fragt: Was ist eigentlich Liebe? Und die Antwort ist: ein Kosmos an Möglichkeiten – auch an schrecklich beängstigenden.

Auflösung der Geschlechtergrenzen
Der Film handelt von einem Recht auf Menschenwürde, allfällige Geschlechtergrenzen werden dabei von Almodovar ausgeblendet, der Pfleger ist ebenso schwach und beinahe Tot wie es die Tänzerin ist. In dieser extremen Reduktion zweier Menschen entsteht eine Mitleid erregende Liebe, die unwahr erscheint. Es scheint keine Täter und keine Opfer zu geben. Almodóvar zeichnet darüber hinaus Kreisläufe, die diese Unglaublichkeit in das pralle Leben überführt, wie es in der letzten Ballettszene "Masurca Fogo" mit dem Eintreten der Tänzerinnen und Tänzer sehr deutlich wird.



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