2007-04-02 00:13:24
In unserer neuen monatlichen Serie "replay" widmen wir uns denkwürdigen Vertretern des Europäischen Films. Erstes Exemplar markiert das russische Film-Experiment „Russkiy kovcheg – Russian Ark“ von Aleksandr Sokurov. Ein Start mit zwiespältigem Charakter.
„Die Eremitage ist mit keinem anderen Ort vergleichbar. Nirgendwo sonst in Russland findet man so einen traditionsreichen Ort.“
Dieses Zitat von Regisseur und Autor Alexander Sokurov umschreibt vor allem die persönliche Faszination, die der eigenwillige Filmemacher für sein Jahre lang entwickeltes Projekt hegte. Die Eremitage, das größte Museum der Welt, angesiedelt im russischen St. Petersburg, feierte im Jahr der Verwertung von „Russian Ark“, sein 300-jähriges Jubiläum. Sokurov feierte mit seinem Experimentalfilm dabei vor allem das Museum, dem er die Inspiration verdankte.
Auf einer Arche treiben wir
Wie so oft schien die Grundidee ganz einfach. Sokurov hatte den Traum eines Filmes, der nicht geschnitten werden musste. Der Film wird gedreht und kann dann sofort aufgeführt werden. Was wie der einfache Traum eines jeden Produzenten und wie die Bedrohung für die Existenz jeglichen Schnittstudios klingt, entpuppte sich für das Team rund um den russischen Filmemacher als logistischer Kraftakt.
Bis heute verschweigt Sokurov beharrlich die Kosten für das Werk sowie die Anzahl der angestellten Darsteller und Laien, doch von knapp 2.000 Personen, die auf der Leinwand erscheinen, kann getrost gesprochen werden. Sie sind die Darsteller eines Fantasy-Streifens, experimenteller und faktisch-historischer Prägung. Zu Beginn ist ein Zeitreisender – womöglich Sokurov selbst – zu hören, der sich in der Eremitage wieder findet und auf einen französischen Diplomaten trifft. Doch während sich die beiden über den russisch-nationalen und den west-europäischen Standpunkt zu Mütterchen Russland klar zu werden versuchen, bleibt der Zeitreisende stets nur als Stimme wahrnehmbar.
Diskussionsmaterial bietet sich den beiden so unterschiedlichen Männern genügend, denn bei ihrer Reise durch die 33 Räume der Eremitage entblättern sich 300 Jahre russischer Geschichte. Von Peter dem Großen, Katharina der Großen, dem Schicksal der letzten Zarenfamilie. Russische Literaten wie Pushkin huschen durch das Bild, Karneval wird gefeiert, Bälle veranstaltet. Die Eremitage als ideologische Arche treibt dahin und beendet die Reise mit einem Blick auf das stille Wasser.
Alfred Hitchcock! Bist du stolz auf mich?
Sokurov und sein Kameramann, der Deutsche Tilman Büttner, hatten bei einem der anspruchsvollsten Experimentalfilme etliche Hürden zu überwinden, um die Vision eines Filmes mit einer einzigen, kontinuierlichen Aufnahme Realität werden zu lassen. Dabei ist solch ein Werk erst durch den Siegeszug der High Definition-Kameras möglich geworden und selbst hier war eine technische Sonderentwicklung nötig, um 90 Minuten Film auf das Tape zu bannen. Die Transformation auf 35mm-Film wurde im Nachhinein durchgeführt.
Doch dabei war Sokurov nicht der erste Regisseur, der ein filmisches Experiment wie dieses wagte. Der große Alfred Hitchcock musste bei seinem kriminellen Kammerspiel „Cocktail für eine Leiche“ (Rope/1948) tricksen, um die Filmrollen wechseln zu können und den Film wie eine einzelne Aufnahme aussehen zu lassen. Hitchcock, wie er später in Gesprächen mit Francois Truffaut gestand, war mit dem Film überhaupt nicht zufrieden und sprach von einer Idee, die jeden Regisseur irgendwann einmal quält und die jeder zumindest einmal ausprobiert haben will.
Sokurov musste nicht tricksen, er konnte seine Vision – und die von Sir Alfred – Realität werden lassen. Dabei ließ er Rekorde purzeln: Die längste einzelne Aufnahme, die längste Steady-Cam-Einstellung – für die Kameramann Büttner zuständig war – und auch der erste unkomprimierte HD-Film.
Technische Revolution, inhaltliche Dissonanzen
Die technische Brillanz von Sokurovs „Russian Ark“ ist unumstritten. Er stellt sich mit seiner Weigerung zum Schnitt einer anspruchsvollen Aufgabe und meistert sie mit den Mitteln, die einen Alfred Hitchcock einst nicht gegeben waren. Darüber hinaus ist es eine logistische Meisterleistung, in der Sokurov und sein Team innerhalb von 90 Minuten knapp 2.000 Personen delegieren und punktgenau in Szene setzen. Doch so eindrucksvoll der technische Aspekt auch ist, so umstritten sind die inhaltlichen Aussagen, die dieser Film macht.
Wenn der Erzähler und sein diplomatisches Gegenüber in 300 Jahren Geschichte schwelgen, schwärmen sie über die Errungenschaften eines Museums. Die kritische Distanz zu seinem Projekt fehlt, es ist Folklore, ein Museumsbesuch, der sich jeder kritischen Reflexion – Selbstreflexion – verweigert und der Technik und seinen Möglichkeiten huldigt. Die Wirkung auf das europäische Kino ist unbestritten, doch gilt es den inhaltlich leeren Raum ebenso zu erkunden.
Im Jahre 1983 geboren in der Steiermark, führte mich mein Weg über einen Zwischenstopp in Graz zum Studium nach Wien. Die meiste Zeit verbringe ich dennoch im Kino und ich würde lügen würde ich die Freude an dieser Beschäftigung bestreiten.
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