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replay – Terror, dem Terror die Stirn zu bieten

2007-04-02 00:13:30

In Zeiten latenter Gefahr durch internationalen Terrorismus, sind Filme über die Ursprünge von derartigen Organisationen besonders wichtig. Doch wie über eine Schlüsselfigur einer derartigen Organisation berichten? Das 1996 entstandene historische Drama „Michael Collins" ist ein Paradebeispiel dieses Subgenres.

Osama bin Laden als Held in einem saudiarabischen Film über dessen heroischen Kampf gegen die US-Regierung? Die britischen Besatzer hätten sich derartiges um 1920 wohl auch nicht über Michael Collins gedacht, doch knapp 75 Jahre nach seinem Tod wurde der Gründer der Irish Republican Army – kurz IRA – zum Held einer umstrittenen Biografie, von Irlands bestem Regisseur: Neil Jordan.

Repression unter dem Zeichen der Krone
Dabei sind die Rollen vertauscht und lassen Sympathien, wie sie im Laufe des Filmes für Collins entstehen, für Osama bin Laden kaum hochkommen. Während bin Ladens Terrororganisation Al-Qaida den Tod von Zivilisten in Kauf nimmt, hatten Collins und seine Männer „nur“ eine Gruppe von Menschen im Sinn: Mitglieder der britischen Armee und des Geheimdienstes. Dies mag nun wie eine Rechtfertigung für die brutalen Morde klingen, lässt aber tief in die Psyche der Menschen blicken, die sich mit diesem Film beschäftigen: vom Regisseur über Historiker bis zum gemeinen Zuseher.

Der Feind in „Michael Collins“ ist eine dämonisierte britische Besatzungsmacht, die sich der irischen Insel schon seit 1171 bemächtigte. Hunderte Jahre der Fremdherrschaft kulminierten immer wieder in Aufständen und Gewaltakten. Doch erst unter der Führung von Männern wie Michael Collins und Eamon de Valera wurde das zerfallende British Empire auf die Probe gestellt. Hier genau hakt Neil Jordan – der sich mit  „The Crying Game“ bereits erfolgreich dem Themenkomplex IRA widmete – ein, dem Osteraufstand der irischen Rebellen 1916.

Hoch lebe die IRA!
Hier führt Neil Jordan seine Hauptfiguren ein und bereits nach den ersten 15 Minuten sind die Rollen klar bezogen. Da wäre auf der einen Seite der staatsmännische Eamon de Valera – kongenial trocken gespielt vom ewig unterschätzten Alan Rickman – und auf der anderen der etwas „handfestere“ Michael Collins. Dass dieser von Liam Neeson dargestellt wurde, ist auch ein Knackpunkt des ganzen Projektes, war doch der echte Michael Collins zum Zeitpunkt der dargestellten Ereignisse gerade einmal 26 Jahre alt. Neeson - zur Zeit der Dreharbeiten 43 Jahre alt – ist damit auf jeden Fall zu alt und doch überzeugt er in der Rolle des idealistischen und oft auch halsstarrigen Rebellen, der den Terror als letzten Ausweg gegen die britische Fremdherrschaft ansieht.

Angereichert wird der Film durch eine kurios fehlbesetzte Julia Roberts – als Collins’ Geliebte – sowie Jordan-Intimus Stephen Rea als Ned Broy, einem Agenten des britischen Geheimdienstes mit Sympathien für die Sache der IRA. Dazu kommt noch Aidan Quinn als Harry Boland, der als rechte Hand von Collins fungiert. Durch die Riege von Sympathieträgern und charmanten Kämpfern, wird jeder Mord, den die IRA durchführt, einer gewissen Legitimation unterzogen. Eine Gratwanderung, die Neil Jordan zu historischen Unzulässigkeiten verführte, womit er sein gesamtes Herzensprojekt, für dessen Verfilmung er beinahe 15 Jahre kämpfte, kompromittierte.

Das zweite Gesicht
Unter der Führung von Neil Jordan wird der spätere Präsident der Republik Irlands zur großen Nemesis der Unabhängigkeitsbestrebungen und indirekt zum eigentlichen Urheber des Bürgerkriegs auf der irischen Insel gemacht. Der Nordirland-Konflikt wie er heute noch besteht, wird weniger auf die Schultern von Collins und die IRA gelastet sondern auf jene de Valeras und einem widerspenstigen britischen Verhandlungsteam, als es schließlich doch noch um die Unabhängigkeit der Republik Irland geht. Jordan verdängt mit derartigen Manövern ein wenig die Verantwortung, die Michael Collins genauso trug.

So gesehen ist „Michael Collins“ – der zum zweiterfolgreichsten Film aller Zeiten Irlands avancierte – aufgrund seiner historischen Fehler und tendenziösen Sicht auf die Geschichte der IRA vor allem als ein exemplarisches Beispiel für irisches Filmschaffen zu sehen. Auch wenn Jordan in der historischen Biografie einige Sympathien für den Gründer der IRA aufkommen lässt, so steht er dieser offen kritisch gegenüber, wie in seinen Werken „The Crying Game“ (1992) und dem am 22. September in den österreichischen Kinos startenden „Breakfast on Pluto“ (2005) zu sehen. Ihm ähnlich in seinem Schaffen ist dabei Jim Sheridan, der noch weitaus kritischer mit Werken wie „Im Namen des Vaters“ (1993) oder „The Boxer“ (1997) das kontrovers diskutierte Feld des irischen Widerstands bearbeitete.

Irland, Spanien, Korsika …
Historisch gesehen hat Collins mit der IRA vor allem die urbane Kriegsführung – ohne Uniformen und erkennbare Truppendivisionen – eingeführt, wovon noch Organisationen im Baskenland (ETA) oder auf Korsika „profitieren“ sollten. „Michael Collins“ mag filmisch kein Meilenstein sein, ist aber ein exemplarischer Ausdruck für den künstlerischen Umgang mit Terror- oder doch Widerstandsorganisationen(?). Es bleibt abzuwarten welche Filme wir in einigen Jahren über das Leben und Schaffen so mancher Gruppierung zu sehen bekommen, die heute Widerstand gegen staatlichen Terror leisten … oder diesen herausfordern. Seien es PLO, Hamas, Kämpfer in Tschetschenien oder Al-Qaida ...

Bilder:
wikimedia.org
movieweb.com


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AutorInnen

Patrick Dorner

Patrick Dorner

Im Jahre 1983 geboren in der Steiermark, führte mich mein Weg über einen Zwischenstopp in Graz zum Studium nach Wien. Die meiste Zeit verbringe ich dennoch im Kino und ich würde lügen würde ich die Freude an dieser Beschäftigung bestreiten.

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