2007-04-02 00:13:30
Science-Fiction ist ein Genre, das vor allem in den auf Schauwerten orientierten Produktionen in den USA anzutreffen ist. Doch auch in Österreich wagte ein Regisseur den Versuch, dieses Genre für sich zu ergründen. „Halbe Welt“ von Florian Flicker war 1992 ein fantasievolles Experiment in der kargen heimischen Filmlandschaft
Eine Stadt, die sich mit Anbruch des Tages beginnt zu leeren. In dunkle Gewänder gehüllte Menschen, die diesem kollektiven Drang widerstehen und nicht in verdunkelte Häuserschluchten flüchten. Doch der Preis für den Aufenthalt in der Sonne ist hoch. Wenig später werden der Mann und die Frau getrennt. In einem Verhörraum wird die Frau – dargestellt von Filmemacherin Mara Mattuschka – über die Folgen ihres Handelns aufgeklärt. Wenig später stirbt sie. Das Sonnenlicht hat sie getötet.
Hitziges Leben auf Mutter Erde
In den ersten Minuten gelingt es Florian Flicker – der 1993 mit dem ungewöhnlichen Science-Fiction-Film „Halbe Welt“ sein Spielfilmdebüt feierte – die bedrohliche Atmosphäre einer unbewohnbaren Welt zu konstruieren. Es ist eine bizarre Parallelwelt unter der Erde, in abgedunkelten Gebäuden und Autos. Hier werden Bilder und Filme aus einer unbeschwerten – im Tageslicht gelebten – Welt zur Droge für eine abgestumpfte Gesellschaft.
Überwacht von einer gesichtslosen, in blanker weißer Kleidung auftretenden Polizei, organisiert sich ein Untergrund-Widerstand, der allerdings keine gesellschafts-politischen Ziele im engeren Sinn hat. Den Menschen, die Flicker in seiner unwirtlichen Zukunftsvision porträtiert, sehnen sich nach Lebensfreude und dem Tageslicht.
Bilderrausch in Raten
Wie schon im 1991 entstandenen Epos „Bis ans Ende der Welt“, von Wim Wenders, sind auch bei Florian Flicker, die Bilder – die bewegten – die Droge einer toten Welt, die nur noch dahin zu vegetieren scheint. Mittendrin sind es zwei Männer, die das Hauptinteresse an sich ziehen. Der Dealer Katz („Alles auf Zucker!“-Regisseur Dani Levy) verkauft alte Ansichtskarten und stillt so das Verlangen einer neuen Unterschicht während der, für die Staatsmacht arbeitende Herzog (Rainer Egger – „Struggle“), Tag für Tag am Dach seines Hauses steht und versucht den Sonnenaufgang zu ertragen.
Dieses Ritual führt auch zu einer der skurrilsten Sequenzen in „Halbe Welt“, die von der technisch limitierten Machart wie auch von deren Reiz erzählt. Nachdem Herzog etwas zu lange dem Sonnenaufgang gefrönt hat, taumelt er durch die vom Sonnenlicht bestrahlte Stadt und wird von einem illegalen Taxifahrer (Karl Markovics – „Komm, süsser Tod“) aufgelesen. Die absurde Verfolgungsjagd mit einem „weißen Polizeiauto“ spielt sich in einem abgedunkelten Wagen, über rauschende Monitore ab. Ganz klar ist hier zu sehen, wie sich das Geschehen in einer kleinen Box abspielt, während Markovics etwas unmotiviert am nicht funktionstüchtigen Lenkrad herum dreht. Dennoch gelingt es Flicker, diese Sequenz nicht in die Lächerlichkeit abzurutschen, sondern fügt sie behutsam in seine Zukunftswelt ein, die er komplex gestaltet.
Das Ende der Welt, liegt nah
Die Menschheit hat sich im Science-Fiction-Film immer schon gerne, mit der drohenden Auslöschung seiner selbst beschäftigt. Zumeist in Form einer Invasion außerirdischer Streitkräfte oder durch den Abwurf einer Atombombe. Ökologische Aspekte fanden – bis in die Neunziger Jahre – eher selten Einzug ins Kino. Flicker hat die Zeit und die mediale Aufmerksamkeit genutzt, um seine geschickt konzipierte Geschichte um eine von der globalen Erwärmung ausgedörrten und verrotteten Planeten zu inszenieren.
Das in Österreich im Grunde nicht existente Genre Science-Fiction wird von Flicker mit stark kontrastierten Außenaufnahmen und einer grotesk in die Absurdität verrückte Unterwelt in Szene gesetzt. Der Tod eines einzelnen ist in „Halbe Welt“ nie ein erschreckendes Ereignis, sondern Konsequenz einer in sich zusammengefallenen Gesellschaftsordnung.
Keine Chance auf Bewährung
In solch einem Szenario ist ein überraschendes Happy-End natürlich nicht vorgesehen. Gut so. Denn die in dem Sujet innewohnende Gesellschaftskritik, kommt gerade durch die Ausweglosigkeit, die der gesamten Situation anhaftet, noch mehr Bedeutung hinzu. Da mag Michael Haneke in „Wolfzeit“ das Ende der Welt noch so symbolisch verklärt und unbeschreiblich ausdrücken wollen, an das greifbarere und bei weitem eindringlichere Szenario von Florian Flicker kommt auch ein Haneke nicht heran.
Im Jahre 1983 geboren in der Steiermark, führte mich mein Weg über einen Zwischenstopp in Graz zum Studium nach Wien. Die meiste Zeit verbringe ich dennoch im Kino und ich würde lügen würde ich die Freude an dieser Beschäftigung bestreiten.
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