2007-07-28 15:46:43
kino5 fördert seit Jahren den Independent-Film in Österreich. Philipp Kaindl und Stefan Bößner von kino5 sprachen mit FM5 über den österreichischen Film, die Ziele ihres Vereins und die Bedeutung von Networking.
Im Dezember 2004 wurde das Projekt kino5 in Österreich initiiert. Seit dieser Zeit arbeitet der Verein in dem internationalen Netzwerk von KinO um den Independent-Film salonfähig zu machen. Neben monatlichen Screenings veranstaltet kino5 jährlich das in Wien bereits allseitsbekannte KinoKabaret. Philipp Kaindl (Koordination und Organisation) und Stefan Bößner ('Film frei' und PR) sprachen mit FM5 über die Ziele und Pläne von kino5 sowie über die Problematiken der österreichischen Filmszene.
FM5: Das Projekt Kino wurde ja ursprünglich in Montreal/Kanda gegründet. Wie kam es, dass das Projekt auch in Österreich mit dem Namen kino5 realisiert wurde?
Philipp (schnauft): Da muss ich jetzt ein wenig ausholen! Die Teresa Distelberger hat im Zuge eines Auslandsjahres das Projekt Kino in Paris gelernt. Sie hat auch damals selbst einige Filme für die Screenings gedreht. Als sie wieder in Wien war, haben wir probeweise bei den Viewfinders einige Screenings abgehalten. Das war im Oktober 2004. Am 24. Dezember haben wir dann den Verein ganz offiziell gegründet und sind mit den Screenings ins Cabaret Renz übersiedelt. Seit Herbst 2005 sind wir im Schikaneder.
Ein Ziel von kino5 ist es ja, Nachwuchs-Filmemacher zu unterstützen? Einerseits geschieht dies durch die monatlichen Screenings im Schikaneder, aber gibt es auch noch andere Hilfestellungen bei der Produktion, beispielsweise im Vorfeld?
Philipp (stöhnt): Das wäre schön! Das ist auch ein längerfristiges Ziel von uns. Wir haben öfters schon ein Studio angedacht und wir versuchen Equipment aufzubauen, aber unsere finanziellen Mittel sind sehr begrenzt. Noch. Die größte Hilfestellung, die wir momentan anbieten können, sind die Screenings. Auch wenn man dort keinen eigenen Film zeigt, kann man Ideen und Projekte vorstellen und Leute für ein Filmteam suchen.
Networking also?
Stefan: Genau, das funktioniert auch mittlerweile ganz gut. Gerade im Schikaneder, wo gleich nebenan die Bar ist, stehen die Leute nach den Screenings zusammen und reden über die Filme. Da kommt es schon vor, dass jemand sagt ‚Dein Film hat mir gefallen, machen wir mal was zusammen …’. Die Teambildung funktioniert hier ziemlich gut.
Philipp: In weiterer Folge bieten wir Workshops an. Diese richten sich in erster Linie an Independent-Filmemacher, die lernen wollen, wie man vom YouTube-Style eher in Richtung professionelle Filme geht. Außerdem gibt es einen internationalen Filmaustausch. Das höchste der Gefühle dabei ist, es auf die PlanetKino DVD zu schaffen. Das ist so eine Art Best-Of. Die Filme werden in Montreal ausgewählt und die DVD wird dann auch international stark vertrieben. Da kann es schon passieren, dass man zu höheren Ehren kommt, Einkünfte oder was auch immer (lacht).
Kurz noch zum Namen kino5. Im internationalen Netzwerk steht hinter Kino meist eine Zahl. Bei euch ist es 5, also kino5. Soll das eine Hommage an den Wiederstand in Österreich während des Nationalsozialismus sein?
Philipp (lacht): Wir heißen zwar den damaligen Widerstand gut, aber wir wollten damit jetzt kein Statement setzen. Soll heißen, wir wollen keinen Widerstand gegen die Regierung betreiben oder dergleichen. In erster Linie steht O5 für Österreich, um eben in der Kino-Bewegung als österreichische Vertretung gesehen zu werden. Wobei wir die Schreibweise x-Mal geändert haben und jetzt alles klein schreiben, also kino5. Das sollte die Verwirrung lösen, weil alle Leute glaubten es heißt Kino 05, was ja ein Zungenbrecher ist.
Stefan (lacht): Ja und viele graue Haare beschert hat.
Philipp: Abgesehen davon gibt es ja Kino 05 schon in Kanada.
Ihr veranstaltet ja jährlich das KinoKabaret. Rein von der Begrifflichkeit her, sind Kino und Kabaret aber zwei völlig verschiedene Kunstrichtungen. Was kann man sich genau darunter vorstellen?
Philipp (lacht): Ja, darunter leiden wir. Das ist so ähnlich wie mit Kino, wo die Betonung auf dem 'o' liegt, da es aus dem französischsprachigen Montreal kommt. KinoKabaret kommt ja ursprünglich auch aus Montreal. Es geht dabei um Filmemachen innerhalb kürzerster Zeit. In Wien haben die Leute 60 Stunden Zeit um einen Film zu machen und anschließend wird der Film gleich gezeigt.
Hört sich ziemlich stressig an. Aber was wollt ihr genau mit dem Projekt erreichen? Was ist das Ziel von KinoKabaret?
Philipp (denkt nach): Der Grundgedanke ist auch hier die Vernetzung und die funktioniert sehr gut. Es kommen Leute aus Österreich und dem Ausland, Leute mit und ohne Erfahrung. Im Anschluss gibt es immer eine Abschlussveranstaltung im Ost-Klub, wo auch Leute kommen, die sonst nicht zu den Screenings kommen würden. Diese wollen wir aber auch ausbauen, indem beispielsweise Musiker spontan zu den Filmen improvisieren.
Stefan: Zu den KinoKabarets kommen erfahrene Filmemacher und auch Filminteressierte, die dann eine Woche lang zusammen arbeiten und etwas schaffen. Das kriegt spätestens am zweiten Tag so eine extreme Eigendynamik. Man macht mit, wo man mitmachen will. Das ist eine Woche lang kreatives Hardcore-Happening sozusagen (lacht).
Philipp: Es gibt auch Leute, die von einem KinoKabaret zum nächsten reisen, weil es ein gutes Gefühl ist, innerhalb so kurzer Zeit etwas zu schaffen. Da werden Filme mit Festivalqualität produziert aber auch die 30-Sekunden-Quickies, die nur einmal gezeigt werden.
Ihr veranstaltet Screenings, Workshops und das KinoKabaret. Wie werden diese Projekte finanziert?
Philipp: Das ist eine Mischung aus Merchandise, ein bisschen Spenden und einer großzügigen Jahressubvention der Stadt Wien, was nicht heißen soll, dass die Förderung nicht ausbaufähig wäre! Es ist zumindest ein Betrag, mit dem wir arbeiten können.
Stefan: Das ganze Projekt lebt ja von dem Geist, dass Leute zusammenkommen und sagen ‚Wir haben zwar nicht die Mörderkohle, wir wollen aber trotzdem was machen’. Wenn alle aus purem Idealismus und Expressionsdrang zusammen helfen, dann ist viel möglich.
Philipp: Das ist ja auch unser Motto. 'Do well with nothing, do better with little, but do it right now!' Der Gedanke ist, dass es in erster Linie nicht ums Geld geht. Wenn irgendwann dann das Geld kommt, soll man das Ganze besser machen. Das Wichtigste ist aber, zuerst etwas zu machen. Wie gesagt: ‚do well with nothing’.
Ihr habt gerade Sommerpause was die Screenings betrifft. Gerüchteweise habt ihr ja vor nächstes Jahr ins Wiener Museumsquartier (MQ) zu übersiedeln? Stimmt das und was ist darüber hinaus für die kommende Filmsaison geplant?
Philipp: Wir überlegen das KinoKabaret nächstes Jahr im MQ zu veranstalten. Also dort das KinoLab zu haben, wo sich alle treffen. Vielleicht wird eines der drei Screenings dort stattfinden. Aber das ist noch sehr unsicher! Wenn sie uns einen Raum geben wollen, in dem man ein permanentes Studio einrichten kann, dann Hurra! Gerne! Wunderbar! (lacht). Was wir nächstes Jahr sicher machen wollen, ist unsere Kooperation mit dem Vienna Independent Short Film Festival zu verstärken.
Stefan (schmuntzelt): Die Gerüchteküche brodelt!
Philipp: Es wird weiterhin Workshops aus dem Netzwerk von NisiMasa geben, die auf europäischer Ebene arbeiten. Kino sind eher die Spontanen, die ohne Geld arbeiten und NisiMasa sind eher die Bürokratischen, die dafür auch teilweise EU-Förderungen bekommen. Wir selbst werden auch wieder Workshops veranstalten, die sich jedoch auf das Filmemachen selbst beziehen. Wie beispielsweise einen Directing Workshop, wo es darum geht, wie man mit Schauspielern umgeht oder einen Cinematographie Workshop, für Kameraführung und Lichtsetzung. Angedacht ist auch ein Workshop mit Jörg Burger zum Thema Dokumentarfilm.
Bei den Screenings werden ja hauptsächlich Filme von Nachwuchstalenten gezeigt. Gibt es auch eigene Profilierungsprojekte von kino5? Also produziert kino5 auch selbst Filme?
Philipp: Das starten wir gerade. Bis jetzt war es so, dass die Filmemacher unter ihrem eigenen Namen produziert haben. Außer wenn wir Themen vorgeben haben. Bei diesen lief die Produktion unter kino5 - da geht es aber um das internationale Zeichen innerhalb des Netzwerks. Wir haben aber jetzt ein Projekt gestartet, bei dem verschiedene Filmemacher zusammen arbeiten und auch unter dem Namen kino5 produzieren.
Und in welche Richtung geht dieses Projekt bzw. um was wird es dabei gehen?
Philipp (lacht): Das ist noch geheim, damit die Erwartungshaltung nicht zu groß wird! Nein, angedacht ist eine Serie, die vom Kleinverbrechermilieu in Wien erzählt. Eine fiktive Geschichte im fortlaufenden Serienformat. Auf NisiMasa-Ebene sollen die Drehbücher vom Drehbuch-Wettbewerb, der gerade läuft, verfilmt werden. Sprich, wenn es ein österreichisches Drehbuch unter die Top 3 schafft, sind wir für die Produktion und deren Überwachung zuständig.
Der österreichische Film ist ja immer wieder heiß umstritten. Wie wird von euch die Lage des österreichische Films und vor allem die Situation von bzw. für Nachwuchskünstler/n eingeschätzt?
Stefan: Ich könnte mich da jetzt persönlich auslassen, was ich aber nicht tun will. Vor allem weil ich als Theaterwissenschaftler nicht der aktive Filmemacher bin. Was mir persönlich auffällt ist, dass lediglich Filme mit einem gewissen Potential gefördert werden und Low-Budget-Produktionen sowieso gleich weggelassen werden.
Philipp: Gefördert werden vor allem auch Filme, die Österreich im Ausland gut aussehen lassen.
Stefan: Es ist auch für junge, ambitionierte Projekte sehr schwierig, an Fördermittel zu kommen. Ich habe auch den Eindruck, dass der Film in Österreich noch immer stiefmütterlich behandelt und nicht als Kunst- und Kulturprodukt gesehen wird, sondern eben nur als Film.
Philipp: Bei vielen Initiativen gibt es Altersbeschränkungen, wie beispielsweise beim Medienzentrum, wo die Altersgrenze bei 22 oder 23 Jahren liegt. Bei den Shorts on Screen vom ORF gibt es auch eine. Wie ich draufgekommen bin, dass ich Filme machen will, waren diese Züge schon abgefahren. In Wien hat hier die Filmakademie eine gewisse Monopolstellung und es gibt kaum Alternativen. Daher versuchen wir uns ein wenig als Alternative zur Filmakademie zu positionieren, wobei dies sicherlich ein hochgestecktes Ziel ist.
Was liegt euch im Rahmen eurer Tätigkeit bei kino5 besonders am Herzen? Was würdet ihr euch für die Zukunft wünschen?
Philipp (denkt nach): Was mir wirklich am Herzen liegt? Dass sich mehr Leute trauen, Filme zu machen und unser Angebot annehmen. Das betrifft Filminteressierte, Low-Budget-Filmemacher, Leute von der Filmakademie aber auch Leute, die sich für das Kulturmanagement interessieren. Es verfallen immer wieder Plätze bei Workshops, weil keiner Zeit hat und das ist sehr schade!
Stefan: Bei uns braucht man keine Referenzen oder eine eigene Ausbildung. Willkommen ist jeder, der Interesse hat. Frei nach dem Motto: Just do it! Ich würde mich freuen, wenn mehr Leute mitmachen würden und keine Berühungsängste zeigen!
Vielen Dank für das Gespräch!