2008-05-21 10:36:11
Antwerpen strikes back. Nach dem Comeback und der kleinen Revolution für die Gesäßtasche, präsentieren dEUS neue musikalische Blickwinkel. 'Vantage Point' bietet die beste Möglichkeit, den Horizont nun zu erweitern.
Tom Barman ist geläutert.
War die Karriere von dEUS in der Vergangenheit von ständigen Reiberein, bandinternen Auseinandersetzungen und musikalischen Widrigkeiten geprägt, so ist das neue Album der Belgier so etwas wie ein interner Wendepunkt. Kein Besetzungswechsel diesmal, wie schon so oft.
Die Mannschaft steht und hat gemeinsam ihr eigentlich zweites Album eingespielt.
Best Case Szenario
Beste Voraussetzungen also, um nach Pocket Revolution musikalisch nachzulegen, das sieben Jahre in Anspruch nahm. Nur womit?
Der sphärisch beginnende Opener When She Comes Down widmet sich einem flüchtigen Moment des Glücks.
Von einem subtil antreibenden Beat angeregt, wird versucht, diesen Augenblick einzufangen, damit es nicht nur bei einem flüchtigen Umstand bleibt.
Oh Your God, der beste Song der Platte, rotiert heftig, salbt das Haupt mit Nick Cafe-Gesangsintonation und kreiert besondere Spannung für die religiöse Weltanschauung.
Danach erscheint die Eternal Woman, die ihre Wichtigkeit mit dem Buchstabieren ihres Vornamens verdeutlicht. Schließlich wird die ewig anhaltende Liebe zu zweit in Sanftheit besungen.
Neckisch und mit mehr Biss spielen dEUS anschließend ihr Favourite Game. Kopuliert wird dann in Slow, dem begehrlichen Verführungstanz von Barman und der The Knife-Sängerin Karin Dreijer Andersson.
Das Schlagzeug schlägt einen dynamischen Ton an, die Gitarren brummen im Takt. Alles andere als eine billige Verlöckung des Fleisches.
Zu Architektur tanzen? Warum nicht.
The Architect lässt den Geist von Richard Buckminster Fuller, einem amerikanischen Konstrukteur und Designer, funky aufleben.
Dass mit der Routine irgendwann die Kreativität absackt und man sich wie eine künstlich geschaffene Intelligenz fühlt, thematisiert Is A Robot.
Immer wieder kehrt die Platte zum Thema der Vergänglichkeit zurück. In The Vanishing Of Maria Schneider zollt Barman zusammen mit Elbow-Gastsänger Guy Garvey der französischen Aktrice Tribut, die im Bernardo Bertolucci-Film Der letzte Tango in Paris, zusammen mit Marlon Brando, Weltruhm erlangte. Es sollte ihr berühmtester Film werden, danach war es ruhig um sie geworden.
Dass mit Kinderchören unterstrichene, juvenil poppige Popular Culture unterstreicht die Ironie, dass dEUS in den USA bisher nicht den Durchbruch geschafft haben.
Es soll halt nicht sein.
Die Entdeckung des Wir-Gefühls
Von hell bis dunkel, von bitter bis süß: Vantage Point schwenkt den Blick auf die Wahrheit des selbst Erlebten und die sanfte Sehnsucht des Verlorenen.
Melancholie und feiner Schönklang verstärken das Reflektieren eines reifen Erwachsenenlebens.
Tom Barman hat zu sich selbst gefunden und zum ersten Mal sind ihm die Bandmitglieder nicht abhanden gekommen.
Die Platte fließt vielleicht dadurch so entspannt und homogen, und gerade dann, wenn der Boden unter den Füßen zu entschwinden droht, kommen Drive und Spannung um die Ecke, versetzt mit flinken Rhythmen, coolen Männerchören und scharfkantigen Gitarren.
Insgesamt könnte das öfter passieren, aber die derzeitige Inkarnation von dEUS scheint verstärkt auf Kuschelkurs zu setzen.
Vantage Point ist ein kompaktes, lockeres aber auch anregendes und sinnliches Album, dass öfter gehört werden muss.
Hinter dem sandfarbigen Cover verbirgt sich ein geschmackvoller, moderner, distanziert aber warmer Sound, der sich nicht sofort offenbart.
Lässt man das Album nicht oft genug rotieren, so könnte die Nachhaltigkeit verloren gehen.
Der neue Blickwinkel damit auch.
"Fill the air with poems, so thick
even bombs can't fall through."
(Peter Levitt)
Newsfeed von Daniel Gilic abonnieren