2008-04-28 14:12:54
Zwischen Kapitalismus und verletzten Eitelkeiten erzählt "Lost in Beijing" eine Geschichte aus der Anonymität der Großstadt.
Alles hat seinen Preis, doch Gefühle sind nicht käuflich. Dieser bitteren Erfahrung müssen letzten Endes auch die vier Protagonisten des Films Lost in Beijing ihren Tribut zollen.
Im Dschungel der Großstadt
In der bedrückenden Atmosphäre einer boomenden Großstadt kreuzen sich die Wege zweier Paare, die eigentlich nichts miteinander zu tun haben dürften. Doch ungeachtet dessen lässt sich der Chef des Gold Basin Foot Massage Palace Lin Dong (Tony Leung) dazu hinreißen, sich an seiner stark angetrunkenen Angestellten Ping Guo (Bingbing Fan) zu vergehen. Schicksalhaft wird aber ausgerechnet ihr Mann An Kun (Dawei Tong) unfreiwilliger Zeuge dieser Szenerie, womit weitere Verwicklungen vorprogrammiert sind. Er versucht zunächst den Vergewaltiger selbst und dann dessen Frau Wang Mei (Elaine Jin) zu erpressen, die ihm aber nur ausgleichenden Sex anbieten will - die ménage à quatre ist perfekt.
Aus zwei mach vier
Als Ping Guo in der Folge feststellt, dass sie schwanger ist, wird das ungeborene Kind zum Spielball zwischen den Parteien. Immer mehr verzahnen sich die Leben der vier Protagonisten, ohne dass sie sich menschlich in irgendeiner Weise näher kommen. Dadurch beginnt eine schleichende Eskalation der Handlung, die darin kulminiert, dass die Mutter des Kindes eine weitreichende Entscheidung treffen muss. Am Ende bleibt eine menschenleere Wohnung in der sozialen Kälte des Großstadtkapitalismus zurück.
Zwischen Fiktion und Wahrheit
Li Yu schafft es, mit ihren Bildern die bedrückende Atmosphäre einer Stadt und deren Spiegelung in den Menschen, die darin leben, eindrucksvoll auf den Zuschauer zu übertragen. Immer wieder schneidet sie dokumentarisches Material Pekings zwischen die fiktiven Erzählteile und ermöglicht es so, die etwas konstruierte Handlung mit dem tatsächlichen Leben in Chinas Hauptstadt zu verbinden. Letztendlich steht die Geschichte zweier Liebespaare in der Selbstauflösung auch nur als Metapher für die Verflüchtigung moralischer Werte und die Vorherrschaft wirtschaftlicher Belange, welche die Metropole fest in ihrem Griff hält. Immer wieder werden Geldscheine prominent vor der Kamera platziert, als ob sie Rechtfertigung genug für die mehr als fragwürdigen Entscheidungen der Protagonisten wären. Ping Guo trifft die einzig richtige Entscheidung: sie nimmt ihr Kind und kehrt dieser Gesellschaft symbolisch den Rücken. Kein Wunder also, dass Chinas Machthaber den Film nach kurzer Laufzeit verboten und deren Macher mit einem Berufsverbot belegt haben. Selbst der Kapitalismus hat seine Grenzen.
KINOSTART: Der Film läuft bereits
Nobody knows the trouble I've seen.
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