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Zwei Artikel zum Preis von einem

2010-09-03 15:26:45

Hier geht es um nichts episches. Zwei kleine Reportagen über Dinge, die in Wien während des Sommers geschehen sind.

In diesem Sommer stolperte ich über zwei Protestaktionen - mehr oder weniger. Zwei Geschichten sind daraus geworden, die es wert sind, erzählt zu werden. Aber sie sind kurz. In einigen Novellensammlungen kommt oft die Ausrede, dass die Texte deswegen nicht einzeln veröffentlicht wurden, weil sie irgendwie zwischen den Stühlen hängen geblieben seien. Für eine Zeitschrift zu lange. Für einen Roman zu kurz.

Verschlossene Räume oder: Wie ein Artikel zu etwas wurde, was nicht geplant war.

Eine Satirische Aktion gegen den Bildungsabbau


Meine Freundin geht auf die BOKU (Universität für Bodenkultur Wien), ich auf die POWI (Institut für Politikwissenschaften). Das klingt wie eine Babysprache. BOKU. POWI. Wenn man noch andere Fakultäten mit ihren Abkürzungen dazu nimmt, wird es richtig lustig.
Die BOKU ist eine schöne Universität. Sie liegt auf einer Anhöhe, an deren Flanke sich der Türkenschanzpark ausbreitet. Es gibt dort Gewächshäuser, ehrwürdige, alte Gebäude umzingelt von Bäumen und Glaspalästen, die aussehen wie hypermoderne Kolonien auf anderen Planeten.

Auf einer meiner zahllosen Reisen dorthin ist mir etwas interessantes ins Auge gestochen: Auf der BOKU werden nämlich Hörsäle gepfändet. Tatsächlich kleben an manchen Türen Pfandsiegel und darunter amtliche Verlautbarungen. Der Universität fehlen etwa dreißig Millionen Euro. Deswegen werden nach und nach Räume veräußert. Sogar die Caféteria.

Man holt sich eine Fairtrademelange und stellt fest, dass nicht nur die Automaten, sondern gleich der ganze Bereich aus Kostengründen gepfändet wurde.
Tut mir leid, dass ich so lange rumquatschen musste. Aber als ich aus Recherchezwecken eine von diesen Pfandsiegel fotografieren wollte, fiel mein Blick auf den Stempel des Ministeriums für Bildungsabbau, den diese Dokumente trugen.
Mal kurz darüber meditieren - ja, kapiert. Das Ganze war nur ein satirischer Witz oder Ulk von Studenten/innen. Ich wollte einen Artikel darüber schreiben und bin darauf reingefallen.

Ich verneige mich.

Was die Sache jedoch zeigt: Der BOKU fehlt Geld, eine Menge Geld. Darauf wollte die Aktion aufmerksam machen. An diesem "kleinen" Beispiel kann man auch Zusammenhänge zu anderen Dingen betrachten.

Woran scheitert es bei der BOKU wie in der Politik? Am Missmanagement. Dem Institut fehlen im Budget für die Jahre 2013 bis 2015 dreißig Millionen Euro.
Werden hier zu Lande Probleme gelöst, macht man es meistens noch schlimmer: sei es in der Affäre Zogaj, das Thema Eurofighter oder das defizitäre Kärnten.

In all diesen Fällen wurde entweder nichts unternommen oder noch Kerosin ins Feuer gekippt. Kann sich irgendwer noch daran erinnern, was bei den Uniprotesten initiierten Verhandlungen mit dem Ministerium rausgekommen ist? Genau: Nichts. Es sollte geschehen, dass ganz Österreich mit fiktiven Pfandbescheiden zugekleistert wird. Bis in die letzten physisch möglichen Winkel. Vielleicht geschieht dann mal was.

Die schwarze Katze in der Burggasse


Aktionisten der ASK  (Aktion Schwarze Katze) besetzten am Freitag den 13. ein Haus, das seit  2004 leersteht. Am Samstagmorgen sollte alles wieder vorbei sein. In der Burggasse 7, genau gegenüber des Volkstheaters, fand die Besetzung statt. Es ist ein großes Haus mit vielen leeren und stillen Räumen. An der Fassade hingen die obligatorischen Fahnen und Transparente herab. Die Wände im Erdgeschoss zur Straße hin waren eine Wand aus Plakat-Überresten. Als es wieder Montag wurde hängte jemand ein Schild an die Eingangstüre:

„Morgen wird dieses Haus geräumt. Kommt herein, fühlt euch frei. Fühlt euch frei und kommt herein.“

Es ist nicht das erste besetzte Haus in der Menschheitsgeschichte und es wird auch nicht das letzte sein. Was ist gerade an dem Haus so spannend? Hier geht es auch weniger um die Besetzung an sich. Die ist schnell erzählt. Eigentlich geht es darum zu versuchen, eines zu verstehen:
Warum tun die das? Der Hof dieses Hauses ist bestialisch von Tauben zugeschissen. In einer Ecke ruhten drei volle Plastiksäcke voll mit dem, was bei der Säuberung angefallen war. Einige Teilnehmer saßen in einer improvisierten Teeküche und erzählten, was sie aus dem Haus machen wollten: Hier sollten Vereine kostenlos Workshops anbieten können. Man wolle solidarisch mit den Anrainern leben und alternative Lebenskonzepte für die Stadt entwickeln.
Das waren die Pläne.

Sie argumentierten auch, dass diese Häuser absichtlich verfallen sollen, um Platz zu schaffen für teure Immobilien. Einige erzählten, dass bei einer anderen Aktion ihnen einfach von den Anwohnern Kuchen vorbeigebracht worden sei. Im Fernsehen wurde aber dann von wütenden und sich sorgenden Nachbarn berichtet.

Am Dienstag, den 18., wurde das Haus geräumt. Da war es aber schon wieder leer.

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max sternbauer

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