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kreatives

Zwa Woch'n Tokyo.

2008-08-30 01:28:10

  • zwa wochn tokyo

...oder was dabei herauskommt, wenn man am Nebentisch mithört.

Es ist ein lauwarmer Spätsommernachmittag. Ich sitze in einem Restaurant irgendwo im siebenten Wiener Gemeindebezirk und tue nichts.

Ich genieße die Sonnenstrahlen und nach einigen Minuten höre ich nichtmal mehr die Autos, die in der Ferne die Burggasse hinunterrasen.

Dann werde ich plötzlich aus meinen Tagträumen gerissen. Ein paar Meter weiter haben zwei ältere Damen Platz genommen. Und tratschen.

Aus irgendeinem Grund höre ich ihnen zu.

"Do woar so a Männerchor, de woar'n sogor multikulturell! Aus Südafrika und Island und wos waß i woher.", sagt die blond Eingefärbte. Sie gehört zu der Sorte "alte Frau", die ihr Alter nicht akzeptieren, hätte Mitbewohnerin M. jetzt gesagt. Doch sie ist nicht da und ich muss darüber sinnieren, wo dieser Männerchor war. Leider verstehe ich nur Bruchstücke der Unterhaltung, denn plötzlich sind die Autos akustisch wieder ganz nah. Typisch.

"Jetzt sans in Tokyo.", sagt die blond Eingefärbte. "Und wia long?", fragt ihre Freundin/Schwester/Lebensgefährtin. Alles ist möglich. "Zwa Woch'n!", ruft die blond Eingefärbte empört, sodass ich es mühelos verstehen kann. Die Leute - der Männerchor? - die nun zwei Wochen in Japans Hauptstadt sind, sind ihr wohl nicht gerade sympathisch. Nichtmal die zwei Wochen Urlaub gönnt die blond Eingefärbte ihnen. Wahrscheinlich geht es um eines ihrer Kinder. Um ihren Sohn? Der gerade mit der depperten Schwiegertochter Hochzeitsreise macht. Und im Flugzeug trafen sie auf den multikulturellen Männerchor. So muss es gewesen sein.

"Des woar jo a nur de Zweitbesetzung.", hebt die blond Eingefärbte wieder an und ihre Anwältin/Nachbarin/Tanzpartnerin nickt heftig und schaut dabei passend entsetzt. Wer war wessen Zweitbesetzung? War der Männerchor nicht das Original? Oder war die Schwiegertochter nur zweite Wahl für den gutaussehenden Sohnemann, dessen vorletzte Freundin eine viel bessere Ehefrau gewesen wäre? Ich bin kurz überfragt. Eine vorbeigehende Familie wird von mir mit bösen Blicken bestraft - wie können die nur so laut reden, wenn ich da gerade herausfinden muss, wer nun wessen Zweitbesetzung war.

Aus Wort-Fragmenten wie "Theater", "Logenplatz" und "unmöglich!", reime ich mir zusammen, dass die Damen Kritikerinnen sein müssen und kurzzeitig in berufliche Gespräche verfallen sind. Mit einer Handbewegung, welche "genug davon" bedeutet, winkt die blond Eingefärbte ihre Zahnärztin/Sekretärin/ehemalige Schulkollegin zurecht und kommt wieder zur eigentlichen Story.

"Na wonns jetz de neich'n Fensta hom, wer'ns uns eh einlona.", sagt sie bestimmend, wodurch ihre wortkarge Cousine/Trauzeugin/Bewährungshelferin davon völlig überzeugt ist und sich genießerisch zurücklehnt. Gemeinsam schweigen sie und tuen das, was ich zuvor gemacht habe: nichts.

Ich selbst bin aber völlig rastlos.

Das arme verliebte Pärchen, welches in Tokyo auf Hochzeitsreise ist und einen eigenen Männerchor für ihre Fünf-Sterne-Unterkunft mit den besten Sängern der ganzen Welt zusammen gekratzt hat, müssen nachdem ihre Fenster endlich eingebaut wurden, auch noch diese beiden alten Damen bei sich zu Hause beherbergen. Das Leben ist nicht fair.

Ich wünsche euch Glück, Raimund und Charlotte!

Denn ich bin mir sicher, das sind eure Namen.

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AutorInnen

Christian Pausch

Christian Pausch

...und ich wär' hier so gerne zu hause,

denn die Erde ist mein Lieblingsplanet.

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