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kreatives

Wortglauberei

2007-04-02 00:10:57

...wir sind befangen im Gebrauch unserer Worte, die sich unsere Befangenheit zunutze machen, um uns übers Ohr zu hauen - auf dass uns Hören uns Sehen vergehe und wir blindlings und ihnen hörig unseren Frondienst ableisten. Fortsetzung einer Versuchsreihe, die schließlich aus der gebräuchlichen Hörigkeit führen und verantwortungsvoll machen soll.

Als ich heute Nachmittag von der Schule heimkam und eine Krautsuppe zu mir nahm – danach fühlte ich mich gleich gute zehn Kilogramm leichter! - , fiel es mir wieder ein: Es muss (meinerseits) noch ein Text über das schier endlos lange (Un-)Wort „Koalitionsverhandlungsknackpunkt“ (Zitat: FM4-Homepage) für die kreativste aller kreativen Serien, für „Wortglauberei“, verfasst werden.


Koalitionsverhandlungsknackpunkt

Wahnsinn! Lassen wir uns dieses mit 32 Lettern bestückte Wort noch einmal auf der Zunge zergehen: KOALITIONSVERHANDLUNGSKNACKPUNKT.

Ästhetik hin oder her, Fakt ist, man kann Wörter in die Länge ziehen. Beispiele: Donaudampfschiffgesellschaft (28 Buchstaben) oder – zugegeben eher fiktiv – Donauinselfestaufbauteambesprechung (sogar 35 Buchstaben beinhaltend!). Doch kommen wir wieder auf das ursprünglich für diese Serie gewählte Wort zurück: Es beinhaltet alle fünf Selbstlaute (Stichwort: Donauinsel) und das Aussprechen des Wortes dauert fast so lange wie die Koalitionsverhandlung respektive -bildung selbst.


Wörter funktionieren wie eine Knetmasse, wie Plastilin – sie können verformt, geknetet werden, sodass andere Formen daraus entstehen. So ist es möglich – weil die Literatur, gemessen an ihren Möglichkeiten, eine Spielwiese ist – das Wort „Koalitionsverhandlungsknackpunkt“ geschickt in die Länge zu ziehen und gar radikal überdurchschnittliche Wortkonstellationen wie Koalitionsverhandlungsknackpunktgesprächspartner (48 Buchstaben!!) oder, auweh, Koalitionsverhandlungsknackpunktgesprächspartnerort (51 Buchstaben!!!) entstehen zu lassen – fernab jeder Ästhetik(-diktatur):


Ein weiterer wichtiger Aspekt ist aber jener der Aussprache: Wie klingt ein Wort schön? Wie soll es klingen, will man noch mehr davon hören? Weil Literatur bzw. die tonale Wiedergabe ihrer Wörter ja letzten Endes sexy klingen muss! (So viel zum Thema „Soundästhetisches Grundprinzip“.) Die Reihenfolge der Buchstaben dürfen in dieser Hinsicht kein (Sprach-)Hindernis darstellen, außerdem kann die Stimmlage – sie darf weder zu hoch noch zu tief sein – konstant gehalten werden, weil der Atem für dieses zum Aussprechen ca. 2, 5 Sekunden benötigende Wort locker ausreicht.


Bleibt also nur eine Frage im Raum stehen: Wie würde ein Psychologe diese literarische „Missgeburt“ deuten?

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AutorInnen

Johannes Rausch

Johannes Rausch

"Von Beginn an ist Johannes ein hedonistischer Charakter und Ästhet – im Sinne Kierkegaards – der nur darauf aus ist, Cordelia zu verführen." (Wikipedia)

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