2007-04-02 00:11:35
In einem der ersten deutschsprachigen Texte über Acid House werden House und Techno als "Gebrauchsmusik, die Rockjournalisten in den Ruhestand schickt" beschrieben; mit ähnlichen Argumenten bezeichnet Westbam "Track-Musik" wie House und Techno als das "Ende des Musikjournalismus". Der folgende Artikel skizziert Argumente für diese und gegen diese These und erläutert die Probleme, mit denen der herkömmliche Musikjournalismus durch Techno und House konfrontiert wurde.
Die Anfänge:
Zu Beginn, als Techno seinen Kinderschuhen entwuchs und zu dem größten Massen- und Jugendkulturphänomen wurde, das es in den Neunzigern gab, schien es wirklich so, als würden die Musikjournalisten in dem Feld rund um die Club Culture überflüssig werden.
Deswegen ist es auch nachvollziebar, wenn Westbam sagt:
"Ja, das Ende des Musikjournalismus ist natürlich sowieso diese ganze Track-Musik. Was willst du da rezensieren an einem Stück, das für sich nicht den Anspruch erhebt, ein abgeschlossenes Werk zu sein. Darüber kann man ja eigentlich noch gar nichts sagen."
(Westbam und Reinald Goetz: Mix, Cuts & Scratches, Berlin 1997)
Clubmusik wie z.B. Techno, House und all ihre Subkategorien, die im Laufe der Jahre entstanden sind, entziehen sich - und das war etwas wirklich Neues - immer mehr der Möglichkeit ihrer Verhandlung mittels des geschriebenen Wortes.
Die Masse der Veröffentlichungen, denen die Funktionalität eigen ist, auf der Tanzfläche meist nur für kurze Momente eine bestimmte Wirkung zu erzielen und die nach diesem Moment womöglich für immer vom Plattenspieler verschwinden, ließ sich nicht mehr journalistisch abdecken.
Wie sollte man auch diesen Augenblick des Glücks- und Einheitsgefühls der "Raving Society" auf dem Dancfloor, im berauschenden Moment des Tanzes, sprachlich einfangen?
Was soll man über eine Sequenzspur sagen, unter der eine 4/4 Kickdrum läuft, produziert von jemandem, der unter noch fünf anderen Pseudonymen in wahrscheinlich anders gelagerten Untergenres veröffentlicht, und verpackt in nicht mehr als eine unbedruckte weiße oder schwarze Plastikhülle?
Viel kann man dazu nicht sagen, außer eben das.
Musik, die nicht vermittelt werden, sondern funktionieren will als Werkzeug eines DJs und Auslöserin einer Aktion auf der Tanzfläche.
Diese neuartige Funktion von Musik und ihre Bezogenheit auf den Moment zog eine bis dahin unbekannte Art von Produktion und Distribution nach sich.
Öffentlichkeit wird hier in einem ganz engem Rahmen definiert: Produzent, DJ, Dancefloor, spezielle Vertriebe, spezielle Plattenläden, wo wiederum spezielle Informationen umgeschlagen werden.
Diese Information ist nur denen zugänglich, die sich in einem sozialen Feld bewegen, in dem ein bestimmtes Verständnislevel herrscht.
Das macht die Schwellen hoch und die Zirkulation von Musik und kodierter Information im Inneren sehr schnell.
Kurze Wege, kurze Worte, kurze Dauer.
Die konventionelle Musikpresse gab sich Anfang der Neunziger, als Techno größer wurde, weithin ignorant.
In der Technoszene gab es zu Beginn keine Identifikationsfiguren, keine Anschlüsse, keine Gesichter, nichts als Tracks.
Dazu kommt noch, dass besonders in Europa Techno als ein neues, eigenes und wurzelloses Genre mitsamt Jugendkultur gesehen wurde, die nichts mit den angeblich gescheiterten Vorgängern zu tun hat.
Die Veränderung:
Doch seit ein paar Jahren ist eine entgegengesetzte Entwicklung zu beobachten.
Techno wird als normaler Bestandteil der Popmusik betrachtet und findet seinen Platz in Rezensionsrubriken von bürgerlichen Tageszeitungen genauso wie in den Fanzines, die schon seit Jahren die "Raving Society" begleiten und groß gemacht haben.
Was passsiert mit Techno, dass diese Musik auch außerhalb der Club Community einen Reputationsgewinn verzeichnen kann?
Wird nicht irgendwann jeder Underground / jede Avantgarde zu einem Mainstream-Phänomen?
An folgenden Aspekten lassen sich vorerst Veränderungen bzw. Entwicklungen feststellen:
Musik:
Generell lässt sich Techno nicht mehr auf sein bisher bestimmendes musikalisches Element, den durchgehenden 4/4 Beat, reduzieren.
Strömungen wie Elektro, Trip Hop, Jungle, Breakbeat, Drum´n´Bass haben sich in das Zentrum geschoben, werden adaptiert und eingebaut.
Das bedingt das Paradox, dass Techno nicht mehr als ausschließliche Dancefloor-Musik wahrgenommen wird.
Sondern eher als Diskursraum, in dem sich unterschiedliche gegenwärtige Strömungen treffen, gegenseitig aufsaugen und abstoßen.
Dazu passt die Tatsache, dass sich zwischen Techno, House, Elektro,... also neuer Musik und Rock, ein musikalischer Zwischenbereich gebildet hat, in dem Elemente unterschiedlicher Musikstile aufeinander bezogen werden.
Die Grenzen gehen also flüssig ineinander über, verschwimmen und lösen sich somit auf.
So können verschiedene neue Musikrichtungen auch von einem neuen (älterem) Publikum entdeckt und aufgenommen werden.
Geschichte:
Techno wird älter.
Das heißt insbesondere, dass aktuelle Veröffentlichungen auf ihre geschichtliche Relevanz hin gehört werden.
Nichts ist mehr neu. Hinter jeder Platte lichtet sich der Schlagschatten ihrer Genese und wird als Qualitätsstandard herangezogen.
Mit der geschichtlichen Verwurzelung geht auch eine Transparenz einher.
Aktuelle Veröffentlichungen sind keine abgeschlossenen Entitäten, sondern Fenster, die Nachvollziehbarkeit und repetitives Wissen ermöglichen.
DJs:
Dadurch, dass Techno einen immer breiteren Raum in Musik- und allgemeinen Medien einnimmt, hat sich die Nachfrage nach Namen und Gesichter verstärkt.
Hinzu kommt, dass Musiker dadurch, dass sie seit den Anfängen (Mitte der achtziger Jahre) Techno auflegen, produzieren und auch heute noch Platten machen, mit der Geschichte der Musik verbunden werden und eine unanfechtbare Stellung erreicht haben.
Noch immer werden in den einschlägigen Läden hauptsächlich Maxis verkauft, aber gerade ältere Musiker bevorzugen das Langformat, um ein Gesamtbild ihrer derzeitigen Kreativität zu präsentieren.
Design:
Was vor einigen Jahren und heute noch pragmatisches Mittel ist, um die eigene Musikproduktion so sachgerecht und billig wie möchlich zu handhaben - das schmucklose Plattencover -, ist inzwischen zu einer eigenen Art des Informationsdesigns geworden.
Vom reinen Pragmatismus des Handling hat sich die Erscheinungsweise zum Ausdruck eines hohen Bewusstseins über die ästhetische Vermittlung des eigenen Tuns gewandelt.
Man kann bei vielen Platten schon vom Cover auf den Musikstil schließen, was bei der Auswahl der Platten aus einem riesiegen Musik-pool schon hilfreich sein kann.
Mittels einer bestimmten Auswahl von ästhetischen Merkmalen wird Techno in ein kulturelles Kapital umgewandelt und einem Wissen über Design, Kunst und Geschichte der Popkultur angeschlossen.
Labels:
Nachdem Techno nun auch schon einige Jahre auf dem Buckel hat, und viele bekannte DJs, wie schon vorher genannt wurde, Identifikationsfiguren für die Szene und den Sound geworden sind, kann man dieses Phänomen auch auf die Plattenlabels übertragen.
Die Labels haben sich aufgrund der Qualität ihrer Veröffentlichungen einen Namen gemacht, der über die eigene einschlägige Szene hinausgeht.
Sie definieren sich über ihr DJ-, Künstler- und Musikerkollektiv, ihr Artwork und haben sich auch meistens einen bestimmten musikalischen Genre verschrieben.
So sind in Plattenläden meistens auch nicht die DJs und Produzenten alphabetisch gereiht, was bei dem gängigen Pseudonym-Dschungel in einem Chaos enden würde, sondern die Labels.
Dank der bestehenden Labelkultur verliert man in der sich sehr schnell verändernden Musiklandschaft auch nicht so schnell den Anschluss.
Diese hier schematisch dargestellten Aspekte haben zu einem Abschied von Techno geführt, wie man diese Musik bisher kannte oder zu kennen glaubte.
Zwischen Musik und Körper hat sich ein Wissen geschoben, das musikalisch und verbal aufgearbeitet und interpretiert wird.
Das entspricht Rezeptionsweisen, mit denen Rock- und Popmusik bisher aufgenommen wurde.
Techno spricht nicht mehr nur einen amorphe Masse von "Ravern" an, sondern den einzelnen Musikhörer in seinem Zuhause vor seiner HIFI-Anlage mit seiner Musikzeitschrift und seinen Fachbüchern.
Der Hang zum Privaten lässt sich bei Techno weniger auf der Produzentenseite, sondern eher auf der Seite der Konsumenten ausmachen.
Eine Musik, die lange einerseits hermetisch abgeschlossen, andererseits ohne individuelle Mermale ("nur" in der Funktion für eine entindividualisierte tanzende Masse) ein Eigenleben führte, ist jetzt eingegliedert in gewohnte Mechanismen des Hörens und Kaufens.
Öffentlich findet man Techno nach wie vor auf der Tanzfläche, aber in immer stärkerem Maße innerhalb einer Gemeinschaft intellektuell-bohemistischer Konsumenten, die ihr Techno-Erlebnis nicht mehr in wochenendlichen Initiationsriten haben, sondern es sich in Privatstudien einschlägiger Fanzines und -bücher erarbeiten und sich von Hocker-DJs erklären lassen.
Quelle:
"Allein mit der Sequenzerspur. Techno in der Falle der Öffentlichkeit"
von Martin Pesch, in: Marius Babias, Achim Könneke (Hg.):
Die Kunst des Öffentlichen. Projekte/Ideen/Stadtplanungsprozesse im politischen/sozialen/öffentlichen Raum.
I’ve been labeled as a punk, a freak, a goth, a candy raver, a slut, a drug
adddict, but whatever people want to think is fine with me because I don’t
care. I’m myself and that’s who I want to be. (sarah jones "what riot grrrl
means to me")
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