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kreatives

Work Idiot Work

2007-09-01 11:02:16

  • der Reliquien Arbeit
  • safety first

Erkenntnis am Fließband drapiert, angewandtes Wissen mit Akkuschrauber serviert, Empirie in der Kartonmaschinerie, gedacht hätt ich das nie.

 

Ich habe für mich dazu entschieden, dass ich einfach nicht für körperliche Arbeit geschaffen bin. Was damit zu tun haben kann, dass meine von Narben übersäten Unterarme, meine geschundenen Beine und meine mittlerweile chronisch gezüchteten Augenkrater mich möglicherweise etwas negativ bezüglich sämtlichen Formen von ferialpraktiziöser Knochenarbeit gestimmt haben.  Als FerialarbeiterIn ist man aber auch echt, wirklich, voll, der letzte Dreck. In der Regel hat man eine pfundige Vorgesetzte in kurzen Hosen mit Palmenfrisur, die sich windig und schneller als jeder Haken schlagende Hase durch den Betrieb bewegt, als dass eine auch noch so drahtig geformte Jungspundin jemals im Stande wäre, ihr zu folgen.

Handarbeit ist Kommunikation


Neben Kraft, Ausdauer, Geschick und Gehorsamsbereitschaft muss man als körperlich Schaffender auch noch den richtigen Firmen-Slang mitbringen, was ein weiteres Problem für mich darstellt. Diesen dort vorherrschenden Jargon dürfen sich nämlich alle emotional zart besaiteten Lulus nicht zu sehr zu Herzen nehmen, denn mithilfe dessen werden innerbetriebliche Spannungen abgebaut, um das wohlig kuschelige Arbeitsklima und damit verbundenen Firmenerfolg auf Dauer zu gewährleisten. Als man mich also als Streber titulierte, weil ich von selbst ohne Aufforderung nach einer Beschäftigung suchte, war ich zunächst etwas verdutzt, aber schnell eignete ich mir diesen Work-Talk an und gab bald gerne viele unnötige Kommentare von mir.  Besonders weit aus dem Fenster lehnte ich mich einmal, als ich in der Mittagspause am vollbesetzten Stammtisch verkündete, dass es mich überhaupt nicht mehr freuen würde hier noch eine ganze Woche zu arbeiten. Ich merkte sehr schnell an der verschämten Stille der anderen, wie wahnsinnig unüberlegt meine Aussage war. Schließlich hatte ich nur mehr eine Woche vor mir, während sämtliche meiner kurzfristigen Kollegen ihr ganzes Leben lang diesem Beruf nachzugehen hatten. Die Anstrengung und die Konflikte, mit denen ich 31 Tage konfrontiert war, sind das tägliche Brot und Leid meiner Mitarbeiter.

Handarbeit ist Punk

Diese Helden, möchte man beinahe sagen, könnten in ihrer Art unterschiedlicher kaum sein. Zum Beispiel befindet sich unter den Mitarbeitern der Basketballspieler Duncan, wie ich ihn insgeheim titulierte. Tagein, tagaus schien er stets dasselbe Trikot zu tragen mit einer für diesen Ballsport typischen Nummer und eben jenem Namen eines vermutlich amerikanischen Spielers auf der Rückseite. Besonders toll anzusehen waren auch der Altrocker mit Ohrring und schwarz-weißem Kopftuch, worunter sich dessen lange Mähne ungezügelt einen Weg nach draußen bahnte. Auch der jugendliche Vorzeigepunk mit rot-grüner Irokesenpracht, einer der unzähligen, akustisch kaum zu verstehenden ostdeutschen Leiharbeiter zählte zu meinen Favoriten.

Handarbeit ist Wissenschaft

Als eines dieser, in sich komplett unterschiedlichen Glieder, welche im Ganzen ein gut geöltes Getriebe darstellen müssen, leistete auch ich meinen Beitrag durch tatkräftiges Anpacken. Ironischerweise hat dies nicht gerade wenig mit Kommunikationswissenschaft zu tun, welches für doch so viele, vor allem auch unter den FM5-Jüngern und für mich als alte Publizistin, kein unbekanntes Fachgebiet darstellen dürfte, was ich sehr überraschend fand.  Schön ist auch sich vor Augen zu halten, nicht nur etwas an Erfahrung und Praxis dazu gewonnen zu haben, sondern auch dazu beigetragen zu haben, dass sich jemand irgendwo auf der Welt eines fancy Drehstuhls erfreuen kann, für welchen ich unter anderem leibhaftig Blut und Wasser geschwitzt habe.

Handarbeit ist Ekstase

Was ich außerdem wie Hölle vermissen werde, ist der höchst geschätzte Energielieferant Automatenkaffee; die 80erJahre-Dauerwelle der Jausenverkäuferin (ein selten schönes Exemplar); die rote Miezekatze, die uns ab und an besuchte; diesen höchst optimistischen Grundgedanken der Teamfähigkeit von Menschen; die mir selbst zugefügten Verletzungen; die deutlich zu erkennende körperliche Schmutzreduktion beim Duschen; die Musikvideos auf MTV um 5 Uhr früh;  den legendärsten aller Hubwagen; den wilden und strengen Blick des Sicherheitschefs, der hundertprozentig zwei Hufen unter seinen Hosenbeinen versteckte; das Sammeln diverser Kleinteile, das ungeschlagene Hochgefühl nach wortwörtlich getaner Arbeit und nicht zu vergessen: die monatlichen Moneten. All das in Betracht gezogen bleibt für mich nur ein möglicher Schluss zu ziehen: Ich komme wieder. Oja, und wie ich wieder kommen werde.

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AutorInnen

Nadine Obermüller

Nadine Obermüller

On est toujours jaloux du métro des autres. C.G.

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