2012-06-16 20:12:35
Woody Allen steht für Filme am Fließband, Ende August kommt mit To Rome with Love sein aktuelles Werk in die Kinos. Ein netter Sommerfilm mit Starbesetzung, aber ohne allzu große Ansprüche: Woody Allen war schon mal relevanter.
„Ich finde es deprimierend, wenn die Leute meine Filme loben. Denn dann habe ich das Gefühl, dass alle zu viel Rücksicht nehmen.“ Woody Allen wie er leibt und lebt: schwarzmalend, selbstfixiert, sich verweigernd. Seit mehr als vierzig Jahren stellen Allens Filme vor allem einen auf die Probe - ihn selbst. Sein neuestes Werk To Rome with Love läuft jedenfalls trotz solider Arbeit nie Gefahr, allzu hoch gepriesen zu werden. Was dem New Yorker ja eh ganz recht ist: „Mir ist es lieber, wenn ich mit einem Film zufrieden bin und der Rest der Welt ihn für schrecklich hält.“
Vier mal Amore auf den sieben Hügeln
Es ist wieder einmal eine fest im abendländischen Kulturkreis verankerte Stadt, der Woody Allens Interesse gilt. Nach London, Barcelona und Paris ist mit Rom quasi die Königsdisziplin in allen Belangen des romantischen Films an der Reihe.
Als „einziges Kunstwerk“, lebhaft und voller Geschichten und Überraschungen will Allen die Stadt am Tiber verstanden wissen, dieses Bild von Rom manifestiert sich in To Rome with Love zu einem beinahe verklärten Denkmal. All jenes, zu dem der Starregisseur (jedenalls in der Selbstdarstellung und öffentlichen Wahrnehmung) nicht in der Lage zu sein glaubt - Lebensfreude, impulsive Liebe und Gelassenheit - scheint er in Rom zu finden.
Versteht sich von selbst, dass der nach längerer Abstinenz wieder einmal selbst vor der Kamera mitwirkende Allen einen zynisch-neurotischen Amerikaner gibt, der nur der Familie wegen nach Italien kommt. Die lebenslustigeren Parts überlässt der Maestro indes lieber seinem Starensemble von Penélope Cruz und Alec Baldwin bis Ellen Page.
Dass es zu einem derartigen Aufgebot an hochkarätigen Schauspielern kommt, ist vor allem der Konzeption des Filmes geschuldet. Vier unabhängig voneinander angelegte Handlungsstränge erzählen Episoden, die allesamt um tief menschliche Bedürfnisse kreisen: Liebe, Anerkennung, Selbstverwirklichung.
Da wäre etwa das bieder-provinzielle junge Paar Antonio und Milly aus Süditalien, das in Rom seine Flitterwochen verbringen und dabei auch gleich per Familienbande die berufliche Zukunft für die nächsten vierzig Jahre besiegeln will. Geht natürlich nur, wenn man auf die werten Verwandten einen gut-bürgerlichen Eindruck macht. Was beiden nicht ganz gelingt, nicht zuletzt aufgrund des Auftauchens des stadtbekannten Freudenmädchens Anna (Penélope Cruz).
Ähnlich chaotisch und spontan geben sich auch die weiteren Geschichten, vom Durchschnittsrömer Leopoldo, der über Nacht zum Mittelpunkt des kollektiven Interesses der Nation wird oder dem Studentenpaar Jack und Sally, das sich durch den Besuch einer Freundin völlig aus der Bahn werfen lässt. Woody Allen steigert sich in seiner Rolle als gescheiterter Opernregisseur in der Zwischenzeit in den Traum hinein, aus einem zumindest unter der Dusche sangesstarken Bestatter einen neuen Startenor zu machen.
Wetter schön, Essen gut, liebe Grüße aus Rom!
Ohne Zweifel birgt die Konstellation verschiedener und sich dennoch bisweilen gleichender Handlungen hochkomisches Potenzial und ermöglicht es, ein buntes und heterogenes Bild der Stadt Rom zu zeichnen.
Die unterhaltsamen Dialoge, die sich oft stark Allens Zynismus orientieren, und beeindruckenden Aufnnahmen der Stadt können aber nicht über eine gewisse Inspirationslosigkeit hinwegtäuschen. Weder führen die einzelnen Episoden am Ende zueinander, noch offenbaren sie sich als Mosaiksteine eines „bigger pictures“. Man wird gut unterhalten, ohne allzusehr gefordert zu sein: To Rome with Love ist ein netter Feel Good-Film, der phasenweise durchaus mit Allen'schen Tugenden besticht, ohne sich jedoch großartig zu bemühen. Im Grunde ähnelt der Streifen einer jener zigtausenden Postkarten, die durch ein paar hübsche Ansichten auf der Vorderseite und mittelspannende Informationen zu Wetter und Essen auf der Rückseite gekennzeichnet sind. Vier nette Geschichten, die etwas planlos aneinandergereiht wirken, eine Ode an die Ewige Stadt sein wollen und dabei nur wenig mehr als Klischees und oberflächliche Bilder vom Gigolo bis zum Paparazzo reproduzieren.
Gut möglich, dass sich mit der in der Hand des Berlusconi-Clans befindlichen Produktionsfirma Medusa Film nichts Mutigeres verwirklichen ließ. Schade ist das allemal, Woody Allen hat schon interessantere Werke vorgelegt. Vielleicht sollte ihm aber auch einfach nur mal jemand raten, nicht jedes Jahr zwanghaft einen neuen Film zu produzieren. Und dafür stattdessen mehr Zeit für etwas wirklich Bleibendes aufzuwenden.
So ist To Rome with Love ein durchaus unterhaltsamer, aber nicht nachhaltig beschäftigender Film zum Nebenherkonsum, wenig mehr als solide Gebrauchware.
Alle Wege führen nach Rom - Woody Allen hat einen recht bequemen gewählt. Dafür einen mit schöner Aussicht.
To Rome with Love
R: Woody Allen
US/I/E 2012
VÖ: 31.08.12
Wer ein Optimist ist, soll verzweifeln. Ich bin ein Melancholiker, mir kann nicht viel passieren.
- Erich Kästner -
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