Freies Magazin FM5

Plattform für Kunst und Jugendkultur

ohne Nav

 

kreatives

Wir waren hungrig und aßen nicht

2010-06-25 08:32:56

Für Hannes Becker

Der Bürgermeister von Klagenfurt hatte uns zum Essen eingeladen. Wir saßen hungrig im Schlossgarten und blickten auf die Sängerinnen unter den Torbögen am Seeufer. Sie sangen davon, durch ein Tal hindurch zu gehen und darin zu jauchzen. Sie jauchzten dabei selbst. Draußen am Seeufer machte der Kulturreferent sein Motorboot startklar.
Er hatte uns bereits zuvor zu einer Fahrt überredet. Das kühle Wasser spritzt dir auf die Wangen, sagte er. Schon immer habe diese größte Badewanne Europas, wie er den See nannte, alle inspiriert. Er nannte die Namen zahlreicher Menschen, die allesamt nichts mit der Stadt zu tun hatten. Schriftsteller, Philosophen, Komponisten, sagte er. Er trank zu viel und zu schnell. Unter seiner Achsel klemmte ein Fußball, den er drei Tage später dem Gewinner des Literaturwettbewerbs überreichen würde. Das Ding geht über 60, sagte er.

Auch der Bürgermeister, der uns mit Bussen vom Hotel abholen hatte lassen und den wir nicht kannten, der uns nicht begrüßt hatte und der – wie wir sofort erkannten – nichts mit uns zu tun haben wollte, streckte den kurzen Arm von sich und deutete auf das Seeufer hinter sich. In die Mikrophone und Kameras der größten deutschsprachigen Rundfunkanstalten sagte er, dass die größte Badewanne Europas alle inspiriert habe. Schriftsteller, sagte er, Philosophen und Komponisten. Wie sein Kulturreferent zuvor nannte nun auch er die Namen von Menschen, die nichts mit der Stadt zu tun hatten. Menschen, die von dieser Stadt immer gehasst worden waren, die ihr entfliehen hatten wollen und die deshalb ein Leben lang von ihr gejagt, zur Strecke gebracht und vernichtet worden waren. Ein locus genui, sagte der Bürgermeister. Sein Gesicht schwitzte in den Scheinwerfern der Kameras.
Was bedeutet diese Rede, fragte mein Freund aus Berlin.
Wie ich war er hungrig. Es gab kein Geräusch, als wir die Hände am Ende der Rede ineinander schlugen. Ich wusste es nicht.

Später war Österreich in der Vorrunde der Fußball Europameisterschaft ausgeschieden. Immer noch war es hell, der Asphalt warm von der Sonne.
Mein Freund ging barfuß. Die Sohlen seiner Füße waren schwarz. Stimmt es, fragte er, was die deutschen Zeitungen schreiben?
Eine Ratte lief über die Straße. Auf der anderen Straßenseite war sie totgebissen. Eine Zeit lang hing ihr Schwanz noch aus dem Maul eines Hundes, der neben uns herlief.
Es heißt, sagte mein Freund, dass ein alter Mann aus Kroatien hier jeden Abend an den Biertischen sitzt und sich die Spiele ansieht. Er sitzt hier, sagte mein Freund, zwischen den Bauarbeitern und Informatikern, zwischen den Tankwarten und den Biologen, den Lehrern und Studenten, weil er wegen seiner Kriegsverbrechen an Juden und Roma nirgendwo anders mehr sitzen kann. Nur hier, sagte mein Freund und deutete auf eine solche Großbildleinwand, kann der alte Mann noch sitzen.
Noch immer roch ich das Wasser des Sees. Die Sonnencreme der Badenden, sagte ich, den Diesel aus den Motorbooten, sagte mein Freund.

Eine Weile schwiegen wir. Die Sonne stand tief. Aus einem Cabrio kam Musik. Die Insassen tranken Bier. Ihre Fröhlichkeit zeigte uns, wie traurig wir waren.
Er hat das gemacht, sagte ich, er hat gemacht, dass der alte Mann dort sitzen darf. Er, der alles hier gemacht hat, der auch die Fußballstadien und die Kredite gemacht hat, der die Lieder gemacht hat und die Hotelbetten. Der den Teer in die Straßen geleert, der das Licht und das Wasser gemacht hat. Der Unsterbliche, wollte ich lachend hinzufügen, aber im letzten Moment kam es mir nicht mehr wie ein Witz vor.
Eine Zeit lang gingen wir wieder schweigend nebeneinander her. Ich bemerkte, dass der Gedanke an den alten Kriegsverbrecher meinen Freund nicht losgelassen hatte.

Wir müssen nachsehen, was er getan hat, sagte mein Freund. Wir müssen es recherchieren.
Wir können es nicht, sagte ich.
Im Park war ein Volleyballnetz zwischen zwei Bäume gespannt worden. Die Menschen liefen barfuß über das Gras.
Wir können es nicht, sagte ich ernsthaft, weil es keine Bibliothek gibt.
Das ist unvorstellbar, sagte er.
Du hast recht, sagte ich. Es ist unvorstellbar.
Ich fragte mich, wie lange die Feier im Schloss noch dauern würde. Sicher war es unhöflich gewesen, einfach zu gehen. Wir haben nichts gegessen, sagte mein Freund. Die Lachsbrötchen, sagte ich, das Motorboot, sagte er. Gib es zu, die ganze Zeit denkst du daran, wie das Wasser in dein Gesicht gespritzt hätte.
Es ist ungeheuerlich, sagte mein Freund.

Ich sah ihn an. Sein Gesicht war das eines Kindes. Ich spürte, wie ich mich in ihn verliebte, und auch er spürte es. Wir mussten bald weitergehen.
Ungeheuerlich ist es, antwortete ich ihm. Eine Stadt ohne Bibliothek ist ein Ungeheuer.
Eine große Stadt, sagte er.
Eine Landeshauptstadt, sagte ich.
Ich dachte an die Melodie des Volksliedes. Ich begann sie zu summen und auch mein Freund begann sie zu summen. Wir blickten auf die Blätter eines Baumes, an denen die goldenen Abendsonne klebte und summten gemeinsam die Melodie des Volksliedes.
Hier können wir nichts tun, sagte ich, ohne ihn anzusehen. Hier werden wir nicht arbeiten. Wir müssen im See schwimmen, sagte ich, schon morgen müssen wir wieder im See schwimmen. Wir werden wieder hier unter den Blättern an den See gehen, vorbei an der totgebissenen Ratte.
Er nickte. Wir waren beide traurig.

Als wir die Stadt erreichten, war die Sonne untergegangen. Auf einem Cafétisch in der Nähe unseres Hotels trank ein Mann einen Espresso. Er war in die Lektüre einer Zeitung vertieft.
Dieses Österreich, sagte mein Freund. Was also ist es?
Ich hörte, wie sein Magen knurrte.
Ich deutete auf die Kronenzeitung, die der Mann mit dem Espresso las.
Soweit musst du nicht gehen, sagte mein Freund.
Ich öffnete meine Aktentasche und zog selbst ein Exemplar heraus.
Es war spät. Die Wärme der vergangenen Sonne lag noch auf unserer Haut. Auch noch im Hotelzimmer und unter der Decke mit geschlossenen Augen würde ich sie spüren können.
In einem plötzlichen Luftzug begann das Titelblatt der Kronenzeitung zu flattern.

Es flattert, sagte mein Freund.
In diesem Augenblick verliebte ich mich in ihn.

Printer Icon Creative Commons by-nc-nd - Some rights reserved



AutorInnen

Constantin Göttfert

Constantin Göttfert

Schriftsteller aus Wien
zuletzt erschienen: "Satus Katze" C.H.Beck
http://de.wikipedia.org/wiki/Constantin_G%C3%B6ttfert

Newsfeed Icon Newsfeed von Constantin Göttfert abonnieren


[kommentar verfassen]

Kommentare




 

Akustische Herzensbrecher im Stadtsaal

Neus Outfit gefällig?

Fast schon halb erwachsen - fm5 wurde 9

Switcheroo: Gib mir dein T-Shirt


Archiv  | Impressum | AGB | Gewinnspiel | Friends Shop