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Wie frei ist das Freie Magazin?

2007-04-02 00:14:13

FM5 bezeichnet sich selbst als "freies" Magazin. Diese Selbstzuschreibung bezieht sich aber vornehmlich auf den Inhalt, denn was z.B. die finanzielle Seite betrifft, gibt es natürlich Abhängigkeiten. Der Artikel beschreibt, wo die Grenzen dieser Freiheit liegen und mit welchen Abhängigkeiten ein idealistisches Onlinemagazin wie FM5 zu kämpfen hat.

Wir wissen, dass unsere (westliche) Gesellschaft, auch wenn oft gegenteiliges behauptet wird, so frei nicht ist. Am Augenscheinlichsten, und gleichzeitig am Unnötigsten sind die Zwänge, die ökonomischer Natur sind. Eigenversorgung ist die absolute Ausnahme, wer (über)leben will braucht Geld. Dazu noch eine gute (Aus)bildung, soziale Beziehungen, „normales“ Auftreten und ebensolche Lebensgewohnheiten. Idealer Weise hat mann auch das richtige Geschlecht und die richtige Hautfarbe. Weitere Beispiele wo es uns an Freiheit mangelt, gibt es zuhauf.
Halten wir also fest: Die Gesellschaft in der wir leben ist nicht frei, oder präziser; wir, die Individuen, die in der vorherrschenden Gesellschaftsordnung (Kapitalismus gepanzert mit Demokratie) leben sind nicht frei, sondern Zwängen und Herrschaftsverhältnissen unterworfen. Was heisst das für FM5?

Die Freiheit die ich meine

Seit Theodor W. Adorno wissen wir, dass es kein richtiges Leben im falschen gibt. Als einzelner, Gruppe oder Staat bin ich immer nur Teil eines größeren Ganzen und kann mich dessen Logik nicht entziehen. Konkret: Als "alternativer"-kritischer Jugendlicher aus Österreich (aka "Insel der Seligen") ist es de facto nicht möglich, ein Leben zu führen, dass nicht auf Ausbeutung basiert (ich will zum Beispiel gar nicht wissen, wie das T-Shirt und die Jeans produziert wurden, die ich gerade trage). Gänzlich unmöglich ist es natürlich nicht, denn ich kann ja auch "aussteigen" und versuchen meine Vorstellungen von einem "guten Leben" zu verwirklichen (wie es z.B. Punks, Autonome oder Hippies oft versuchen). Leider enden derartige Versuche (die man auch als Flucht bezeichnen könnte) oft in isolierten, sektenähnlichen, stark-prekarisierten Verhältnissen, in denen jedes kritische Potential verloren geht und man sowieso von den (Macht)mechanismen und Zwängen eingeholt wird, denen man zu entgehen hoffte.
Die - wie mir scheint lohnendere Alternative - ist es, sich in und gegen die bestehenden Verhältnissen zu stellen, sich dabei jedoch immer das obige Adorno-Zitat vor Augen zu halten.

FM5 ist also nicht frei, kann es auch gar nicht, wie wir eben gesehen haben. Natürlich ist der Inhalt frei; immerhin kann jeder und jede über alles schreiben, was er oder sie will. Wir stehen auch nicht in direkter Abhängigkeit und unter der Knute eines multinationalen Konzerns, oder einer aus- bzw. inländischen Partei oder Regierung. Unter unseren MitarbeiterInnen befinden sich meines Wissens auch keine Mitglieder von Nachrichtendiensten, terroristischen Vereinigungen oder religiösen Sekten. FM5 ist also unabhängig aber nicht frei. Denn immerhinh wollen und brauchen wir ja auch was: LeserInnen und Geld.

Bekanntheit steigern

Nachdem wir alle für unsere Schreib- und Organisationsarbeit bei FM5 weder mit Naturalien noch Münzen und Scheinen entlohnt werden, unterstelle ich uns mal, dass wir die Themen, über die wir schreiben, für wichtig halten. Natürlich wollen wir auch, dass unsere Artikel von möglichst vielen Leuten gelesen werden. Um das zu erreichen, gilt es die Bekanntheit von FM5 zu steigern, und das geht wie folgt:
Am einfachsten und klassischsten natürlich mit Flyern, Pickerl, Plakaten, etc. Das fällt aber bei genauerer Betrachtung unter den Punkt "Geld" und wird daher weiter unten behandelt.
Ein anderer und von FM5 gern beschrittener Weg, ist die Kooperation. Nach dem Prinzip "Eine Hand wäscht die andere" bringen wir bestimmte Artikel und erhalten dafür ebenfalls einen Artikel (falls es ein Medium ist) oder Wohlwollen und Unterstützung (Geld meines Wissens nicht, zumindest nicht direkt). Das klingt jetzt dramatischer als es ist, denn in Wirklichkeit sind solche Artikel die absolute Ausnahme und betreffen zumeist auch uns sympathische Organisationen.
Solche Kooperationen sind FM5-intern nicht unumstritten und werden meist am konkreten Beispiel entschieden. So gab es zum Beispiel eine hitzige Diskussion, wie sich FM5 gegenüber der Kronen Zeitung verhalten soll. (Der Auslöser war nebenbei völlig unbedeutend. Es ging darum, ob wir der Krone eine Freikarte für eines unserer Feste schicken, damit sie vielleicht darüber berichten.)

Der schnöde Mammon

Auch wenn es extrem kostengünstig ist ein Online-Medium zu betreiben, so benötigt ein Projekt wie FM5 (das ja im stetigen Wachsen und schon längst mehr als ein Onlinemagazin ist) natürlich Geld, sei es für die Serverkosten, Flyer, Telefonrechnungen oder Briefmarken. Nachdem die laufenden Kosten durch die Mitgliedsbeiträge schon längst nicht mehr gedeckt werden können, gilt es neue Quellen zu erschließen. Die beste Möglichkeit sind dabei noch Förderungen (z.B. der EU), weil sie die geringsten Einschränkungen mit sich bringen. Da diese Einnahmen auch nicht reichen, gilt es sich für die Wirtschaft interessant zu machen. Die findet, glücklicherweise und naturgemäß, wenig Gefallen an einem kritischen, freien, non-profit Magazin und ist von anderen FM5-Aktionen wie nolabel.at oder unseren Veranstaltungen mehr angetan.

Erkenntnis

Momentan ist der Verein FM5 in dieser Hinsicht aber noch geradezu jungfräulich und kann sich durch Mitgliedsbeiträge, Förderungen und - ganz wichtig - Einnahmen unserer Konzerte und Feste ganz gut selbst finanzieren.
Es gibt aber auch Tendenzen und Stimmen bei FM5, die die stärkere Ausrichtung in Richtung Einnahmen vertreten und das durchaus berechtigt. Immerhin haben eine Menge Leute eine Menge Zeit, Arbeit, Geld, Liebe usw. in FM5 gesteckt und die können auch nicht ewig von der Hand im Mund leben.

Hier schließt sich nun der Kreis, denn die "traurige" (eigentlich aber hocherfreuliche) Nachricht ist, dass FM5 längst zu groß und zu professionell geworden ist, um von einigen Leuten ehrenamtlich, in deren spärlicher Freizeit gemacht zu werden.
Wie es also weiter geht bleibt spannend und wird sich in den nächsten Monaten entscheiden. Bis dahin heißt es: Wir sind so frei - wie's geht.

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AutorInnen

Martin Bartenberger

Martin Bartenberger

Ich mag mein Studium (Politikwissenschaft), Tiere, die Wiener Außenbezirke und gutes Essen (Tiere). Mitglied des FM5-Kletterteams.

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