2009-03-10 13:38:19
In seinem neuen Buch „Politik der Paranoia“ zerlegt der Sachbuchautor und Journalist Robert Misik auf genugtuende Art die skurrile Denkweise der neuen Konservativen.
Der Lächerlichkeit sind anscheinend keine Grenzen gesetzt: Ob es um das Thema '68 und seine Folgen, Islam in Europa oder wirtschaftliche Punkte allgemein geht – die Schuldigen sind schnell gefunden und der viel zitierte „Untergang des Abendlandes“ steht ohnehin bevor. Die Rede ist von den neuen, alten, jedenfalls Konservativen, deren Denken heutzutage einmal mehr sämtliche politischen Debatten zwischen den USA und Europa bestimmt. Robert Misik, seines Zeichens Journalist bei Falter, Profil und taz sowie Sachbuchautor (zuletzt: "Gott behüte") und vor allem grandioser Blogger (www.misik.at), setzt sich in seinem neuen, im Aufbau-Verlag erschienenen Buch "Politik der Paranoia – Gegen die neuen Konservativen" mit diesem Zeitgeist-Phänomen auseinander.
Widersprüche …
Misik ist sich der "doppelten Problematik dieses Begriffs" (neue Konservative) durchaus bewusst, wie er in seiner Einleitung anmerkt. "Der neue Konservativismus", schreibt er, "ist ein Konservativismus auf Basis der zeitgenössischen Gesellschaft, die sich in vielerlei Hinsicht deutlich von den Umständen unterscheidet, die der klassische Konservativismus vorgefunden hat."
Dies beachtend kann man sich bereits an die Kernpunkte der Lektüre ranmachen, die da zum Beispiel wären: Widersprüche. So meint Misik, dass die "neukonservativen Trommler von herzzerreißender Schlichtheit und grotesker Widersprüchlichkeit sind" und nennt folgende Beispiele: "Sie sind für die Familie – außer wenn es sich um türkische Familienclans handelt. Sie sind für die 'Freiheit' – überbieten sich aber in Moralvorschriften. Sie sind für 'mehr Privat, weniger Staat' – und beklagen, dass im Kommerzfernsehen nur TV-Müll läuft. Sie sind gegen Kindergärten – und verstehen nicht, warum die Frauen heutzutage immer weniger Kinder bekommen. Sie geben sich werteorientiert – und lassen gerne menschenfeindliche Sprüche los."
All diese Thesen erinnern – wenn auch vielleicht in anderem Zusammenhang – nur allzu schön an jene Szene im Tatort Telfs, in der sich ein xenophober Tiroler über die von Kebabstandln verursachte Ortsverschandelung aufregt, als ihm sein Sohn plötzlich die rhetorische Frage stellt: "Papa, seit wann hast du denn was gegen fleißige Leut'?" Von welcher Seite aus man das Geschehen betrachtet, es bleibt dem/der aufmerksamen BeobachterIn nicht verborgen, dass jene Tonangeber der neuen Konservativen in Widersprüchlichkeiten der peinlichen Sorte verstrickt sind, was letztendlich zwanghaft von einem geradezu lächerlichen Grundton untermalt wird. Früher war alles besser!
… und Denkfehler
In ganzen sieben Kapiteln (darunter "Ich bin frei, weil du arm bist" oder "Die schicke Spießerei") geht Misik sämtlichen Denkfehlern und Unzulänglichkeiten auf den Grund, beschreibt in pointierten und sachlichen Sätzen das Zeitgeistgespenst "Neuer Konservatismus" und lässt schlussendlich das gesamte Gedankengebäude von Publizisten der Marke Henryk M. Broder und Konsorten wie ein Kartenhaus einstürzen.
Den AnhängerInnen dieser politischen Strömung, wie zum Beispiel neoliberal gesinnten oder dem Islam von Grund auf ätzend entgegenkommenden Personen ("den Islam hinter das Mittelmeer zurückwerfen") begegnet er stets rational und die Realität im Auge behaltend – eine Eigenschaft, die den meisten seiner Kontrahenten fehlt. In Puncto Islam meint er nüchtern: "Der moslemische Furor, wie er sich im Karikaturenstreit manifestiert, ist offenkundig, ebenso die patriarchale Unterdrückung in traditionsverbundenen Einwandererfamilien, die im Einzelfall bis zu 'Ehrenmorden' gehen kann. All dies darf nicht hingenommen werden, und was 'nicht hingenommen' heißen kann, darüber muss diskutiert werden."
Doch nicht nur seine Einschätzung bezüglich dieses komplexen Themas ist korrekt, sondern auch seine Zukunftsvisionen, seine Lösungspläne: "Es wird wohl ein kluger Mix an Politik gebraucht: eine Stärkung der modernistischen und säkularen Kräfte in der muslimischen Welt, Hilfe für die Kinder aus deklassierten Einwandererfamilien, damit sie dem Kreislauf aus Armut, Chancenlosigkeit und Radikalisierung entkommen – aber auch einen entschlossenen Kampf um die Werte des säkularen, westlichen Staates und, falls nötig, polizeiliche Härte, wenn es um Verbrechen geht, ja als ultima Ratio auch Kriege, wenn Terroristen Massenmorde begehen oder gar an nichtkonventionelle Waffen herankommen wollen."
Generell, so kann man konstantieren, schreibt Misik auch gegen eine gewisse, gerade in jenem geistigen Milieu häufig vorhandene Panikmache und Angst, gespeist von Pessimismus und Planlosigkeit, Motto: viel geredet, nichts gesagt. Gut, dass es Autoren wie Misik gibt, die die Dinge wieder ein bisschen gerade rücken und dem sprichwörtlichen Sturm im Wasserglas vernünftige Argumente entgegenbringen. Probleme der Zukunft – und es gibt sie zuhauf! – können nicht mit aggressivem Gebell, ewigen Ressentiments und offensichtlich konservativen Inhalten gelöst werden, dazu braucht es nämlich auch Eigenschaften wie Feingefühl, Wertschätzung einer anderen Kultur, grundsätzlichen Optimismus und pragmatische Ansätze.
Denn nicht zuletzt nervt die ständige Miesmacherei und vor allem die Art der Kommunikation der neuen Konservativen: einiges wird umgedreht, historische Fakten schnell mal für die eigene These missbraucht und immer werden Menschen gesucht, die als Sündenbock, als Zielscheibe herhalten müssen. So nicht, meine Damen und Herren! Denn gerade wer ständig von moralischen Werten spricht, sollte seinem Gegenüber, dem Muslim, dem Andersdenkenden, zumindest mit einem begegnen: mit Würde. Wie meint Misik zum Schluss: Yes, we can. Obama lässt grüßen.
Politik der Paranoia – Gegen die neuen Konservativen
von Robert Misik
erschienen im Aufbau-Verlag
"Von Beginn an ist Johannes ein hedonistischer Charakter und Ästhet – im Sinne Kierkegaards – der nur darauf aus ist, Cordelia zu verführen." (Wikipedia)
Newsfeed von Johannes Rausch abonnieren