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kreatives

Wenn Eloquenz anstrengend wird

2007-04-02 00:10:52

Die Retterin des sich als Musikfernsehen deklarierenden MTV, Sarah Kuttner, schreibt – neben ihrer durchaus auch (für den Zuseher) anstrengenden Sendung „Kuttner.“ – Kolumnen für die Süddeutsche Zeitung und für den Musikexpress. Vor kurzem erschien ihr aus einigen Kolumnen bestehendes Buch mit dem schier unaussprechlichen Titel „Das oblatendünne Eis des halben Zweidrittelwissens“.

Das Eigenschaftswort ambivalent beschreibt die (audio-visuelle) Begegnung mit Sarah Kuttner wohl am besten. Denn einerseits ist sie für Fernsehjunkies, die die Groteske MTVIVA – die sich andauernd das Wort Musik auf ihre abgestumpften Fähnchen heftet – ohnehin nicht mehr ertragen können, die Rettung in Person. Andererseits ist ihre oft zu dick aufgetragene Eloquenz und scheinhafte Besserwisserei häufig anstrengend; spätestens nach der dritten nervigen Plattitüde. Genauso verhält es sich mit dem kürzlich erschienen Buch - der beinahe unaussprechliche Titel „Das oblatendünne Eis des halben Zweidrittelwissens“ ist der gedanklichen Vorwegnahme bereits sehr hilfreich - , das sich aus einigen gesammelten Kolumnen, erschienen in der Süddeutschen Zeitung und im Musikexpress, zusammensetzt. Wobei der erste Teil des Buches aus Antworten auf von SZ-Lesern gestellten Fragen besteht (quasi im „Dusl-Stil“, abgedruckt im Falter) und der zweite die Musikexpress-Kolumnen enthält.


Erträglich
Der Kommentar auf die von einem SZ-Leser getätigte Aussage „George W. Bush kommt in dieser Woche nach Deutschland.“ beweist, dass Kuttner nicht nur platten Humor besitzt, sondern auch Sinnvolles zur politischen Debatte bzw. zum transatlantischen Konflikt parat hat: „Wie man hört, möchte George W. Bush nach längerer SMS-Stille ja wieder an vergangene Kuschelzeiten anknüpfen – sehr schön. Schön wäre es auch, wenn sich bei den (absolut sinnvollen) Gegendemonstrationen stumpfe Pauschal-Anti-Amerikanismen in Grenzen halten würden. Auch das haben wir Herrn Bushs demagogischem Alter Ego Michael Moore zu verdanken: die Ablehnung gegenüber George Bush wird immer unorigineller und einfallsloser. Ich persönlich werde mich vermutlich eine halbe Stunde lang an einem Starbucks-Frapuccino festketten; danach werde ich allerdings sogleich zur nächsten Buchhandlung reiten, um dort einen Michael-Moore-Pappaufsteher anzuspucken.“ (Buchseite 36; SZ-Kolumnen, Kapitel „Kuckuck zum Abi – Der Trend geht zur Umhängeuhr“) Und auch ihre deklarierte Liebe zur wirklich genialen und die Mattscheibe bereichernde US-Serie Six Feet Under schlägt nur positiv aufs Gemüt und erfreut sich der Beliebtheit; so schreibt sie Folgendes dazu: „Six Feet Under wiederum ist absolutes hiesiges 2004. Wahrscheinlich hat nichts – selbst kein Moneybrother, kein Libertine (sorry!) – mein popkulturelles Jahr so geprägt wie dieser heilige Gral unter den Fernsehserien. Seit Sommer schlappt jetzt schon die Bestatterfamilie Fisher und ihr Umfeld durch mein Leben. Die Charaktere sitzen bei mir im Wohnzimmer auf dem Sofa, und es verstört mich ernsthaft, wenn wohlmeinende Freunde mir in letzte Zeit immer wieder einzureden versuchen, dass die nur eine Fernsehserie und mein Plan, Brenda zu meinem Geburtstag einzuladen, somit eher schwachsinnig sei. Ich bin durch gezielte Einschüchterung und Erpressung mittlerweile an die raubkopierte vierte Staffel gelangt.“ (BS. 152/153; Musikexpress-Kolumnen, Kapitel „Sex and the City, Six Feet Under – Was vom Jahre übrig bleibt“) Außerdem sagt sie zur unendlichen Drogengeschichte von Kate Moss das Beste, was man bisjetzt dazu hören konnte: “Ach, immer diese Drogen! Grundsätzlich ist Kate Moss ja eher sympathisch. Und die Drogenenthüllung ist ja in etwa so überraschend, als hätte man Ottfried Fischer heimlich beim Schweinsbratenessen fotografiert. Ein klarer Fall von Doppelmoral also: „Magersüchtig übern Laufsteg latschen: hui – Naschen aus der Rauschgiftdose: pfui.“ Trotzdem mein Mitleid mit Drogenvögeln aller Art hält sich in Grenzen – vor allem bei solchen, die Kinder großziehen. Wünsche von daher: gute Ausnüchterung!“ (BS. 117; SZ-Kolumnen, Kapitel „Patenschaft für einen Studenten – Sarah über Drogenprobleme und Vogelpornos“)


Unerträglich
Doch wo ein Licht ist, da fällt auch (meistens) ein Schatten. Im Bereich des exzessiv Unlustigen ist zum Beispiel die von Kuttner gemachte Antwort auf die Frage „Dein Vorschlag für den Wiesn-Hit 2005?“: „Nein. Besteht da noch Bedarf? Vielleicht sollte man beim Wiesn-Hit zur Abwechslung mal nicht auf Lebensfreude, sondern auf Schwermut setzen. Passt ja genauso gut zu exzessivem Alkohol-Konsum. Vielleicht „Time To Say Goodbye“ noch mal rauskramen. Dieses Stück, ohrenbetäubend laut durch ein bierselige Festzelt geblasen, müsste ziemlich gut kommen. Kann mir auch Wagner sehr gut vorstellen, dann bekäme das Ganze auch noch etwas Apokalyptisches.“ (BS. 108; SZ-Kolumnen, Kapitel „Bandsalat & Wiesn-Hit – Aber Massen-Benefiz geht nicht anders“) Oder eine ebenfalls nicht das Zwerchfell (über-) anstrengende Meldung auf die Frage „Welche Information über Angela Merkel ist eigentlich noch nicht überall breitgetreten worden?“ beantwortet sie mit „Angela Merkel hat am rechten Fuß sieben Zehen Seltsam, dass das nirgendwo thematisiert wird. Wenn die mal am Konferenztisch die Schuhe auszieht, dann ist da aber was los! Kann man eigentlich ins Gefängnis kommen, wenn man von real existierenden Personen behauptet, sie hätten sieben Zehen?“ (BS. 136; SZ-Kolumnen, Kapitel „Let me dingsbums you! – Kopf an den Fernseher und Schuhe aus: Sarah riecht an Politikern“) Und weil alle guten Dinge drei sind und zum Ausgleich im Duell „Erträglich vs. Unerträglich“ auch noch ein (Gegen-) Argument benötigt wird: „Was wird besser? Ulli, einer meiner Redakteure, war beim Friseur. Sieht deutlich besser aus als vorher.“ (BS. 128; SZ-Kolumnen, Kapitel „t.A.T.u. sind wieder da – und Robbie ist nackt. Aber vor lauter Parkhaus-Eröffnungen kommt man ja zu nichts.“) Wie programmatisch bezüglich ihrer Sendung „Kuttner.“!


Um es mit Namen-Bashing zu artikulieren: Fachleute wie Charlotte Roche und Harald Schmidt kann sie definitiv nicht das Wasser reichen. Die reden zwar auch oft Blödsinn – der sich aber doch in Grenzen hält.


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AutorInnen

Johannes Rausch

Johannes Rausch

"Von Beginn an ist Johannes ein hedonistischer Charakter und Ästhet – im Sinne Kierkegaards – der nur darauf aus ist, Cordelia zu verführen." (Wikipedia)

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