Nichts Anderes als die radikale Transformation des kapitalistischen Systems war die eigentliche historische Zielsetzung der Umweltbewegung. Diese These sind nicht die neuersten Erkenntnisse des ÖVP-Wirtschaftsbundes. Der Politologe und Umweltaktivist (Global 2000) Daniel Hausknost dekonstruiert in seinem Werk die moderne Ökologiebewegung.
Daniel Hausknost ist 30 Jahre alt, Gentechnikexperte bei Global2000 und Politikwissenschafter. Als solcher hat er sich nichts Geringeres als die Dekonstruktion der Ökologiebewegung zur Aufgabe gemacht. Im Folgenden sind die wesentlichen Punkte der Monografie zusammengefasst:
Umweltschutz ein strategisches Instrument
"'Umweltschutz' ist gewissermaßen immer ein strategisches Instrument, ist nie Selbstzweck, sofern wir von der 'Ökologiebewegung' sprechen. Wenn etwa GLOBAL 2000 für 'pestizidfreie Lebensmittel' eintritt, so geht es ihr (ursprünglich) keineswegs nur darum, dass die ÖsterreicherInnen sich dank ihrer Arbeit gesünder ernähren können (das ist nur das primäre Verkaufsargument der Kampagne), das eigentliche Ziel besteht im Aufbrechen einer an der Oberfläche unsichtbaren technologischen Praxis, die „aus den Fugen geraten“ ist, um einen weiteren Beweis anzuführen, dass sich ein ontologischer Riss durch unsere Zivilisation zieht." (29) "Diese unheilvolle Ahnung, dass wir längst nicht mehr in der Lage sind, die Bedingungen der Erzeugung unserer sozialen Wirklichkeit und unseres eigenen Lebens nachzuvollziehen, dass wir gegenüber der „eigentlichen“ technologischen Wirklichkeit blind geworden sind, ist die treibende politische Kraft im Inneren der Ökologiebewegung." (29)
Ökologiebewegung hat eine Krise der herkömmlichen linken Theorie hervorgerufen
Dazu muss die Ökologiebewegung zunächst einmal historisch verortet werden. "Die Politisierung der Ökologie ist nicht einfach aus einer rein historischen Abfolge von ökologischen Katastrophen oder aus der Zunahme der Umweltbelastungen in den Industriestaaten zu erklären. Die Entstehung der weltweiten Ökologiebewegung in den späten Sechziger Jahren ist auch nicht auf das plötzliche Erwachen eines bürgerlichen Interesses an einer sauberen Umwelt zurückzuführen, sondern sie folgt einer spezifischen politischen Logik." (57)
"Für John McCormik, der mit The Global Environmental Movement eine umfassende Untersuchung über die Entstehung der weltweiten Umweltbewegung vorgelegt hat, tritt der Umweltbegriff und das Bewusstsein für die systematischen Zusammenhänge der Ökologie erstmals infolge der massiven atmosphärischen Atombombentests der Supermächte in den 1950er Jahren auf." (57)
Natürlich hätte es auch bereits früher eine Art Ökologiebewegung gegeben. „Die ‚ökologischen’ Lebensbedingungen in englischen Städten waren etwa schon Mitte des Neunzehnten Jahrhunderts weitaus dramatischer als in den Sechzigern des Zwanzigsten Jahrhunderts, wie Enzensberger anhand einer Studie der britischen Regierung aus dem Jahr 1842 belegt. "(57)
"Die meisten AutorInnen sind sich darüber einig, dass das Aufkommen einer politischen Ökologiebewegung [im Gegensatz zu reinen Umweltschutzbestrebungen des 19. Jahrhunderts] in den USA und Europa in der Zeit der späten 1960er Jahre anzusiedeln ist. Wenn man von Umweltbewegung spricht, so ist also gemeinhin jener second wave environmentalism gemeint, eine Bewegung, die in den USA und in Europa sowohl ökologische, als auch bürgerrechtliche, partizipatorische, antiautoritäre und demokratisierende Ziele verfolgte."(45)
Rassendiskriminierung, Vietnamkrieg und Umweltzerstörung
"Rassendiskriminierung, Vietnamkrieg und Umweltzerstörung sind einander in genau jener Hinsicht äquivalent, als sie Symptome für die Krankheit des (damaligen US-amerikanischen) Systems, oder der kapitalistischen Industriegesellschaft insgesamt darstellten. Die universale Forderung, die sich hinter dieser Äquivalenz verbirgt, ist natürlich die Forderung nach einem anderen System, nach einer anderen Gesellschaft, nach einer in jeder Hinsicht radikalen Wende." (60) Wenn sich schließlich am 22. April 1970 in den USA über 30.000 Menschen demonstrierend zum ersten Earth Day einfanden, so war dieses Ereignis in höchstem Maße symbolisch überdeterminiert: Es ging hier nicht um partikulare Umweltprobleme und deren Lösung, sondern um die affirmative und performative Einforderung der Möglichkeit einer substantiell anderen Form von Gesellschaft, die nicht nur ihr Verhältnis zur Umwelt, sondern ihr gesamtes Selbstverständnis einer radikalen Neuverortung unterzieht.
Grenzen des Wachstums. Das Ablaufdatums des Kapitalismus steht fest
"Die Grenzen des Wachstums waren der eigentliche und letzte politische Initiationsakt der Ökologiebewegung und cum grano salis könnte man sagen, das Buch sei für die Ökologiebewegung das, was Das Kapital für den Marxismus ist: Die wissenschaftliche Begründung des historisch notwendigen Endes des Kapitalismus." (71) "Das Modell des Kapitalismus stieß aufgrund der Erschöpfung nicht erneuerbarer Ressourcen auf seine Grenzen des Wachstums." (73) Die einfache Schlussfolgerung: "Der Kapitalismus hat ein Ablaufdatum und die nächste Stufe der Gesellschaft wird diesen Kapitalismus notwendigerweise überwinden müssen und eine (und hier kommt das große Wort) nachhaltige, substantiell andere Wirtschafts- und Organisationsform annehmen zu müssen." (75) "Die Logik dieser historischen Notwendigkeit prägte die Ökologiebewegung fortan." (89)
Diskurs der politischen Ökologie als geschlossenes ideologisches Systems kann heute als beendet betrachtet werden.
"Zur Erklärung soll an dieser Stelle der Hinweis genügen, dass etwa Mitte der Neunziger Jahre die Diskursformation Globalisierung die bis dahin dominante systemkritische Formation Ökologie abgelöst zu haben scheint und dass die Ökologie heute als subsumiertes und hegemonialisiertes Element innerhalb des Globalisierungsdiskurses weiterlebt." (91) "Um das globale, allumfassende Umweltproblem zu lösen, bedarf es nach Shabecoff geänderter Strukturen und Strategien, die globales Lobbying und professionelle internationale Aktivitäten der NGOs (Non Governmental Organisations) erfordern. Diese Art von internationalem, hochprofessionalisiertem NGO-Umweltschutz charakterisiert den third wave environmentalism, der mit der Umwelt- und Entwicklungskonferenz der UNO in Rio 1992 eingeläutet wurde. Bemerkenswerter Weise ist diese dritte Welle für Shabecoff nicht nur duch die Teilnahme der NGOs an den internationalen Verhandlungs- und Lobbyingprozessen der „Global Governance“ geprägt, sondern auch durch deren volle Akzeptanz der Marktmechanismen (wie etwa des Handels mit Emissionszertifikaten) als Lösungsansatz. "(42)
Ökologiebewegung verkommt zu einer Service- und Dienstleistungsfunktion
Mittlerweile wurde der Begriff Nachhaltigkeit selbst von der Ökologiebewegung des sozialen Charakters beraubt und zu einem Mittel der Effizienzsteigerung degradiert. Nachhaltigkeit ist ein schwieriger Begriff, der ursprünglich aus der Forstwirtschaft kam. All jenen die sich mit dem Begriff jenseits des Kapitalismus auseinander setzen wollen seien die Seiten 131 bis 138 empfohlen.
"Nachhaltigkeit ist die dem Kapitalismus inhärente Phantasie einer Überwindung seiner inneren Widersprüche, ohne jedoch die Grundstruktur der liberalen, kapitalistischen Gesellschaft selbst anzutasten." (138) Umweltzerstörung ist ein sichtbares Symptom aber keine Ursache für das außer Kontrolle geratene System, das wir Kapitalismus nennen. Macht es Sinn, sich mit der Bekämpfung von Symptomen aufzuhalten? (21) Wenn der ökologische Zusammenbruch innerhalb des Kapitalismus nicht vermeidbar ist, dann genügt es nicht, den Kapitalismus zu verbessern, dann muss er und sein ganzes Wesen abgeschafft werden. (108f.)
Conclusio:
Wenn die Ökologiebewegung in Zukunft mehr sein will als eine Dienstleistungseinrichtung für den modernen, anspruchsvollen Bürger-Konsumenten, wenn sie mehr sein will als die Trouble-Shooterin des Kapitalismus, dann muss sie beginnen, das Politische zurückzuerobern. (168)