2007-04-02 00:11:27
Geduld ist eine Tugend – oder so. Na auf jeden Fall hat sie sich durchaus gelohnt.
Drei Jahre, drei Jahre, in denen von Wedekind immer nur so sporadisch mal was zu hören und zu sehen war. Und jede Wette: drei Jahre, in denen der eine oder andere damit begonnen hat, Wedekind abzuschreiben.
2004, ebenfalls im Mai, gaben sie ein kurzes Lebenszeichen von sich: Präsentation einer Single namens „Sinister Highways“ im B72. Ein Lebenszeichen, das definitiv Lust auf mehr machte. Ein Song mit Hitqualitäten. Und schon damals, zu einer Zeit, als das Debüt-Album The End Of My Heartbeat noch immer einen Daueraufenthalt im privaten CD-Wechsler genoss, quasi High Rotation, war hör- und spürbar: der Sprung in Richtung eines zweiten Albums funktioniert. Zugegeben, es war kein übermäßig großer Sprung. Es war durchaus eine nicht unlogische Weiterentwicklung, basierend auf einem Fundament, das ausgezeichnet hielt.
Nun ist es also soweit. Drei Jahre nach The End Of My Heartbeat erscheint endlich das neue Album der drei Wiener, Opiates! Und der großartige Opener „El Mundo Neoliberal“ gibt eindrucksvoll vor, wohin uns die Reise thematisch führen wird. Bei Gott, es ist alles andere als ein optimistisches Album. Aber wahrscheinlich ist es einfach nur ehrlich. Wedekind haben kein Interesse daran, die Augen davor zu verschließen, dass wir in einer Welt leben, in der neoliberale Globalisierung die einen gnadenlos überrollt, damit die anderen ein komfortables Leben führen können. Noch weniger wollen sie uns vorgaukeln, dass es, so wie es ist, eh leiwand ist – auf gut wienerisch. Und während wir tagtäglich Produkt- und Warenfetischen frönen, nähen Kinder in Asien das Nike-Logo auf unsere Latschen (vgl. Werner, Klaus/Weiss, Hans. Das neue Schwarzbuch Markenfirmen. 2004).
In der Zwischenzeit fährt die Platte fort, so wie sie begonnen hat. „Super 8 Impressions“ und „Digital Me“, zwei Songs, die unmittelbar ins Ohr gehen und auch nicht davor Halt machen, ein wenig unter die Haut zu bohren. Die gewohnt sphärischen und raumgebenden Synth-Arrangements von Edi Lehrner, die treibenden Drums von Christian Gaunersdorfer, an den richtigen Stellen ein fettes Gitarren-Brett von Rainer M. Prokop und an vorderster Front dessen emotionale Vocals. Wie gehabt.
Es folgt die erste Single-Auskopplung „Moth“ – ein wenig überraschend. Da hätten durchaus singleverdächtigere Alternativen zur Verfügung gestanden: das vorhin erwähnte Digital Me z.B., oder Sinister Highways, das aber nach dem Release 2004 sozusagen „verbraten“ war (Zitat: Rainer M. Prokop in einem seltsamerweise niemals veröffentlichten Interview im Herbst 2004).
Irgendwie gibt es überhaupt – im Vergleich zu The End Of My Heartbeat – weniger Hits auf dem neuen Album. Klar, das Niveau der Produktion ist sehr hoch, auch höher als auf dem Debüt. Aber viele Höhepunkte birgt es nicht. Oder sagen wir Überraschungen.
Verspielt waren sie ja eigentlich nie, die Wedekinder. Manchmal sitzt man im Wohnzimmer, gibt sich Wedekind-Musik und hofft insgeheim, es möge jeden Moment irgendwas passieren. The End Of My Heartbeat hatte durchaus, ganz verstreut, solche Passagen, die einen kurz geflasht und die Aufmerksamkeit wieder verstärkt an sich gerissen haben.
Opiates! ist wahnsinnig homogen – und so sind Wedekind. Manchmal vielleicht schon etwas zu sehr. Und beim zweiten, dritten Durchlauf läuft die Platte Gefahr, ein wenig dahinzuplätschern.
Nicht falsch verstehen, Wedekind sind eine große, wichtige Band in Österreich, die von Grund auf ernste Themen behandeln und sie ebenso rüberbringen. Sie driften nicht wie genug andere in Belanglosigkeiten ab. Wenn man dafür Preise verleihen würde … ich sag nur Seriensieger. Aber vielleicht könnte es hin und wieder nicht schaden, - in wohl dosierter Form, versteht sich - sarkastisch zu sein. Gar nicht zwangsläufig im Bereich der Lyrics, sondern in Form von subtilen, aber doch etwas auflockernden Arrangements. Ein bisschen weniger geradlinig, ein bisschen mehr Überraschungsmomente. Es ist gut (und schön), zu hören zu kriegen, wie schlecht es um die Welt steht. Manchmal kommt jedoch das Aha-Erlebnis erst, wenn man etwas durchgerüttelt wird. Oder hat – ganz beiläufig – schon jemand von euch zu rauchen aufgehört, weil auf den Tschickpackerln draufsteht, dass ihr bald sterben werdet?
Aber wie dem auch sei. In einem kurzen, leicht verstümmelten Satz all das oben stehende zusammengefasst: Opiates! - eine sehr gute zweite Platte, die die Erwartungen auf jeden Fall erfüllt hat. Nicht mehr, aber schon gar nicht weniger. Ok, das waren zwei Sätze. Und nun heißt es wohl wieder warten. Oder?
Text: Andreas Stückler
Mein Leben befindet sich zurzeit in Bearbeitung. Ich bitte deshalb um etwas Geduld. Danke.
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