2009-08-11 15:31:24
FM5 plauderte beim Picture On 2009 mit Christian Neuburger von Slut aus Ingolstadt über ihr aktuelles Album, Eigenheiten des Theaters und Gesundheitsdiktaturen.
Im Gästebuch der Picture On Webseite schreibt User "manfred", dass sich einige Bands im Line Up, darunter Slut, bereits auf dem Abstellgleis befänden. Ihm wurde nicht nur im Gästebuch umgehend widersprochen, sondern er wurde auch von der Band selbst eines besseren belehrt. Die deutsche Indierock-Formation gab sich am Picture On keine Blöße und lieferte einen ungemein druckvollen Auftritt und war damit eines der großen Highlights im Programm des gemütlichen Festivals im Burgenland. Auch im Interview mit Sänger Christian Neuburger erhärtet sich der Verdacht, dass Slut mit der kommenden „Schallnovelle“ einiges vorhat.
FM5: 2006 habt ihr die Dreigroschenoper interpretiert. Wie war das für euch?
Christian Neuburger: Erstmals war's viel Arbeit, aber es hat sich dann als äußerst hilfreich für uns entpuppt. Wir sind alle das erste Mal auf einer Theaterbühne gestanden und haben uns ein Jahr lang mit etwas beschäftigt, dass nicht hundertprozentig von uns war, aber dann doch durch uns verändert wurde. Das war schon eine gute Zeit. Erstens hat es Spaß gemacht und zweitens hat es uns von unserem Kerngeschäft abgelenkt und hat sich, drittens, sehr stark auf Still No. 1 niedergeschlagen. Das hört man schon raus.
War es von Anfang an geplant, aus eurer Version der Dreigroschenoper eine EP zu machen?
Nein. Wir haben erst mal abgewartet, wie die Premiere verläuft und die war sehr umjubelt. Auch alle anderen 23 Vorstellungen waren ein Erfolg. Im Theater ist es so: Wenn der letzte Vorhang fällt, ist alles verschwunden. Vielleicht gibt’s mal eine schlechte Videoaufnahme, aber sonst ist alles weg. Und wir wollten unsere Versionen, die wir für dieses Theaterstück erarbeitet haben, irgendwie konservieren und dann haben wir keine EP, sondern eine ganze LP aufgenommen. Davon durften aber nur fünf Lieder erscheinen.
Warum durften nur fünf Lieder erscheinen?
Weil die Weill-Erben aus New York City interveniert haben. Du darfst im Theater das Gesamtwerk nicht verfälschen, da kann es ganz sklavisch sein. Du darfst eigentlich nicht mal die Tonart, in der das Lied geschrieben wurde, verändern. Selbst wenn der Sänger nicht hinaufkommt, er muss hinaufkommen. Man darf die Lieder nicht transponieren. Das nennt man im Theater Großes Recht und das lässt sich nicht beugen.
Du hast eben schon angesprochen, dass die Arbeit für die Dreigroschenoper eure Musik beeinflusst hat. Was sind die großen Neuerungen auf Still No. 1?
Der größte Unterschied zu All we need is Silence ist sofort hörbar. Das eine ist total abgespeckt. Nur Gitarre, Bass, Schlagzeug und Gesang. Still No. 1 ist im Gegensatz dazu geradezu üppig ausgefallen. Das kommt sicher vom Fundus an Instrumenten, den wir im Theater in die Stücke eingearbeitet haben. Außerdem gab es für Still No. 1 kein Konzept, keinen Masterplan, nichts. Die Lieder sind innerhalb von einem Viertel Jahr entstanden und wurden innerhalb von vier Wochen aufgenommen.
Ihr seid im September und Oktober 2009 viel auf Tour. Wie ist euer Touralltag, was kotzt euch daran an und was findet ihr total super?
Festivals sind auf jeden Fall schwieriger als normale Clubkonzerte. Du fährst 600km hin, spielst eine Stunde und fährst 600km zurück. Du fängst grade an, Gefallen am Spielen zu finden und musst aber dann schon wieder nach Hause. Das ist halt blöd.
Aber eine normale Tour ist wirklich schön. Man ist zwei Wochen unterwegs, jeden Tag in einer anderen Stadt. Und die Tour im September wird sowieso was ganz anderes. Wir spielen keine Slut-Songs.
Keine Slut-Songs? Sondern?
Naja, zumindest neue. Wir haben eine neue Platte gemacht. Keine Slut-Platte, sondern wir haben mit einer Schriftstellerin eine Schallnovelle aufgenommen. Wir führen das wie ein Theaterstück auf. Es wird also keine Slut-Tour werden.
Die besagte Schriftstellerin ist Juli Zeh. Rockband und Schriftstellerin – wie geht das zusammen?
Wie wir festgestellt haben: erstaunlich gut! Es hat sich herausgestellt dass sie ein Slut-Fan ist und zum Bücherschreiben teilweise unsere Musik gehört hat. Und ich war auf einer Lesung zu ihrem aller ersten Buch Adler und Engel im Jahr 2001 in Ingolstadt. Ich hab die Zeh also irgendwoher schon gekannt, aber nicht persönlich. Dann gab’s ein Event auf der Leipziger Buchmesse, da wurden wir gebeten, zusammen mit irgendeinem Schriftsteller was zu machen. Und wir haben gesagt, dass das nur denkbar wäre, wenn der uns adäquat erscheint und wir mit dessen Werk was anfangen können. Die vermittelnde Person hat schließlich irgendwann gefragt, ob uns Juli Zeh ein Begriff sei.
Sie kam dann nach Ingolstadt, wir haben vier Tage lang geprobt und dann stand das Konzept. Dem ganzen zugrunde liegt ihr Roman Corpus Delicti und wir haben ihn gemeinsam zerhackt, wieder zusammengesetzt und mit Musik unterlegt. Wir lesen auch teilweise mit.
Es ist kein Theaterstück, es ist auch kein Hörspiel. Wir haben es Schallnovelle getauft, weil uns nichts anderes für dieses Format eingefallen ist.
In Corpus Delicti geht es um einen Staat, der immer mehr die individuellen Rechte einschränkt. Verfolgt ihr die kontinuierlichen Gesetzesänderungen zugunsten einer umfassenden Überwachung durch den Staat und zeigt ihr generell politisches Engagement?
Wir sind nicht in der Regionalpolitik in Ingolstadt aktiv. Aber es ist immer Thema.
Natürlich nicht so wie bei Juli Zeh, sie ist ja schon quasi die Jeanne D’Arc der Überwachungsgegner und vehemente Verteidigerin des Rechts auf Krankheit. Sie hat ja auch völlig recht mit ihren Thesen. Deswegen hat es ja auch so gut funktioniert: Weil wir in großen Bereichen einer Meinung mit ihr sind.
Sie schildert die Version einer Gesundheitsdiktatur.
Genau, es wird quasi jedem vorgeschrieben, wie man sich zu ernähren hat, welchen Sport man zu betreiben hat. Man darf sich nur mit Leuten paaren, die immunologisch kompatibel sind. Es gibt keine Krankheiten mehr. Dahin geht ja die Entwicklung. Alles muss prophylaktisch verhindert oder möglichst lang hinausgezögert werden. Du wirst ja schief angeschaut, wenn du dich nicht aktiv um deinen Körper und deine Gesundheit kümmerst. Da ist man heutzutage schon ein bisschen komisch.
Sie wehrt sich auch gegen das Leben als Masterplan, das kann sie nicht akzeptieren. Und ich ebenso wenig.
Das Line-up beim Picture On ist jedes Jahr sehr bunt gemischt, ist für euch auch eine Band dabei, die ihr euch gerne ansehen würdet?
Gestern hat doch IAMX gespielt, nicht? Chris Corner von den Sneaker Pimps. Den hätte ich schon mal gerne gesehen. Ansonsten wird’s ja heute etwas härter.
"Was glauben Sie, was in diesem Land los wäre, wenn mehr Menschen mitkriegen würden, was in diesem Land los ist!"
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