2011-03-13 20:43:14
Wenn meine Mutter die Bilder aus Japan sieht, denkt sie an 1986. Als Tschernobyl in die Luft ging. Und sie im siebten Monat schwanger war. Ein Gesprächsprotokoll
Zuerst war alles vage. Es war nicht an dem Tag, an dem es
passierte, sondern ein paar Tage später: Da hieß es in der ZIB, dass da eine
Explosion war und ein Austritt von radioaktivem Material passiert ist. In
Tschernobyl. Irgendwo in der heutigen Ukraine.
Davor hatte ich noch nie von
diesem Ort gehört und davon, dass da ein Atomkraftwerk steht. Nie. Und dort ist also das
Unaussprechliche passiert: Der Super-GAU. Ich habe gewusst, was das ist, denn als
Geographielehrerin habe ich das mit Schülern im Unterricht besprochen.
Man muss sich das einmal vorstellen: Wir haben das früher erfahren
als die Bevölkerung, die näher am Unfallort lebte. Ich habe mir dann gedacht –
und das ist natürlich egoistisch, diese Hoffnung –, dass das bitte bitte nicht
zu uns kommen soll. Damals war Niki, meine älteste Tochter, drei Jahre alt. Nina
erst eineinhalb. Und ich war im siebten Monat schwanger.
Abgezittert haben wir. Für mich war das ein einschneidendes Erlebnis. Fast, als
ob die Welt stehenbleibt. Wir haben uns informiert und erfahren, dass es
gefährlich wird, wenn der Wind dreht und wenn die Wolke über uns ist. Wenn der
Niederschlag kommt, wird’s besonders arg, hat es geheißen.
Und dann ist es tatsächlich passiert. Vier oder fünf Tages später. Es war Ende April.
Da war so eine bleierne Stimmung. Und plötzlich hat es geregnet. Ich saß im
Wohnzimmer und dachte: Da regnet es jetzt die ganze Scheiße runter.
Wir in Salzburg wurden aber relativ gut informiert.
Friedrich Steinhäuser, Physiker, und Christoph König, ein Mediziner, die man
heute wieder im Fernsehen sieht, haben uns damals aufgeklärt, was man tun soll
und was nicht.
Was hieß das dann? Sich möglichst wenig im Freien aufhalten –
vor allem mit kleinen Kindern. Das war schwierig, weil die raus und
alles anfassen wollten. Nina war in dem Alter, in dem sie alles in den Mund
nehmen musste. Niki hat die Aufregung mehr mitbekommen. Sie ist dann ängstlicher
geworden. Wir mussten ihr ja alles verbieten: Tu dies nicht, greif das nicht an.
Vor allem keine Hunde und Katzen streicheln – das war bitter für die Kinder.
Wir
mussten ihnen das Sandspielen verbieten. Blumen pflücken, das war pfui. Durchs
Gras gehen ging auch nicht. Und Lüften sollte man auch vermeiden. Nachdem man
draußen war, musste man die Schuhe gut putzen, die Hände schrubben, Haare
waschen. Es war mühsam. Und schmerzhaft. Weil im Frühling ist man doch so
gierig aufs Grüne. Salat und Schnittlauch waren aber verboten. Ich habe meinen Frauenarzt gefragt und der meinte, dass der Bub im Bauch besser
geschützt sei als diejenigen, die draußen sind.
Ja, vielleicht habe ich etwas überreagiert. Ich habe mal bei
der Firma MILUPA angerufen und gefragt, ob die Babynahrung aus frischer Milch
gemacht wird. Ob das unbedenklich ist, dass das von Kühen kommt, die schon das
Gras aus dieser Saison bekommen haben. Der Mann am Telefon meinte nur, dass er
wisse, warum ich anrufe. Und dass alles in Ordnung sei. Wir sind trotzdem zu Bauern
gegangen, die die Kühe mit dem Heu vom Vorjahr gefüttert haben.
Euer Vater hat insgesamt gelassener als ich reagiert. Er meinte
nur: Ich ess den Salat, ist mir wurscht. Aber die Kinder waren doch im Wachstum
und in einer sehr sensiblen Phase. Da habe ich schon versucht, sie unter den
Glassturz zu stellen.
Über den Sommer ist die Panik dann etwas verflogen. Trotzdem hat
man jahrelang noch die Schwammerl mit Vorsicht genossen. Und das Fleisch vom Tauernlamm
im Pongau, wo es so viel geregnet hat, haben wir nicht gegessen.
Insgesamt hat das alles unser Leben sehr eingeschränkt. Innerlich war das ein Stress: Was scheint die Sonne, wenn ich sie nicht genießen
kann? Was passiert jetzt? Fallen die Vögel vom Himmel? Was ist mit dem Regen,
wenn ich ihn nicht spüren darf? Wie lange muss ich jetzt im Haus bleiben, wie
lange wird das noch dauern? Aber natürlich: Wie viel schlimmer das erst für die
Leute gewesen sein muss, die bis heute unter dieser Katastrophe leiden.
Ich war schon immer sensibilisiert, was Atomkraft anging. Als
Schülerin, mit 16 oder 17 Jahren, habe ich Seibersdorf besucht, die Forschungsstelle
für Atomkraft in Wien. Ich fand diese Gänge so unheimlich. Ich wollte nur raus aus
diesem Komplex. Ich habe dieses Etwas schon immer gehasst. Etwas, das der
Mensch nicht beherrschen kann, so todgefährlich. Etwas, das uns alle ausrotten kann.
Die großen Bedenken kamen dann in den 70ern. Ich kann mich
noch an den Aufkleber erinnern: Atomkraft, nein danke. Den hatten wir hinten auf
unseren Mini geklebt. Und bei Zwentendorf habe ich abgestimmt.
Ich habe damals
viel über die Gefahren gelesen und dass es außer Kontrolle geraten kann. Von den
Atombombenabwürfen in Japan bis zu den AKWs, die sie rund um Österreich gebaut
haben – mir war die Sache schon immer unheimlich. Und das ist sie bis heute.
Nach Tschernobyl habe ich Parteien gewählt, die gegen
Atomkraft sind. Ich habe versucht, mich für Umweltprojekte stark zu machen und
mit Geld zu unterstützen. Ich versuche möglichst energiesparend zu leben: Das
Haus ist gut isoliert, wir haben einen neuen Kühlschrank und andere Geräte, die
energiesparend arbeiten und das ganze Blabla. Ich gehe viel zu Fuß und fahre
mit der Bahn in die Arbeit.
Aber natürlich: Das ist noch ausbaufähig.
Erschwerend kommt hinzu, dass das alles von der Politik und den Lobbys nicht
unterstützt wird. Photovoltaik ist in Salzburg unleistbar. Ein paar Kilometer
weiter, in Bayern, wird diese Technologie viel mehr subventioniert. Ich mache
mit, wo ich kann: Ich mache mein Hakerl bei Unterschriftenaktionen. In meinem
Beruf als Lehrerin versuche ich aufzuklären und ein Bewusstsein zu schaffen.
Die derzeit beste Alternative bleibt für mich, Energie zu sparen.
Weil wir wirklich maßlos geworden sind. Da ist aber die Lobby dahinter und das
wollen viele nicht, dass die Menschen sparen. Ich bin über die menschliche
Hybris schon sehr grantig.
Bei Japan muss ich den Kopf schütteln und denke mir:
Wie kann man in so einer geologisch instabilen Region so etwas bauen?
Verantwortungslos. Das Denken – Da passiert schon nix –, das haben die Konstrukteure
in Japan wie in Tschernobyl gehabt. Wir wurden beide Male eines Besseren
belehrt.
Zur Person: Meine
Mutter Anneliese ist Lehrerin für Geographie und Englisch in Salzburg. Schon in
der Maturazeitung nannte man sie das "Anti-AKW Herzchen".
beschäftigte sich schon im Biologieunterricht lieber mit Aphorismen und Kurzgeschichten als mit der Photosynthese. Widmet sich nun vor allem "Fokus" und ihren Geschichtebüchern.
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