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Warhol ist tot. Oder etwa nicht?

2010-04-23 16:50:08

  • Gob Squad's Kitchen
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  • Gob Squad's Kitchen

Die deutsch-britische Gruppe Gob Squad erfindet Andy Warhols Filme neu. Ein rezensionistischer Erlebnisbericht.

Stell Dir vor, Du liegst auf einem Bett. Du bist voll bekleidet. Eine Frau mit einem tiefen Dekolletée legt sich neben Dich und fragt, ob sie Dich küssen darf. Du sagst ja.

Stell Dir vor, über dem Bett ist ein Camcorder angebracht. Nur einige Meter von euch entfernt beobachten euch hundertvierzig Menschen auf einer großen Leinwand.

Stell Dir vor, Du befindest Dich nicht in einem Sextraum und auch nicht bei Dreharbeiten zu einem Pornofilm. Du befindest Dich bei einer Performance.

My life is like this cake: One meaningless layer after another


Gob Squad heißt das britisch-deutsche Kollektiv, das die Autorin dieser Zeilen in eine solch ungewöhnliche Situation gebracht hat. An zwei Abenden Anfang April gastierte es mit seinem "live film" Kitchen (You've Never Had It So Good) im brut im Künstlerhaus.

Die Beschreibung der Performance auf der Website des brut klang prätentiös bis langweilig. "Gob Squad nehmen Warhols Filme zum Ausgangspunkt und versuchen sie jeden Abend aufs Neue zu rekonstruieren"? Gähn! Provokant ist Warhols Kunst im Zeitalter von Reality-TV schon längst nicht mehr, und wer will heute noch Menschen beim Schlafen, Pilze-Essen oder In-die-Kamera-Starren zusehen?

Gob Squad aber agieren mit so viel (Selbst-)Ironie, dass die Skepsis schon nach wenigen Minuten verfliegt. Verschiedene Warhol-Filme (Kitchen, Sleep, Eat, Kiss und Screen Shots) bilden zwar die Kulisse für die Performance, doch was dann auf Bühne und Leinwand geschieht, ist weit mehr als die anbiedernde Anbetung eines zur Ikone gewordenen Künstlers. Nachgespielt wird hier kaum, stattdessen snifft man Kaffee und trifft auf die doch etwas überraschende Feststellung, dass in den Sechzigern alles erfunden wurde – sogar der Sex.

I like my coffee like my men: hot, strong and black


Im Laufe des Abends müssen die Performer (Sharon Smith, Sarah Thom, Bastian Trost, Simon Will) allerdings erkennen, dass sie gar nicht so real sind, wie sie gerne wären. Sie sind ja geschminkt, sie haben Text gelernt! Freiwillig verlassen sie die Bühne oder werden mit Hilfe einer Packung Chips ("Die hier sind jetzt zwar von Spar, aber heute Abend spielen sie New Yorker Chips aus den Sechzigern") von ihr verjagt – und hier kommt nun das Publikum ins Spiel. Der Rest des Abends soll an dieser Stelle gar nicht vorweggenommen werden, aber keine Sorge: Zu einem Kuss gezwungen wird bei Gob Squad niemand.

Stell Dir vor, Du verlässt das Theater mit einem lauwarmen Bier in der Hand und einem breiten Lächeln im Gesicht.

Gob Squads Kitchen wird in nächster Zeit nicht mehr in Österreich gezeigt; mit Revolution Now! sind Gob Squad aber von 6. bis 8.5. beim Donaufestival in Krems zu sehen.

 

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AutorInnen

Ruth Eisenreich

Ruth Eisenreich

Wissenschaftlert literarisch und theatral, schreibt, spielt schau, denkt, lacht, sucht, träumt.

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