Freies Magazin FM5

Plattform für Kunst und Jugendkultur

ohne Nav

 

fokus

Wahlkampf: "Ob Österreich das braucht?"

2008-09-15 11:02:21

  • Grünen Potzmader Wahlkampf
  • Grünen Potzmader Wahlkampf
  • Grünen Potzmader Wahlkampf
  • Grünen Potzmader Wahlkampf

Ein Interview mit der Wahlkampfleiterin der Grünen über Kosten, Sinn und Personalisierung des politischen Wahlkampfs.

Beate Potzmader ist organisatorische Wahlkampfleiterin der Grünen. Eigentlich wollten wir die WahlkampfleiterInnen verschiedener Parteien interviewen, aber dieser Plan ist gescheitert. Wenn man sich zwischen Stefan Petzner (BZÖ) oder Baden an der Alten Donau entscheiden muss, greift nur ein Masochist zum Aufnahmegerät.

Das die Optik so kurz vor der Wahl nicht ideal ist, war uns klar. Sei's drum, bei uns wird niemand zu Interviews gezwungen. Deshalb haben wir zumindest dafür gesorgt, dass das folgende Interview nicht vor Wahlwerbung strotzt, sondern ein Sachinterview zu politischem Wahlkampf allgemein ist. Politische Inhalte blieben draußen, auch auf Wunsch von Beate Potzmader, die sich selbst nicht als Politikerin sieht.



FM5: Sie haben „Europäische Wirtschaft und Unternehmensführung“ an der FH Wien studiert. Gibt es weitere Ausbildungen, die Sie für die Arbeit als Wahlkampfleiterin qualifizieren?

Beate Potzmader: Nein, das war einerseits „learning by doing” und andererseits Weiterbildung. Ich habe Bücher zum Thema gelesen und Workshops besucht, sogar eine Studienreise in die USA gemacht. (lacht)

Welche allgemeinen Qualifikationen braucht man als Wahlkampfleiterin?


Das Wichtigste ist, dass man den Überblick behalten kann. Über meinen Schreibtisch läuft alles, was nach außen geht. Es gibt zwar für die einzelnen Bereiche wie Veranstaltungen oder Drucksorten entsprechendes Personal, aber ich muss trotzdem alles im Auge behalten.
Ich nehme außerdem immer an den Strategiesitzungen teil, um die politische Stoßrichtung zu kennen und sie werbetechnisch übersetzen zu können.

Sehen Sie sich selbst als Politikerin oder als Dienstleisterin für einen Kunden?

Ich bin keine Politikerin, war auch nie eine. Ich bin Angestellte der Grünen Bundespartei und in dieser Funktion leite ich den Wahlkampf organisatorisch.

Würden Sie das für eine andere Partei auch machen?

Ich habe mich damals schon für diesen Job beworben, weil die Grünen meinen persönlichen Ansichten am ehesten entsprechen. Für eine andere Partei würde ich das nicht machen.

Reden wir übers Geld. Wieviel kostet der Grüne Wahlkampf?

Wir haben knapp drei Millionen Euro zur Verfügung.

Wofür wird das meiste Geld ausgegeben?

Am teuersten sind Plakate und Inserate.

Da drängt sich die Frage auf: Macht Wahlkampf überhaupt Sinn?

Im Wahlkampf können wir nur mehr Botschaften senden, für die wir schon gestanden sind. Inhalte, die wir für die wichtigsten halten, können wir verstärken. Wir können das Profil schärfen. Mehr nicht.
Natürlich denkt man nach, ob Österreich das braucht. Oder was würde passieren, wenn wir gar keinen Wahlkampf machen? Wenn wir auf Plakate, Inserate und alles andere verzichten und unsere KandidatInnen gehen nur zu den Fernsehdiskussionen.

Und spart sich…

… drei Millionen Euro.

Warum wird das nicht gemacht?

Wir würden mit der Tradition brechen, das traut sich niemand. Wenns alle anderen machen, müssen wir mitmachen, das geht nicht anders. Niemand kann sich eine Partei vorstellen, die keinen Wahlkampf macht. Wäre aber reizvoll. (lacht)

Es gab einen Grünen Plakat-Wettbewerb im Internet. Klingt nach billigen Plakaten für die Grünen, aber nicht nach politicher Beteiligung der Basis.

Das ist eine oberflächliche Sichtweise. Der Plakat-Wettbewerb ist zufällig auf dem Blog von Christoph Chorherr entstanden. Er bekam immer wieder Anregungen und Vorschläge von anderen BlogerInnen, daraus ist die Idee entstanden. Die Plakate waren nur mehr die Ausdrucksweise dafür.

Wurde für die Verwendung der Plakate bezahlt?

Wir haben einen kleinen Anerkennungsbeitrag für die Nutzungsrechte bezahlt. Der Preis war, dass wir die Plakate drucken und aufhängen.

Thema Plakatständer. FM5 kennt das Problem damit gut: Jeder will sie aufgestellt sehen, aber keiner will sie bauen. Baut die Grüne Bundespartei ihre Dreieckständer selbst oder müssen das die Wiener Grünen machen?

Ja, wir haben das an die Landesorganisationen ausgelagert. Mittlerweile haben wir eine gewisse Größe überschritten, so dass wir die Plakatflächen nicht mehr selber bauen können. Gabs aber früher auch. (lacht)

Uns ist aufgefallen, dass die Kampagne der Grünen sehr auf den Spitzenkandidaten Alexander van der Bellen zugeschnitten ist. Die Abkürzung vdb erinnert an KHG (Karl Heinz Grasser) oder HC Strache. Was steckt hinter dieser Personalisierung?

Unser Spitzenkandidat ist das beste Zugpferd. Jede Partei braucht ein Gesicht, da kann man nicht mehr drum herum. Gerade wir mit unserem Spitzenkandidaten wären blöd, wenn wir das nicht machen würden.

Frühe Grüne Prinzipien wie die Basisnähe und der regelmäßige Wechsel an der Spitze wurden also über Bord geworfen?

Ich würde sagen, wir haben uns weiterentwickelt. (lacht) Auch zu Beginn gab es „Ikonen der Grünen“ wie Freda Meissner-Blau. Ich sehe das nicht als Nachteil.

Schlussfrage: Was macht eine Wahlkampforganisatorin nach dem Wahlkampf?

(lacht) Die nächste Wahl vorbereiten. Im Juni nächsten Jahres haben wir die Wahlen zum EU-Parlament. Falls es die nächsten fünf Jahre keine Nationalratswahl gibt, betreue ich die laufenden Kampagnen.

Printer Icon Creative Commons by-nc-nd - Some rights reserved



AutorInnen

Martin Bartenberger

Martin Bartenberger

Ich mag mein Studium (Politikwissenschaft), Tiere, die Wiener Außenbezirke und gutes Essen (Tiere). Mitglied des FM5-Kletterteams.

Newsfeed Icon Newsfeed von Martin Bartenberger abonnieren

Georg Oberhumer

Georg Oberhumer

Ist 23, studierte Publizistik, lernt jetzt Deutsche Philologie und bildende Kunst, arbeitet für EIKON und fm5.

Newsfeed Icon Newsfeed von Georg Oberhumer abonnieren



Kein Bock auf Nazis Festival 13.4. Arena


Archiv  | Impressum | AGB | Gewinnspiel | Friends Shop