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Wahl06 - Kanzler, Kampagnen, Kapriolen

2007-04-02 00:13:39

"Wahlkampf bedeutet Stimmenmaximierung am Tag X", so definiert Mag. Andrea Danmayr, Pressesprecherin bei den Grünen, die Wahlkampfzeit. Doch stellt sich, angesichts der jüngsten Entwicklungen in unserem kleinen Land die Frage, ob diese Stimmenmaximierung um jeden Preis erreicht werden darf?

Hat Alfred Gusenbauer, und damit die SPÖ, die Nationalratswahl 2006 wirklich auf Grund der hervorragenden Wahlkampfstrategie gewonnen oder ist die Ursache, wie es Thomas Hofer, ehemaliger Innenpolitik-Redakteur des profils, formuliert "im Unvermögen der ÖVP ihr Potenzial auszuschöpfen" gelegen? Mit dieser und anderen Fragen setzt sich der Sammelband ‚Wahl 2006 - Kanzler, Kampagnen, Kapriolen’ auseinander. Die beiden Herausgeber Thomas Hofer und Barbara Tóth, Innenpolitik-Redakteurin bei der Tageszeitung DER STANDARD, haben Politiker, Journalisten, Politologen und Meinungsforscher um ihre Einschätzung des vergangen Wahlkampfes gebeten. Herausgekommen ist ein, in jeden Fall, spannender und aufschlussreicher Sammelband, mit vielseitigen Beiträgen, der für Politikprofis genauso wie für Laien interessant ist.

Hinter den Kulissen

„Wahlkampf bedeutet Stimmenmaximierung am Tag X“, so definiert Andrea Danmayr, Pressesprecherin bei den Grünen, das Wahlkampfziel. Zur Zielerreichung werden von den einzelnen Parteien verschiedene Maßnahmen und Strategien eingesetzt, die sich größtmöglich von allen anderen Parteien abgrenzten sollen. Wie diese genau aussehen und warum sich beispielsweise die ÖVP für einen Kanzlerwahlkampf oder die FPÖ für das Themen-Setting ‚Außen- und Integrationspolitik’ entschieden haben, wird in ‚Wahl 2006 - Kanzler, Kampagnen, Kapriolen’ von den Wahlkampfbeauftragen offen dargelegt.
Josef Kalina, Kommunikationschef der SPÖ, beschreibt, warum Alfred Gusenbauer den ‚american way of campainging’ wählte und warum, trotz BAWAG-Skandal, die SPÖ doch noch die Wahl gewonnen hat. Leider kommt Kalina bei seiner Ausführung nicht ganz ohne Schadenfreude gegenüber der ÖVP aus. Ähnlich der Beitrag von Elmar Pichl von der ÖVP, der eher den Wahlkampf der SPÖ diskutiert und trotz dem fatalen Verlust der ÖVP der schwarzen Strategie noch etwas Gutes abringen kann. Ganz ohne Rundumschlag kommt  Andrea Danmayr aus: Sie lässt faktisch den Grünen-Wahlkampf Revue passieren, wenngleich die Ausführungen im Vergleich zu den anderen vier Parteien-Beiträgen etwas trocken wirkt. FPÖ und BZÖ rühmen sich, einen Wahlkampf sondergleichen geliefert zu haben, obgleich beide Strategien in ihren Grundzügen ziemlich ähnlich sind. Die Herkunft kann bekanntlich nicht verleugnet werden.

Analyse - Was hat’s wirklich gebracht?

Ob die einzelnen Strategien wirklich den erhofften Erfolg gebracht haben, oder ob doch auch noch andere Faktoren das Wahlergebnis vom 1. Oktober 2006 beeinflusst haben, diskutieren österreichische Journalisten, Politologen und Meinungsforscher. Anneliese Rohrer, bis 2001 Ressortleiterin Innenpolitik bei der Tageszeitung DIE PRESSE, und seit 2005 Kolumnistin bei der Zeitung KURIER, und Thomas Hofer diskutieren, teilweise sehr lebhaft und emotional, eine mögliche ‚Amerikanisierung’ der österreichischen Wahlkampftradition.
Die Herausgeberin Barbara Tóth und Mitarbeiter des SORA Meinungsforschungsinstitut prüfen, welchen Einfluss der BAWAG- und Pflegeskandal auf die Wahlentscheidung der Österreicher und Österreicherinnen hatte, wobei Tóth einen überaus aufschlussreichen und interessanten Abriss der heimischen Skandalgeschichte liefert. Abgerundet wird der Sammelband durch eine direkte Wahl-Analyse, eine Analyse der TV-Konfrontationen und einen Beitrag zur Parteienfinanzierung.


Obwohl sich Hofer und Tóth bei der Zusammenstellung dieses Buches offensichtlich sehr viel Mühe geben haben, alle Seiten des Wahlkampfes zu durchleuchten, erinnern die Parteien-Beiträge leider zu oft eher an einen politischen Schlagabtausch, als an eine sachliche Darstellung. Dennoch zeigt der Sammelband sehr gut auf, wie die tatsächliche Arbeit der oftmals Sagen umwobenen Spin Doktoren aussieht. Den Anspruch der beiden Herausgeber, ein Bindeglied zwischen den ersten, meist oberflächlichen Wahl-Analysen und den ersten wissenschaftlichen Evaluierungen zu liefern, ist den beiden jedoch in jedem Fall geglückt!

 

Wahl 2006 - Kanzler, Kampagnen, Kapriolen. Analyse zur Nationalratswahl.
Hg. Thomas Hofer, Barbara Tóth
Reihe: Politik aktuell, Bd. 5
Lit Verlag, Wien 2007 
208 S., 24,90 EUR
ISBN 978-7000-0618-3

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