2007-04-02 00:10:58
Der mit dem Pseudonym „Nagel“ behaftete und als Textwriter der Punk-Band Muff Potter agierende deutsche Schriftsteller widmet seinen soeben erschienenen Debütroman „Wo die wilden Maden graben“ einem in der Populärmusik wohl globalen Thema: Der öde, stets wiederkehrende Alltag, wenn die Tour der Band wieder zu Ende gegangen ist. Anhänger zeitgenössischer Popliteratur hat er mit diesem Werk sicher auf seiner Seite – allerdings bleibt die Frage, ob dieses Genre der Literatur nicht auch schon zum trägen Alltag mutiert ist, im Raum stehen.
Ein Diskurs literatursoziologischer Prägung muss wieder einmal geführt werden. So schrieb die in Köln als Musikredakteurin des Magazins „Intro“ lebende Sonja Eismann einen Beitrag unter dem Titel „Der Lack ist ab: Was bleibt von den schönen Oberflächen der Popliteratur?“ für das 2002 veröffentlichte Buch namens „FM4-Das Buch #1“. Die umtriebige Journalistin, die auch auf der Homepage des Radiosenders FM4 ihren Hostbereich hat, ging darin der Frage, inwiefern die Popliteratur als solche noch „chick“ respektive notwendig und was Popliteratur jetzt eigentlich sei, nach – um leicht optimistisch am Ende des Essays anzumerken: „Und dann denke ich, vielleicht wird nach dem Abklingen der Hysterie doch noch ein produktiver Umgang mit dem Pop-Wort möglich. Und zwar nicht nur dort, wo es Kasse macht.“
Ausgelöffelt und überflüssig
Anfang des Jahres 2007: Die früher mit dem Etikett der „Rebellion“ versehene (Populär-)Musik ist bereits im Mainstream angekommen und erfreut sich dort – getreu dem Spruch „Eine Hand wäscht die andere“ – größter Beliebtheit. Und wenn der Konsumismus der kapitalistisch geprägten Regionen alles ausgesaugt hat, dann darf sich der geneigte Musikhörer noch leise freuen. Die vormals als der neue „heiße Scheiss“ verschriene Popliteratur, deren Energie namhafte Vorreiter wie Benjamin von Stuckrad-Barre („Livealbum“) oder Christian Kracht („Faserland“) an die voller Zukunftshoffnung blendende Oberfläche brachte, wirkt dieser Tage höchstens wie ein schlechter Abklatsch. Der Leser ist schließlich keine Kuh, die sich tagtäglich mit Gras füttern lässt. Und leider wurden gerade in diesem Genre Wörter wie Abwechslung, Innovation und Vorantreiben fremd.
Wahrscheinlich ist der 1976 geborene deutsche, mit dem Pseudonym „Nagel“ versehene Schriftsteller angetreten, um mit diesen schauderhaften Tatsachen abzurechnen: Mit seinem ersten, soeben im verdienten Mainzer Ventil Verlag erschienenen Roman „Wo die wilden Maden graben“ probiert der Mann, dessen Biografie unter anderem mit einem in den 90ern betriebenen renommierten Punk-Fanzine („Wasted Paper“) gefüllt ist, jetzt also ein Glück.
Oberflächlich betrachtet, versucht sich Nagel zunächst als gehobener Autor, der das Thema Alltag versus Band-Tour mit gar philosophischen Ansätzen meistern will; so will es zumindest der Klappentext wissen. Doch bereits nach Bewältigung der ersten Seiten vermisst man wenigstens subtil tiefsinnige Gedanken: „Mist, ab morgen müssen wir fürs Bier wieder bezahlen!“ „Wo sind denn all die nach Zugaben schreienden Mädchen plötzlich hin!“
Das Problem dabei: Nagel fördert teilweise recht banale, vor allem aber billige Passagen zutage, die bewusst witzig klingen möchten, jedoch genau das Gegenteil erreichen: „Meine Fürze klingen wie der Dieselmotor unseres früheren Bandbullis.“ Wiewohl der folgende, ganz im Zeichen der Possierlichkeit aufgebaute Dialog ebenfalls aus der sprichwörtlich tiefsten Schublade kommt: „Sag mal Werner, hast du dir die Haare blondiert?!“ „Ja, wieso, passt mir das nicht?“ „Sieht total behindert aus.“ „Das kommt ja vom Richtigen. Wie fühlt man sich eigentlich mit so einer Hitlerjugend-Memorial-Frisur?!“ „Na, immerhin trage ich keine scheißefarbenen Schuhe wie du.“ Ja, gelacht haben wir. Und da weiß man, was man hat. Außerdem erweckt der ob des Debüt-Romans frevelhaft wirkende Autor den Eindruck, dem Buch mit aller Gewalt noch eine Seite hinzufügen zu wollen.
Weil hier eben mehr im Sinne der Nachfrage gearbeitet hätte werden sollen: Einblicke in den mal tristen, mal aufregenden Touralltag hat die danach haschende „High Society“-Gesellschaft bereits vor einigen Dekaden – die 68er lassen grüssen! – bekommen. Aus diesem Grund scheint es natürlich zutiefst überflüssig und ausgelöffelt, im Jahr 2007 ein Buch über die Untiefen einer Tour zu verfassen.
Doch trotz der zum Vorschein kommenden Mühe, die sich Nagel beim Verfassen des Buches gab, steht letzten Endes fest: Wir sind von Romanen, die das unendliche Thema der Kampfzone Großstadt-Kleinstadt-Touralltag-Band derart überstrapazieren, mindestens übersättigt. Aber ganz nüchtern betrachtet: Es wird nicht das letzte Werk der Popliteratur gewesen sein…
Das von Nagel verfasste Buch „Wo die wilden Maden graben“ ist im Ventil Verlag erschienen.
"Von Beginn an ist Johannes ein hedonistischer Charakter und Ästhet – im Sinne Kierkegaards – der nur darauf aus ist, Cordelia zu verführen." (Wikipedia)
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