2011-09-08 13:22:11
Es dreht sich, fliegt und zieht alle Blicke auf sich. Das Dirndl ist so beliebt wie lange nicht mehr und die Tracht erfährt einen lange nicht da gewesenen Hype.
Ein Mikro-Essay über die Tracht
Je chaotischer und verrückter die Zeiten, umso mehr besinnen sich die Menschen auf traditionelle Werte. Vielleicht hält deswegen die Tracht gerade einen modernen Siegeszug zurück in die Schaufenster und Straßen der Metropolen und Dörfer. Natürlich war der (Bauern-)Herbst schon immer die Zeit, in der man sich zumindest einmal im Jahr in Dirndl und Lederhose werfen konnte, um viele Gleichgesinnte im Bierzelt auf der „Wiesn“, und anderen Oktoberfesten zu finden. Doch es hat sich einiges verändert im Business mit der Tracht.
Edelweiß-Bikini und die echte Hirschlederne
Einerseits ist die traditionelle Bekleidung sowieso schon immer gern und viel getragen worden. Andererseits hat der Kommerz die Tracht für sich entdeckt und liefert ein Machtspiel zwischen Tradition und Trend, Pflege und Entwicklung. Seit einigen wenigen Jahren kann man bereits im Sommer am See im Edelweiß-Bikini und Lederhose-Optik-Badehose mit Plastik-Hirschhorn-Knöpfen auftrumpfen; die passenden Filp-Flops natürlich mit dabei. Die Lederhose ist alltagstauglicher denn je und wird Sommer wie Winter getragen. Echtes Leder birgt schließlich viele Vorteile. Das angenehme Trage-Klima einer echten Hirschledernen, sowie der Mythos um das gute Stück machen dieses Kulturgut so besonders. Welches Kleidungsstück kann denn schon von sich behaupten, dass es erst dann richtig gut und echt aussieht, wenn man die Geschichte des Trägers an seiner Hose erkennt. Im Fachjargon redet man hier von der Patina, die quasi den Status dieses Beinkleids ausmacht. Zudem ist eine original aus Hirsch gefertigte beinahe unsterblich. So war es vor allem früher Tradition, Lederhosen weiter zu vererben. Auch das Dindl wird wieder vermehrt zu Hochzeiten, ins Theater oder gar auf Klassenfotos getragen.
Festtagszug der Glamour-Dirndl
Die Modebranche und -Industrie hat die Tracht wieder für sich entdeckt. Ein Dirndl steht schließlich jedem, so eine gängige Meinung. Designerin Lena Hoschek ist international für ihre Rock´n´Roll Couture bekannt, in die sie gerne einmal Neuinterpretationen der traditionellen Mieder-Rock Kombination einfließen lässt.
Bei Trachtenschneiderin Angelika Rosenlechner, die ihren Laden in der Nähe von Salzburg führt, liegt das Augenmerk auf modernen und teilweise extravaganten Versionen des Klassikers. Sie kreiert feinste Haut Couture Dirndl, die dennoch sehr erschwinglich sind. Die Haute-Couture-Award Finalistin zaubert aus Abendkleid-Stoffen Glamour-Dirndl. Der Erfolg spricht für sie. Ihre modernen Kreationen haben es auch schon auf den chinesischen Laufsteg geschafft. Aber auch hierzulande ist das Interesse an einer modernen Variante des traditionelle Gewands spürbar. Laut der Modedesignerin gibt es zwei Trends: die einen, die lieber ganz beim klassischen Dirndl bleiben und die, die, gerne auffallen und Außergewöhnliches tragen.
Polyester-Lederhosen und Barbie im Dirndl
Einher mit dem alljährlichen Trachten-Hype geht natürlich auch der massenhafte Stangen-Vertrieb durch Kleiderdiscounter. Diese Polyester-Trachtverschnitte sind oft schon weit unter einhundert Euro zu haben. Damit sind sie zwar günstiger als ein Original aus einem Traditionshaus, wo Anfertigungen leicht über tausend Euro kosten können, aber Qualität und Material, sowie das gute Gefühl beim Tragen, können da wohl kaum mithalten. Denn ein gutes Dirndl hat seinen Preis - und das zu Recht. Genauso wie die Lederhose mit Leichtigkeit 30 Jahre oder länger halten kann. Abgesehen von den billigen Massenfabrikaten gibt es auch noch andere kommerzielle Erscheinungen, die dem Dirndl-Boom entspringen, wie zum Beispiel die Oktoberfest Barbie im Mini-Dirndl.
Im Dirndlflug von Südtirol nach Niederbayern
Was in den Alpenregionen ursprünglich als Arbeitskleidung begann, erlebt heute schon mal eine bizarre Zweckentfremdung. Die Meldungen über anstehende Dirndlflugtage füllen im Sommer die Medien. Von Südtirol bis Niederbayern bekommen Dirndl Flügel. Bei diesem kuriosen Ereignis, besteht das Ziel darin, so kreativ wie elegant und selbstverständlich im Dirndl von einem Sprungbett ins kühle Nass zu springen. Bewertet wird das ganze von einer mehr oder weniger professionellen Dirndl-Flug Jury. Als Preise winken meistens – wer hätte das vermutet - Einkaufsgutscheine.
Dirndl tragen, ja bitte! - Aber richtig!
Wer gerne Dirndl trägt, sollte grundlegende Kenntnisse über sein schönes Stück besitzen, um nicht als Pseudo-Touri-Heidi enttarnt zu werden. Die Schürze hat eine starke symbolische Bedeutung. Je nachdem wo die Schleife sitzt, gibt sie Auskunft über den Familienstand. Eine gebundene Schleife auf der linken Seite bedeutet ledig, auf der rechten Seite hingegen verheiratet. Trifft man auf jemanden mit der Schleife am Rücken, so kann man nur hoffen, dass diejenige sich nicht auskennt, denn nur Witwen tragen die Schleife am Rücken. So will es die Tradition.
Tradition und Kommerz! – Freund oder Feind?
Eine Frage bleibt, muss sich Tradition und Kommerz ausschließen? Es wäre absurd zu glauben, dass sich nichts, also auch die Tracht und das Traditionelle nicht ändert, nur die Geschwindigkeit ist eine andere. Ein Kleid kann ja nur dann als Dirndl bezeichnet werden, wenn es gewisse Attribute und Merkmale, wie die Dreier-Kombination aus Bluse, Miederrock und Schürze besteht. Wenn sich der Stoff, aus dem die traditionellen Träume geschneidert sind ändert, kommt es auf die Frage der Verwendung an. Solange die Prinzipien von Pflege und Tracht nicht im Kommerz-Sog untergehen ist esamüsant und erquickend die Modeentwicklung zu verfolgen.
Kleinode machen das Leben schöner
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