Dieser Artikel stellt einen kleinen Wegweiser dar und erzählt von den Problemen der Universität Wien anhand der Lehrveranstaltungsanmeldesysteme. Als Expertin halfen Marion Löffler, verantwortlich für das Anmeldesystem am Institut für Politikwissenschaft und Martin Polaschek, aus dem Bereich Projekt- und Changemangagement des Zentralen Informatik Dienstes der Universität Wien.
Wer Lemie für ein exotisches Mädchen hält und Apis mit Apu aus der Zeichentrickserie „Simpsons“ verwechselt, hatte noch nichts mit den Anmeldesystemen an der Universität Wien zu tun. Die Liste an Bezeichnungen ließe sich noch weiter fortsetzen. Doch soll man angesichts der Bildungskrise bedauern, dass man mit PISWI, APIS, LEMIE & Co. nichts zu tun hat? Schließlich wächst an jener Institution der Ärger der StudentInnen. Zwischen Weltklasse-Rhetorik und haarsträubenden Anmeldesystemen sucht sich hier jeder seinen Weg.
Dieser Artikel stellt einen kleinen Wegweiser dar und erzählt von den Problemen der Universität Wien anhand der Lehrveranstaltungsanmeldesysteme. Als Expertin halfen Marion Löffler, verantwortlich für das Anmeldesystem am Institut für Politikwissenschaft und Martin Polaschek, aus dem Bereich Projekt- und Changemangagement des Zentralen Informatik Dienstes der Universität Wien.
Probleme sind nicht neu
Das Wissen, wie man in jeder Lehrveranstaltung einen Platz bekommt, würde sich jeder Student gerne aneignen. Handelt es sich doch um einen wesentlichen Unsicherheitsfaktor während des Studiums. Historisch gesehen, sind Anmeldungen an der Universität nichts Neues. Das beginnt bereits mit der Zulassung zum Studium. Vor der - in Österreich relativ hohen - Erschließung mit Internet, musste man sich zu vielen Lehrveranstaltungen und Prüfungen noch mit einem Schreibgerät in Listen eintragen. Dass dabei allerhand Fehler passiert sind, lässt sich leicht nachvollziehen. Womit die Gefahr einer „gute - alte – Zeit“ Nostalgie abgewehrt sein dürfte und die Frage in den Mittelpunkt drängt, wer für den heutigen Anmeldedschungel verantwortlich ist
Verantwortung liegt bei den Instituten
Die vorläufige Antwort: Jedes Institut für sich. Die Verantwortung für die Erfassung und Regulierung der StudentInnen und damit für den Zweck der Anmeldesysteme, liegt bei den Instituten. Eine Situation, der Marion Löffler einiges abgewinnen kann, da die Institute am nächsten bei den Studierenden sind. Je zentraler das System, desto weniger Schlupflöcher und individuelle Lösungen, fürchtet sie. Ähnlich argumentiert Martin Polaschek: „Ein Standardproblem, das praktisch immer dann auftritt, wenn viele Insellösungen durch eine zentrale Lösung ersetzt werden sollen, besteht darin, dass die allgemeine Lösung praktisch nie die Summe aller Features der vielen Speziallösungen bieten kann.“
Zentrales Anmeldesystem
Trotz dieser Vorbehalte wird an einem zentralen Anmeldesystem gearbeitet. „Die Universität Wien sucht nach einem Kompromiss zwischen einem kostengünstigen und effizienten, sowie an die individuellen Bedürfnisse angepassten System“, wie sich Polaschek auf der Suche nach Unverfänglichkeit ausdrückt. Löffler glaubt jedoch nicht an die Durchführbarkeit eines solchen Systems, die Bedürfnisse der einzelnen Studienrichtungen seien einfach zu unterschiedlich.
Ob zentral oder nicht, entscheidend für die StudentInnen bleibt, dass sie einen Platz in einer Lehrveranstaltung bekommen, die sie besuchen möchten. Das ist nicht immer möglich und scheitert oft bei der Anmeldung.
„Wer zuerst kommt mahlt zuerst“
Dabei gibt es zahlreiche verschiedene Ausschlussmechanismen. Das offensichtlichste und am meisten Ärger erregende ist ein System, bei dem jene, die sich am schnellsten anmelden, einen Platz bekommen. Dabei führen die schnellsten Internetverbindungen und ein technisches Verständnis zu einer erfolgreichen Anmeldung. Nach zwei Minuten sind alle Plätze weg. Ein Mechanismus, der nicht den Kriterien für gute Studierende der Politikwissenschaft entspricht und daher von Löffler abgelehnt wird.
Andererseits hat man bei diesem System das Gefühl, dass man selbst verantwortlich ist, dass man mit entsprechendem Einsatz den gewünschten Platz bekommt. Wenn jedoch der Einsatz bei allen da war, fallen trotzdem einige hinaus und das Gefühl der Kontrolle stellt sich als Illusion heraus.
Dasselbe System verlangt von den Studierenden auch, dass sie sich zu einem bestimmten Zeitpunkt anmelden, was vor allem ein Hindernis für arbeitende, aber auch viele andere StudentInnen darstellt. Ein Trend weg von dieser Ellbogenmentalität ist unausweichlich, weil sie völlig kontraproduktiv ist. Bei einem System, in dem man sich über einen gewissen Zeitraum anmelden kann, entscheidet dann der Zufallsgenerator, was von einer Ideallösung ebenfalls weit entfernt ist.
Reihungskriterien
Neben diesen Ausschlussmechanismen gibt es aber auch noch so genannte Reihungskriterien, die das Leben der Studierenden erschweren. So bekommt man in Studienfächern mit Kapazitätsproblemen als StudentIn einer anderen Studienrichtung keinen Platz. Was dazu führt, dass diese sich für das jeweilige Studium inskribieren und damit eine hohe Statistik an Studienabbrechern produzieren.
Löffler bestätigt, dass aus diesem Grund die Reihungskriterien ihre Zwecke nicht erfüllen. Für sie sind sie aus der Not entstanden, als eine unerwartet hohe Zahl an Studierenden auf ein zu geringes Lehrangebot traf.
Strategie des Aushungerns
Ein zu geringes Lehrangebot ist an vielen Instituten zu einem Dauerzustand geworden. Obwohl die Institute stets weniger Geld haben, gibt das Rektorat die Verantwortung mit der Situation umzugehen, an die Institute weiter. Löffler glaubt dahinter eine Strategie zu erkennen: „ Es scheint so zu sein, dass das Rektorat mit der Abschiebung der Verantwortung, den zu niedrigen Mitteln und dem zu geringen Lehrangebot darauf wartet, bis der Ruf nach Aufnahmebeschränkungen von den Instituten selbst kommt.“ In diesem Zusammenhang ärgert sich Löffler auch über die Studierenden, die sich diesem Ruf teilweise bereits angeschlossen haben.
Pragmatismus
Laut Löffler bekommt am Institut für Politikwissenschaft jeder und jede seinen Platz, wenn er/sie etwas Pragmatismus walten lässt und nimmt, was er/sie bekommt. Daneben gibt es auch immer wieder Seminare und Vorlesungen, die kaum besucht werden, weil sie nicht so bekannt sind oder nicht so interessant klingen. Studieren heißt in diesem Zusammenhang eben auch, sich die Zeit zu nehmen und sich abseits der Mindeststudiendauer mit dem Thema auseinanderzusetzen.
Stattdessen begeben sich die Universitäten jedoch in Konkurrenz zu Fachhochschulen. Nicht mehr Bildung, sondern Vorbereitung auf den Arbeitsmarkt stehen im Vordergrund. Eine wenig verwunderliche Situation, wenn man bedenkt, dass die Universitäten gleichzeitig das Monopol für gesicherte Arbeitsplätze verloren und Begriffe wie Einkommen, Standortsicherung etc. das Monopol der wichtigsten Bedürfnisse übernommen haben.
Schuldzuweisungen und „erfreuliche Entwicklungen“
Mit Schuldzuweisungen sollte in einer solchen Situation vorsichtig umgegangen werden. Denn für die Probleme der StudentInnen ist (derzeit noch) die österreichische Bundesregierung bzw. die zuständige Ministerin zuständig. Und wenn die Sorgen und Probleme der Studierenden lediglich aus der Integration in den zukünftigen Arbeitsmarkt bestehen, dann handeln die Verantwortlichen womöglich richtig.
Es liegt daher sowohl an den Lehrenden als auch an den Studierenden, sich lautstark gegen eine Bildung zu wehren, die nur von wirtschaftlichen Kriterien bestimmt ist. Und wer das nicht tut, wird sich über die derzeitige Entwicklung sowieso freuen. Leider sind wir von einer gesellschaftspolitischen Debatte über den Zweck von Bildung weit entfernt. Dem so genannten Neoliberalismus und seinen Vertretern wurde das Feld viel zu leicht überlassen.