2009-03-26 11:41:52
Die österreichische Band Kreisky veröffentlichte dieser Tage ihr zweites Album mit dem großen Titel Meine Schuld, meine Schuld, meine große Schuld.
Austriakische Befindlichkeiten
Österreicher haben es nicht leicht: Die ständigen Neurosen, das schlechte Gewissen im Hinterkopf, stets zwischen Hochmut und Depression befindlich, heute himmelhoch jauchzend, morgen zu Tode betrübt, ständige Gesten der Verdrängung und überhaupt noch immer irgendwie gefangen in einer diversen historischen Tatsachen geschuldeten Mischung aus Monarchie und Nationalsozialismus, Stichwort Obrigkeitshörigkeit. Alles fein garniert mit Wiener Schmäh oder sonstigen Verhaberungsversuchen. Wenn das nicht genügt: Man nehme Freunderlwirtschaft. Erwin Ringel, schau oba!
Falls jemand zu glauben meint, jene aus Klischees gespeisten Bilder und Vermutungen gehören längst der Vergangenheit (die uns ohnehin nicht mehr einholt) an, der sei eines besseren belehrt, denn, so scheint es, gerade im Pop-Universum umtriebige Formationen halten uns den Spiegel vor und beschreiben, wie wir so ticken:
Bereits mit ihrem 2007 erschienenen, gleichnamigen Debütalbum machte das famose Quartett Kreisky klar, wohin die Richtung geht – dorthin, wo es wehtut. Sprich: Tief, sehr tief in der österreichischen Seele bohren, die vom bereits genannten Herrn Ringel mehr als treffend beschrieben wurde.
Alles immer hinterfragen, von schweren Gedankengerüsten erschlagen werden, sich danach einen Jakob beim nächsten Heurigen holen und beim Weltuntergang in der ersten Reihe fußfrei teilnehmen; wie gesagt.
Auf ihrem zweiten, Ende März veröffentlichten Album mit dem grandiosen und meine Landsmänner entlarvenden Titel Meine Schuld, meine Schuld, meine große Schuld (Wohnzimmer Records) wird der weinrote Faden wie bisher mit größter Konsequenz weiterverfolgt, wenn auch eine Spur treffender und überzeugender.
Die vier in puncto Geschmack unschlagbaren Herren mittleren Alters Franz Adrian Wenzl (Stimme und Orgel), Martin Max Offenhuber (Gitarre und Stimme), Gregor Tischberger (Bass und Stimme) und Klaus Mitter (Schlagzeug) deuten darauf mit Einsatz von einem brachial-schroffen Gemisch aus Percussion, Bass und Schlagzeug und der unverkennbaren Stimme des Frontmanns Wenzl aktuelle austriakische Befindlichkeiten. Bestens umgesetzt wurde das zum Beispiel in dem Song "Dow Jones", dessen Strophe aus zwei Fragen und zwei deutlichen Antworten besteht: "Und wann sind wir endlich daheim? Wir sind nie daheim! Wann kommen wir endlich heim? Wir kommen nie heim!" Hinausgeschrien in die weite Welt, auf dass uns jemand erhöre.
Ein anderes Mal steht die Frage im Raum: "Aber wovor hast du Angst? Wovor hast du Angst?" ("Geladene Gewehre") Am griffigsten wirkt der hingelegte Seelenstrip jedoch in der letzten Nummer mit dem ebenfalls nicht gerade optimistischen Titel "Die Menschen sind schlecht", wo es anfangs lautet: "Die Strasse ist lang und die Menschen sind schlecht/und die Lokale hier kannst du vergessen/niemand hat gesagt, ich hätte keine Chance/das hab ich selbst bald genug bemerkt."
Musikalisch und textlich trifft man sich also auf einer Ebene, die zwischen den Zeilen gelesen werden kann: Alles ist scheiße, leckt mich am Allerwertesten! So ist der Grundton generell (wie könnte es auch anders sein?) bewusst angelegt: Unruhig, nervös, hart, rau. Vor allem wird hier eines: gelitten auf hohem Niveau. Die Gitarren sind auf Apokalypse gestimmt, manchmal blitzt ein langsamer Blues durch, meistens drängt man auf den Abgrund zu – alles herrlich pathetisch!
Alles in allem ein gewagtes, ein gekonntes, ein geglücktes Album, das all den Selbsthass, die Selbstverachtung, den Ekel, das Jammern und Wehklagen - kurz: stereotypische Haltungen, Eigenschaften made in Austria - einmal mehr ans Tageslicht bringt. Und verdammt, brüllt es: "Meine Schuld, meine Schuld, meine große Schuld!" Herr Karl, Mundl, Kreisky. Wieso stammt noch mal die Psychoanalyse aus Wien? (jorau)
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David Lynch lässt grüßen!
So wie Kreisky auf der Nummer "Glitzer" beschreiben, wie der Glitzerscheiß in die Augen, die Ohren, die Nase und ins Hirn steigt, so legt sich ebenso die Musik der Gruppe in Hirn, Ohren und sogar Nase und Augen des Hörers. Denn es ist ihre Schuld, ihre Schuld, ihre große, große Schuld. Und das ist auch gut so! Nachdem wir erst alle "geweint haben, als die Woman da war" und zu "Vandalen" mutierten, kommt nun auch noch "Asthma" dazu, die Vorabsingle der neuen Scheibe. Kreisky liefern ihr neues Werk Meine Schuld, meine Schuld, meine große Schuld ab.
Kreisky sind mit kaum einer anderen österreichischen Band zu vergleichen und sie bleiben auch auf ihrem neuen Album ihrer Linie treu. Die groteske und gleichzeitig zur Musik passende Stimme Franz Adrian Wenzls besingt, oder besser bekreischt und bespricht auf zehn Liedern menschliche Ängste ("Geladene Gewehre"), menschliche Emotionen ("So schöne Zähne") und menschlichen Beziehungen ("Glitzer").
Gut vergleichbar ist Kreisky mit David Lynch-Filmen, was die Verschrobenheit und abgedrehte Stimmung angeht. Auch Interpretationsmöglichkeiten der Texte gibt es unzählige. Es sei also jedem Hörer selbst überlassen, was er sich an Weisheiten aus den Geschichten ziehen möchte. Auch wenn es nur die Melodie ist, zu der man nach Rhythmus heischend im Takt mitwippen kann.
Verzerrt quietschend bietet Gitarrist Martin Max Offenhuber den eigentümlichen Sound, der jedes Glas zum Springen verleiten könnte. So springt stattdessen aber das Herz mit und vielleicht bei manch einem Gemüt auch das ein oder andere Bein. Etwas ungewöhnlich klingt die Nummer "Feinde". Ganz sachte und ruhig scheint hier die Trauer über einen ehemaligen Freund, der zum Feind geworden ist, beklagt zu werden. Noch eins drauf setzt der letzte Track "Die Menschen sind schlecht". Die üble, verdreckte und abgefuckte Großstadt der Zukunft (oder vielleicht schon von heute) wird mit abwechslungsreichem Keyboard-Hochklang zum Untergang verurteilt. (hawou)
Meine Schuld, meine Schuld, meine grosse Schuld ist auf Wohnzimmer Records erschienen.
"Von Beginn an ist Johannes ein hedonistischer Charakter und Ästhet – im Sinne Kierkegaards – der nur darauf aus ist, Cordelia zu verführen." (Wikipedia)
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das Herz aus Wien, der Körper in Berlin, der Kopf in den Wolken
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