2009-02-11 20:37:43
Komödie, Liebesfilm, Entwicklungsgeschichte, Thriller und eine Prise Bollywood. Regisseur Danny Boyle mischt in seinem Film Slumdog Millionaire viele Zutaten ineinander. Das überraschende Ergebnis: Ein Leckerbissen für Aug und Ohr.
Es ist mein letzter Abend in Indien und vier anstrengende
Drehtage stecken mir in den Knochen. Trotz der Verlockung eines klimatisierten
Zimmers mit bequemem Bett, beschließe ich, die kurze Unterbrechung des
Monsunregens zu nutzen, um zum Strand hinunterzugehen. Mich dürstet nach einem
kleinen bisschen wahren Leben abseits aller Filmkulissen. Dort angekommen
bietet sich mir ein eindrucksvolles Bild: Maiskolben werden gebraten,
Jugendliche spielen Fußball und zahlreiche Kinder durchsuchen den angeschwemmten
Müll, der den Strand wie einen Teppich überdeckt, nach brauchbaren
Gegenständen.
Ich wende meinen Blick ab vom dreckig-öligen Meerwasser und
blicke zurück auf Juhu, einen Stadtteil von Mumbai, der heute zu den besseren
Gegenden zählt. Dem war aber nicht immer so. Früher wohnten hier die Ärmsten
der Armen in erbärmlichen Verhältnissen - und genau dort beginnt auch die
Geschichte von Jamal Malik, dem Protagonisten des Films Slumdog Millionaire.
Antwort D: Es ist
Schicksal
Auch Jamal muss im Müll wühlen, um zu überleben. Aufgewachsen
ohne Vater, verliert er früh seine Mutter durch religiöse Unruhen zwischen
Hindus und Muslimen und schlägt sich von da an zusammen mit seinem älteren
Bruder Salim und der ebenfalls elternlosen Latika mehr schlecht als recht durch
das Leben. Da scheint es wie eine Fügung des Schicksals, dass die drei von
Maman aufgegriffen und in ein Waisenhaus gebracht werden. Doch wie so oft trügt
der vordergründige Schein und eine Entwicklungsgeschichte in geradezu dickensscher
Manier nimmt ihren Lauf, die erst 12 Jahre später auf dem Stuhl der weltweit
bekannten Fernsehsendung Who Wants To Be
A Millionaire? ihren Abschluss findet. Jamal steht vor der alles entscheidenden
letzten Frage, die ihm 20 Millionen Rupien einbringen kann. Doch die eigentliche
Frage ist eine andere: Wie konnte es ein ungebildeter Straßenjunge überhaupt
soweit bringen? Die Antwort darauf gibt der Film.
Spiel auf Zeit
Durch geschickte Montageverfahren etabliert Regisseur Danny
Boyle drei verschiedene Zeit- und Ereignisebenen, deren Handlungsstränge sich
erst im Finale gänzlich vereinen und so die losen Enden einer schier
unglaublichen Geschichte zu einem logischen Abschluss bringen. Slumdog Millionaire verknüpft dabei
gekonnt die Ästhetik des indischen Films mit den Maßstäben des internationalen
Kinos und schafft es so, mehr als nur eine außergewöhnliche Liebesgeschichte zu
erzählen. Dass es letztendlich auch etwas kitschig wird und dem Zuschauer sogar
eine Tanz- und Musikszene im Stile Bollywoods nicht erspart bleibt, sei den
Machern verziehen; denn das, was die drei Musketiere wider Willen - Jamal,
Salim und Latika - erleben, lässt sich an Intensität kaum überbieten und
überdeckt dadurch fast gänzlich, dass neben den persönlichen Schicksalen auch
noch eine Geschichte Indiens miterzählt wird. Denn die Lebensstationen der
Protagonisten spiegeln auch die gesellschaftliche Entwicklung des Landes selbst
wider.
Indien: Land der
unbegrenzten Möglichkeiten?
Jamal arbeitet sich vom kleinen Gauner zum einfachen Chai
Wallah, einer Art Teeverkäufer, hoch, während sein Bruder Salim eine
entgegengesetzte Richtung einschlägt und sich zum Gangster entwickelt, der
deutlich zeigt, dass er auch bereit ist über Leichen zu gehen. Zwischen diesen antipodischen
Lebensentwürfen wird Jamals große Liebe Latika zerrieben. Ihre Gefühle müssen
hinter dem pragmatischen Überlebenstrieb zurückstehen, der sie letztlich zur
Mätresse von Macht und Geld werden lässt. All diese Schicksale sind Indien und
all diese Schicksale sind es wert, einem westlichen Publikum nähergebracht zu
werden. Kein Wunder also, dass Slumdog
Millionaire mit 10 Nominierungen einer der großen Oscarfavoriten dieses
Jahres ist.
FILMSTART: 20.
März 2009
Nobody knows the trouble I've seen.
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