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Vergangenheit als Zukunftshemmnis

2011-09-11 22:22:25

  • belgrad radio
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Mit seinem Episodenfilm Belgrad Radio Taxi legt Srdjan Koljevic ein differenziertes Soziogramm der serbischen Hauptstadt vor, verheddert sich dabei aber in seinen etwas konstruiert wirkenden Erzählsträngen.

Drei Menschen werden durch ein seltsames Ereignis auf einer Belgrader Brücke in ihren Grundfesten erschüttert. Mitten im stockenden Feierabendverkehr steigt eine junge Frau (Nada Sargin) plötzlich aus einem Taxi und springt ohne zu zögern hinab ins Wasser. Der Fahrer des Taxis Gavrilo (Nebojsa Glogovac) ist völlig perplex, hat er die Frau doch nur zurechtgewiesen, weil sie mit ihrem Nasenbluten seine Sitzbezüge beschmutzt hat. Als er jedoch bemerkt, dass die Frau ihr Baby im Auto zurückgelassen hat, werden seine väterlichen Gefühle geweckt. Die Lehrerin Anica (Anica Dobra), die mit ihrem Wagen direkt hinter dem Taxi fährt, fühlt sich hingegen an den Unfalltod ihres kleinen Kindes erinnert, während die Apothekerin Biljana (Branka Katic) im Auto daneben mit ihrem Verlobten in Streit gerät, weil dieser nicht anhalten und helfen will.

Aufarbeitung der Vergangenheit


Bei allen dreien bewirkt dieses Ereignis eine Veränderung in ihrem bisherigen Leben. Der bärbeißige bosnische Flüchtling Gavrilo muss sich plötzlich um ein Kind kümmern und legt seine Menschenscheu ab. Anica beginnt den traumatischen Tod ihres Kindes aufzuarbeiten und entwickelt Gefühle für den Sohn des damaligen Unfallverursachers. Biljana verlässt ihren Verlobten und trifft sich zum ersten Mal mit dem Bruder und den Eltern ihrer an den Folgen einer Blinddarmoperation gestorbenen großen Liebe.

Komplexität und Synchronisation


Alle drei Erzählstränge könnten in Sachen Emotionalität und Komplexität schon allein einen abendfüllenden Spielfilm tragen. Entsprechend schwer ist es, die ganzen Zusammenhänge und Anspielungen zu verstehen und vor allem auch zu verarbeiten. So gehen viele Nuancen in der überbordenden Handlung verloren. Dies liegt aber auch am fehlenden kulturellen Hintergrundwissen und an der deutschen Synchronisation. So erfährt Gavrilo in einer Szene, dass die junge Frau aus seinem Taxi Jasmina heißt und glaubt daraufhin, dass sie Bosnierin sein müsse – eine Interpretation, die für einen Österreicher zunächst nicht nachvollziehbar ist. Genauso wenig wie die expliziten Hinweise auf Gavrilos eigentümlichen Akzent, spricht er doch in perfektem Hochdeutsch.

Das Ende als Anfang


Etwas ernüchternd wirkt auch das offene Ende des Films. Aber letztlich ist ein echter Abschluss auch nicht möglich. Die Protagonisten befinden sich wie der gesamte Balkan in einem Umwälzungsprozess, der gerade erst begonnen hat: weg von den Wunden der Vergangenheit, hin zu einer Zukunft ohne alte Vorurteile und Stereotypen. Schade nur, dass einige Fragen – wie etwa der Ursache für Gavrilos Narbe – unbeantwortet bleiben. Insgesamt gesehen wirkt Belgrad Radio Taxi etwas überambitioniert. Die über allem kreisende Moral nimmt den surreal angehauchten Geschichten ihre Leichtigkeit und macht den Film gehaltvoller als er tatsächlich ist.

FILMSTART: 09. September 2011

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