2008-07-28 00:34:23
Steve Buscemi wagt sich mit einem Remake von Theo van Goghs Das Interview in die Fußstapfen des 2004 ermordeten niederländischen Regisseurs.
Sie ordert einen Martini mit Himbeere, er den klassischen Bourbon. Die Schauspielerin verspätet sich und somit auch der Beginn des Interviews. Es ist ihr Lieblingslokal. Sein altmodisches Diktiergerät platziert er auf ihrer Hälfte des Tisches. Steve Buscemi wird in seinem Film Interview zum unwilligen Journalisten, Sienna Miller zum genervten Starlet.
Theo Van Gogh
Als Theo van Gogh am 2. November 2004 in der Amsterdamer Linnaeusstraat ermordet wird, verlieren die Niederlande ihr enfant terrible. Van Goghs Filme sind umstritten, der Kurzfilm Submission Teil 1, in dem er mit der Islam-Kritikerin und ehemaligen Muslimin Ayaan Hirsi Ali das Schicksal missbrauchter islamischer Frauen aufzeigt, gilt als Auslöser seiner Ermordung.
Mit dem Remake von Das Interview realisieren Regisseur Steve Buscemi und die Produzenten Bruce Weiss und Gijs van de Westelaken einen Traum des niederländischen Regisseurs. Dieser wollte drei seiner Filme in englischer Sprache mit Hollywood-Schauspielern neu verfilmen. Interview wird somit zum ersten Teil einer Trilogie.
Um dem Film den typischen New Yorker Flair zu verpassen, suchten die Produzenten für jeden der drei Teile einen Regisseur, der seine Wurzeln in der Stadt hat. Steve Buscemi wurde als erster auserkoren. Der typische Charakter eines Theo Van Gogh Films musste beibehalten werden. Deshalb wurde der gesamte Film mit Hilfe des Drei-Kamera-Systems gedreht, welches von Kritikern als neue Filmsprache bezeichnet wird. Drei Kameras werden während des Filmes eingesetzt, zwei sind direkt auf die Gesichter der agierenden Personen gerichtet, eine filmt das Gesamtgeschehen.
Everybody Lies
Wer lügt, wer spricht die Wahrheit? Die Schauspielerin kann auf Knopfdruck weinen, der Journalist verstrickt sich zusehend in seinem Lügengerüst. Dabei hat alles so banal angefangen. Unvorbereitet treffen ein Reporter, der viel lieber den neuesten Politikskandal in Washington aufdecken möchte, und die genervte Schauspielerin, die sich selbst lieber in ihrer Sonntagabendserie bewundern möchte, aufeinander. Die Situation eskaliert, ein Unglück befördert die beiden in das Loft der Schauspielerin.
Katya findet im Laufe des Gespräches scheinbar Gefallen an dem alternden Pierre, der seinerseits fürchtet in eine Vater-Tochter-Beziehung zu geraten. Mit Koks, Zigaretten, Tabletten und Alkohol streiten sich die beiden durch den Abend, die Eskalation mag kein Ende nehmen. Auch wenn die Charaktere fremder nicht sein könnten, hat man manchmal das Bild von Martha und George vor Augen, die sich in Who is afraid of Virgina Woolf? verbal um das letzte Hemd prügeln.
Fazit
Das Frage-Antwort-Spiel wird von leidenschaftlichen Küssen unterbrochen, die wiederum vom ständigen Hundegebell, das Katyas Telefon von sich gibt, gestört werden. Die gespielte Zärtlichkeit wird zur Tugend in der Not, denn viel verbindet die beiden Figuren nicht. Millers Darstellung basiert auf emotional überladenden Gesten, während Buscemis trockener Sarkasmus nicht ein Fünkchen Mitleid auslöst. Das Lügengeflecht weitet sich aus, bis es irgendwann zu dramatisch wird.
Steve Buscemi gelingt mit Interview ein amerikanisiertes Remake des Van Gogh Films, das moralisch an seine Grenzen stößt. Eine harsche Kritik am alltäglichen Journalismus, die noch dazu beweist, dass eigentlich jeder lügt.
Filmstart in Österreich: 22. August 2008
We are all in the gutter but some of us are looking at the stars. (Lord Darlington, Lady Windermere's Fan)
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