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Tschick ist schick!

2008-03-18 18:11:31

  • 01 rauch Kalter
  • rauch Kalter Lothar Binding

Gefahr Zigarette: Der SPD-Abgeordnete des Bundestages Lothar Binding, selbst Ex-Raucher, setzt sich in seinem neuen Buch „Kalter Rauch“ vehement für den Schutz von Passivrauchern ein.

Die Wahrheit tut weh: „Tabakrauch enthält über 4.800 verschiedene Substanzen, wobei für mehr als 70 dieser Substanzen nachgewiesen wurde, dass sie krebserregend sind oder im Verdacht stehen, Krebs zu erzeugen.“ Trotzdem: Hat die Erwähnung solch einer Tatsache irgendeinen Kettenraucher ernsthaft je davon abgehalten, sich die Lunge zu färben? Wohl eher nicht. James Dean, Helmut Schmid, Gerhard Bronner, was wären all diese Galionsfiguren ohne Kippe im Mund? Und schon offenbart sich der Kern des Problems: Rauchen ist cool und jede stolz herunterhängende Tschick im Mundwinkel suggeriert dieses Image. Der „Rebel without a cause“ wäre nicht einmal halb so lässig, würde da nicht ein Glimmstängel an den Lippen kleben. Verständlich? Selbstverständlich!

Wenn man all die oben erwähnten Aspekte miteinbezieht und auch noch die ästhetisch wertvollen, aussagekräftigen Bilder (vor allem die Wirkung dieser Pics auf den Betrachter) mitspielen lässt, mutet ein Buch über den Schutz von Passivrauchern und den legislativen Begleiterscheinungen wie ein schlechter Witz an. Nicht gerade der letzte Schrei, schlimmer wäre nur ein „Wie Sie in 10 Schritten ihre Rauch-Sucht beenden können“-Ratgeber. Fadgas galore also, denn selbst der größte Verfechter einer angeblichen „Rauch-Kultur“ weiß um die verheerenden Folgen und Nebenwirkungen des Tabakkonsums bestens Bescheid. Wozu also ohnehin längst im kollektiven Gedächtnis verankerte Fakten aufwärmen, in einem Buch wiederholen?

Im Dunstkreis

Lothar Binding (58), SPD-Abgeordneter des Bundestages und dort Mitglied des Finanzausschusses, ist Initiator eines parteiübergreifenden Gruppenantrags (so etwas soll es auch geben), in dem er offen Gesetze zum Schutz vor Passivrauchen forderte; mit Erfolg, so sind jetzt eben die verlangten Gesetze in Deutschland eingeführt worden. Binding, von dem das eingangs notierte Zitat stammt, veröffentlichte in diesem Zusammenhang vor Kurzem ein Buch, Kalter Rauch (Orange Press), mit dem griffigen Untertitel Der Anfang vom Ende der Kippenrepublik. Darin redet der Ex-Raucher, der Mathematik, Physik und Philosophie in Tübingen und Heidelberg studierte, einem nachhaltigen Schutz der (Nicht-)Raucher vor Passivrauchen das Wort. Er wechselt sich dabei mit biografischen Details („Meine erste Zigarette“, „Meine letzte Zigarette“) und einigen sehr deutlichen Seitenhieben auf die Lobby rund um den Verband der Cigarettenindustrie (VdC) ab und untermalt alles mit geschichtlichen Querverweisen (Geschichte des Tabaks). Man kann Binding einen gewissen humoresken Schreibstil attestieren, jedoch dringt in jedem Kapitel eine leicht auszumachende dramaturgische Schwäche durch. So verläuft sich der Autor in dem Dunstkreis der Fakten und vergisst teilweise auf den Leser: Denn im Gesamten ist das Werk mehr ein Gesetzestext als ein spannend aufbereitetes Lesevergnügen.

Pöse Werbung!

Schuld an der Misere blauer Dunst ist jedoch natürlich – quasi wie von selbst – die Werbung. Immerhin verspricht sie „Freiheit und Akzeptanz durch Individualität und Rebellentum, Geselligkeit und Coolness, die Verbote unterstreichen diese Werte und Ziele.“ Binding fügt an: „Mehr Anreize kann man einem Jugendlichen kaum geben […] Seitens der Zigarettenindustrie gibt es hierzu natürlich keine Aussagen, sie verfolgt viele einzelne unterschiedliche Strategien.“ Es ist logisch, der Selbstläufer, wonach die Tabakindustrie immer schuld sei. Letztendlich ist es der Kunde, der Konsument, der sich die Zigarette kauft und sind die Methoden der Tabak-Lobby noch so schmutzig, erscheint diese Strategie aus finanzieller Sicht schlüssig. Man könnte ja auch sagen: Er, der Raucher, ist es, der sich von der Tabakindustrie und ihren Werbekampagnen einen Ochsen als Kuh verkaufen lässt. Pure Selbstverschuldung.

Abseits davon stellt die Tatsache, dass die Tabakindustrie – wie jede andere auch – Geld verdienen will, sicher keine Neuigkeit dar. Motto: Geldbeschaffung mit allen Mitteln. Der einzige Pluspunkt von Kalter Rauch ist das Kapitel „Die zehn wichtigsten Argumente der Tabakindustrie“, in dem Binding auf klischeehafte, das Rauchen generell unterstützende Gründe („Wenn Rauchen so gefährlich wäre, dann müsste ich schon längst Krebs haben.“) eingeht und Gegenargumente einbringt. Allein, vielleicht mangelt es dem Thema Zigarette einfach nur an neuem Erkenntnisgewinn. Sozusagen: Viel Theater um viel Rauch.

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AutorInnen

Johannes Rausch

Johannes Rausch

"Von Beginn an ist Johannes ein hedonistischer Charakter und Ästhet – im Sinne Kierkegaards – der nur darauf aus ist, Cordelia zu verführen." (Wikipedia)

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