Bov Bjerg nimmt in "Deadline" die Öffnung eines Grabes zum Anlass, mal genauer unter die Oberfläche zu blicken.
Paulas Weltbild ist geprägt von den Gebrauchsanweisungen und Fachbüchern, deren Übersetzungen sie anfertigt und deren Inhalt sie, ihrem Merkzwang geschuldet, sich konsequent einverleibt – genauso konsequent wie die vielen bunten Donuts, die sie "so richtig amerikanisch dick" werden ließen, um mit dem vergrößerten Körpervolumen noch stärker im Leben verankert zu sein. Sie ist träge, tollpatschig und vor allem unentschlossen – und dennoch portraitiert Bov Bjerg in seinem Debütroman keine klassische Antiheldin.
Deadline ist die Geschichte der Reise in Paulas alte Heimat: In der deutschen Provinz soll die Leiche des Vaters umgebettet werden, die Ruhezeit ist abgelaufen, das Grab für Neues offen. Dabei erwacht die Vergangenheit zum Leben, wie etwa der morbide Beruf des Vaters als Grabsteinmetz, der die nach Ablauf der Liegefrist entfernten Grabsteine aus Pietät angesammelt hatte, um mit ihnen kurzerhand alle Wege, Terrassen und den Pool am Grundstück zu pflastern. Oder die kleinen Rechenspiele, bei welchen die je zwei vierstelligen Zahlen der Pflastersteine, verbunden durch ein in die Länge gezogenes Pluszeichen, im Darübergehen addiert wurden.
Paula kommt mit dem in den Jahren angesammelten Ballast, den vielen kleinen Neurosen, im Ort ihrer Kindheit an, der sich nicht verändert zu haben scheint: Die Gräber werden vom Enkel des einstigen Grabmachers gemacht, die vierstelligen Zahlen warten noch immer darauf, zusammengezählt zu werden, der Vater ist noch immer tot und das Unwissen über die Ursachen seines Freitodes ungebrochen erdrückend.
Unfähig den Kern der Dinge und der Geschehnisse zu erkennen, konzentriert sich Paula auf das Äußere, die Oberflächen. In ihrer Benennungs- und Katalogisierungswut zerlegt sie die Realität in Materialien, Formen, Beschaffenheiten und sogar Reflektionen. Alles Augenscheinliche wird brachial auf die erdenklichst präziseste aller möglichen Benennungen herunter gebrochen. Die vermeintliche Berufsmacke entpuppt sich als Unverständnis gegenüber jenen Prozessen, welche die Welt im Inneren zusammenhalten.
Paulas Präzisierungszwang spiegelt sich besonders in Bov Bjergs Syntax wider, welche das Eigenwilligste am Roman ist und Sätze wie den folgenden gebärt: "Es roch nach Früchtetee, Kartoffelbrei, Stützstrumpfschweiß, Pfefferminztäfelchen, Schwefelwasserstoff, Ammoniak, Stützstrumpftee, Ammoniakschokolade, Schwefelminze, Kartoffeltee, Ammoniaktee, Schwefeltäfelchen, Schwefeltee. Picknick am Geysir."
Die Wirklichkeit wird so zu einem Sammelsurium ebenso zuverlässiger wie trügerischer Fakten, wobei die zaghaften Versuche Paulas hinter die Unzulänglichkeiten der Oberfläche zu blicken durch die Grenzen der Körper, deren Vergesslichkeit, Anfälligkeit für Krankheiten und bakterielle Zersetzungen, stets untergraben werden.
Deadline serviert die surreale Diskrepanz zwischen Sein und Schein mit einem staubtrockenen Humor, der aufgrund seiner Treffsicherheit eher erschlägt als belustigt. Der Roman analysiert die füllige Oberfläche seiner Protagonistin mit einer wunderbaren Tiefenwirkung und ist dabei so frisch und unvoreingenommen, wie man es sich von zeitgenössischer Literatur nur wünschen kann.
Deadline
von Bov Bjerg.
erschienen im Mitteldeutschen Verlag, 2008.
Gebunden, 152 Seiten, EUR 16,00
Verloren, vermurkst, verletzbar, verlässlich, verhüllt, verknurrt, verkatert und vernetzt.
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