2010-01-28 17:17:16
Das Jahr 2010 fängt gut an. Tocotronic schicken uns wieder Bilder aus ihrer Sicht auf die Welt.
Wenige Bands induzieren innerhalb der Indie-Szene eine solch elektrisierende Stimmung um den Veröffentlichungstermin ihrer neuesten Platte wie Tocotronic.
Hinzu kommt, dass es sich die Band mit dem vermeintlich unüberbietbaren Vorgänger Kapitulation nicht gerade leicht gemacht hat. Mit der gleichen Unbeschwertheit, die ihre bisherige Kariere beschreibt, legen sie zwei Jahre später eine neue Platte nach.
Full of Sound and Fury
Wer im Albumtitel Faulkner beziehungsweise Shakespeare zitiert, kann fast davon ausgehen, dass ihm die Kritiker mit Wohlwollen begegnen werden. Denn so manches Kritikerherz birgt Eitelkeit, die ab und zu gestreichelt werden muss, durch das Finden von Intertextualitäten und Querverweisen zum Beispiel. Macbeth ist es übrigens, der fünfte Akt, wo es heißt:
Leben ist nur ein wandelnd Schattenbild: ein armer Komödiant, der eine Stunde lang sich spreizt und fuchtelt auf der Bühne, dann nicht mehr gehört wird; eines Toren Fabel nur, voll Schall und Wahn, jedweden Sinnes bar.
Eine Stelle, die auf die Mentalität von Tocotronic passt, wie die sprichwörtliche Faust aufs Auge. Man ist eben eine Band mit einem gewissen intellektuellen Anspruch.
Von heute an leben wir ewig
Schall und Wahn ist ein bisschen dunkler und rauer als die letzten beiden Alben. Es kratzt an der Bester-Sommer-unserer-Jugend-Stimmung, die Tocotronic sonst mit ihrer Musik verbreiten. Man spart an Wörtern. So besteht etwa "Bitte oszillieren Sie" im Wesentlichen aus diesen drei Wörtern.
Seit ihrer Gründung 1993 ist diese Band nicht nur augenscheinlich erwachsener geworden sondern auch musikalisch enorm gereift. Auf Schall und Wahn macht sich deutlich bemerkbar, wie einander Raum für den individuellen Beitrag jedes Bandmitglieds gegeben wird. Es ist kein Ziehen in alle Richtungen mehr, sondern die Idealform des Zusammenspiels.
Mit "Eure Liebe tötet mich", einem achtminütigen Song, mit überlangem rein instrumentalem Einstieg, hat die Band den schönsten Plattenbeginn der letzten Monate gesetzt. Bereits die zweite Nummer "Ein leiser Hauch von Terror", sprengt krachend und temporeich die Eleganz, die am Anfang vorgeherrscht hat. Aber schon "Das Blut an meinen Händen" macht diesen Bruch mit seinen Streicherarrangements wieder wett.
Insgesamt ist das Album ein ständiges Schwungholen und Abbremsen, inhaltlich voller subtiler Proteste, die sich an Eindeutigkeit charmant vorbeischlängeln. Allerdings sind die Texte nicht überzubewerten, da sie wie immer mit dem schrägen Humor der Band gepaart sind. Gut vorstellbar, dass die Herrschaften einfach ein paar symbolisch belastete Begriffe in eine Zeile packen und sich dann daran ergötzen wie das Indievolk versucht daraus ihr Schicksal zu lesen.
Zeilen wie „Von heute an leben wir ewig“ und „Was wir niemals zu Ende bringen, kann kein Moloch je verschlingen“ nisten sich sofort im Gedächtnis ein. Über der sanften akustischen Komposition "Im Zweifel für den Zweifel" schwebt Dirk von Lowtzows Stimme hinweg und macht uns träumen von einer Welt, in der man ruhig auch einmal seinen dunklen Gefühlen nachgeben kann und den Regeln des geordneten Staates entwischen darf. Man kann ihn förmlich vor sich sehen, den zerrütteten Künstler, wie er mit der Welt hadert.
They did it again
„Keine Meisterwerke mehr“, singt er außerdem, denn „die Zeit längst schon reif dafür.“ Ohne sich den Kopf darüber zerbrechen zu müssen welche Kriterien wohl ein Meisterwerk erfüllen müsste, um sich ein solches nennen zu dürfen, kann man über Tocotronic sagen: Sie haben es wieder getan. Schall und Wahn ist eine mehr als gelungene Platte.
Schall und Wahn
Tocotronic
Vertigo/Universal
VÖ: Jänner 2010
Die Wiener sind ein heiterer Menschenschlag von großer Traurigkeit, ein leichtlebiges Volk von schwermütig-depressiver Grundstimmung, sie sind hochbegabt, aber die mitleidlosen Feinde ihrer Begabung, sie fühlen sich nur wohl, wenn sie sich nicht wohl fühlen.
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