2010-02-28 09:50:42
FM5 sprach mit Thomas Maurer über sein aktuelles Programm Áodìlì, das Leben als Kabarettist und über ein aktuelles Filmprojekt, an dem er mitwirkt.
Der Österreicher Thomas Maurer tourt zurzeit mit seinem China-Programm Àodìlì durch Österreich. Er genießt den Ruf eines poltischen Kabarettisten. Im Herbst erhielt er zum zweiten Mal den Österreichischen Kabarettpreis. Die Begründung der Jury: "Für konstante und inhaltlich anspruchsvolle Leistung."
FM5: Bist du nervös bei riskanten Witzen oder hast du Angst, dass manche Witze nicht funktionieren könnten?
Thomas Maurer: Angst nicht, es ist interessant. Vor der Premiere ist man sich oft nicht sicher. Nachdem ich das jetzt seit 20 Jahren mache, habe ich ein gewisses Grundgefühl, was klappt und was nicht. Ich bin auch ein Mensch, der, wenn er etwas riskant findet, aber gut, es justament macht.
Ich habe zum Beispiel am Tag nachdem der Dr. Haider sich mit dem Phaeton aus der Innenpolitik verabschiedet hat, einen recht tagespolitischen Auftritt gehabt. Mein Kolumnenprogramm war damals mit ziemlich viel Stand-Up. Da ist es natürlich schon prickelnd das anzusprechen und nicht vorsätzlich brüskierend zu sein, aber jetzt auch nicht so zu tun, als wenn da ein wahnsinnig wertvoller Träger der politischen Kultur Österreichs verlorengegangen wäre. Auch das ist lösbar (lacht).
Nervt es dich zu spielen, wenn du schlecht drauf bist oder krank?
Ich gehöre zur gar nicht so seltenen Spezies von Schauspielern, die immer etwa eine halbe Stunde vor dem Auftritt überhaupt keinen Bock haben. Wenn es draußen hell wird, spielt man dann doch. Dieses Auf-der-Bühne-stehen, ist ja auch ein Zustand, in dem du am besten bist, wenn dir nicht bewusst ist, was du machst, du aber gleichzeitig wahnsinnig konzentriert bist.
Nachdem ich versuche die Programme sehr unterschiedlich zu halten und sie immer so schreibe, dass sie fordernd zu spielen sind, rächt es sich, wenn du schlampig wirst. Àodìlì ist eben ein Stück, und wenn du den Faden oder den Atem verlierst oder das Gefühl für die Abenddramaturgie, dann geht dir der Abend ein. Schlamperei kann man sich nicht leisten. Damit ist es auch ausgeschlossen, dass einem richtig fad wird auf der Bühne.
Wieso hast du China für dein aktuelles Programm als Thema ausgewählt?
Das ist aus einer persönlichen Befindlichkeit entstanden. Das letzte Programm, das ich gemacht habe (Papiertiger, Anm. der Redaktion) war ein Kolumnenleseabend. Ich habe zur Beunruhigung des Theaterdirektors, bei dem ich Premiere hatte, vorsätzlich bis zwei Tage vor der Premiere nichts getan. Ich habe Dinge wieder reingenommen oder rausgeschmissen und teilweise Audience Participation gemacht, das war sehr lustig. Es hat eine bestimmte Erwartung, die an das Kabarett besteht, dass es politisch ist und „scharf“, sehr gut erfüllt.
Jetzt wollte ich etwas machen, dass das möglichst wieder kontrastiert. Das heißt gar keine österreichischen Politiker und am besten gleich woanders. Damit war das Thema recht offen. Dann habe ich diese Megastrukturen wie China, Indien, Mexiko spannend gefunden und China ist mir dann am sexysten vorgekommen. Einen Mühlviertler hinzuschicken gefiel mir auch und das Thema hat sich entwickelt.
Gibt es so etwas wie Kabarett in China? Was ist in China lustig?
Da hab ich mit dem Joey (Joey Chen, Partner beim aktuellen Projekt Áodìlì, Joey stammt aus China, Anm. der Redaktion) öfter gesprochen. Politische Satire im engeren Sinne gibt es wenig überraschend nicht. Es gibt die offenbar global gültigen Standards des Humors, wie die böse Schwiegermutter und Steuern und daneben Ausländer, die versuchen Chinesisch zu sprechen, das finden sie sehr lustig. Es wäre auch ein bisschen verblüffend, wenn es etwas, das dem Kabarett gleichkommt, so schon gäbe.
Gerade hast du mit David Schalko den Glavinic-Roman Wie man leben soll für den Film adaptiert. Ist es schwierig etwas von einem so guten Freund umschreiben zu müssen?
Eigentlich haben wir das über die letzten sieben Jahre adaptiert (lacht).
Thomas (Glavinic) war da ganz problemlos, was auch sehr gescheit ist. Ich glaube, wenn du einen Roman geschrieben hast, kannst du entweder das Drehbuch selbst schreiben, wenn du glaubst du kannst es, oder du klinkst dich aus und schaust es dir erst an, wenn es fertig ist.
Es ist klar, dass es dann sehr viele Leute gibt, die sich nachher, oft auch zu recht, über Verfilmungen aufregen. Ich habe letztens die Hexen von Eastwick vom Updike nachgelesen. Eigentlich war das ein ganz ein lustiger Film, aber er ist so unfassbar viel deppater als das Buch, dass ich jetzt nachträglich verstehe, warum der Updike damals so böse war. Obwohl es ihm sicher viel Geld gebracht hat.
Thomas wollte von Anfang an nicht wahnsinnig involviert werden. Er hat immer wieder etwas geschickt bekommen, und es auch sehr lustig gefunden. Wir haben uns sehr bemüht. Das Buch lebt ganz stark von der Brechung durch diese merkwürdige Sprache und dieser Ratgebereinstellung. Es gibt eine Ebene der Künstlichkeit, die wir versucht haben in die Erzählstruktur zu holen und ich glaube, dass uns das gut gelungen ist.
Die Wiener sind ein heiterer Menschenschlag von großer Traurigkeit, ein leichtlebiges Volk von schwermütig-depressiver Grundstimmung, sie sind hochbegabt, aber die mitleidlosen Feinde ihrer Begabung, sie fühlen sich nur wohl, wenn sie sich nicht wohl fühlen.
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