2007-04-02 00:12:09
Ja, so ist das mit vermeintlich totgesagten Bands. Kaum hat man sie mit einer Träne im Auge ad acta gelegt, melden sie sich unerwartet mit ihrem stärksten Werk zurück. „Vision Valley“ nennt sich das dritte Album der australischen Band The Vines um Frontman Craig Nicholls - und es tönt nicht minder knackig und frisch als deren Debüt aus dem Jahr 2002.
Ja, so ist das mit vermeintlich totgesagten Bands. Kaum hat man sie mit einer Träne im Auge ad acta gelegt, melden sie sich unerwartet mit ihrem stärksten Werk zurück. „Vision Valley“ nennt sich das dritte Album der australischen Band The Vines um Frontman Craig Nicholls - und es tönt nicht minder knackig und frisch als deren Debüt aus dem Jahr 2002.

Drummer Hamish Rosser, Craig Nicholls und Gitarrist Ryan Griffiths
Mit Album Nummer 3 kraftvoller denn je
Mit dem Erscheinen ihres Debütalbums „Highly Involved“ und der dazugehörigen punk-rockigen Single „Get Free“ wurden The Vines (übrigens nach der Sixties-Band The Vynes mit Nicholl´s Vater an der Gitarre benannt) neben den Strokes zu den Hauptprotagonisten der großen Rock´n Roll Renaissance gekürt. Mit dem Nachfolgealbum „Winning Days“ zeigten sich die Vines musikalisch offener und ließen neben Garagenpop und Punkrock auch Akustikballaden, Folk und vermehrt Psychedelic-Elemente einfließen. Mit „Vision Valley“ melden sich The Vines, zum Trio geschrumpft, nun kraftvoller denn je zurück und kombinieren gekonnt harte Punkkracher mit verträumt-melancholischen Akustiksongs.
“It’s more raw, less produced than our first two albums”…
....so Vines-Mastermind Craig Nicholls über das Album. Er ist es auch, mit dem die Band steht und fällt und wieder aufersteht - als Sänger, Gitarrist und alleiniger Songwriter nicht weiter verwunderlich. Allerdings macht Nichols seit dem Bestehen der Band auch immer wieder Schlagzeilen als launisch-aggressives und unberechenbares Enfant terrible. Was als mitreißende, ungezügelte Bühnenperformance begann, gipfelte in psychischen und physischen Attacken gegen die Bandmitglieder. Als Resultat verließ Bassist Patrick Matthews die Band. Ende 2004 wurde bei Nicholls das Asperger-Syndrom (AS) diagnostiziert, eine leichte Form von Autismus, bei der Betroffene zwar als außergewöhnlich intelligent gelten, aber starke soziale Defizite aufweisen. Für viele bedeutete dies das Ende der Vines, weshalb sich wohl kaum jemand ein derart starkes Comeback erwartet hätte.
Kurzweilige Songs mit Hitcharakter
Was nebst der neu entfachten ungezügelten Energie gleich zu Beginn auffällt, ist die Kurzweiligkeit der Songs, und zwar im wahrsten Sinne des Wortes. Keine der ersten drei Nummern übersteigt die 2-Minuten-Marke. Die Band kommt hier ohne Umschweife und Rumgefasel zum Punkt, jedoch ohne dass die Songs gehudelt wirken. Was sagte doch gleich der Drummer von Maximo Park, Tom English, zu uns beim Interview? „Es ist Pop, es muss ins Ohr gehen. Wie bei den Beach Boys, zwei Minuten, mehr brauchst Du nicht.“ Ein Zitat, dass auch wunderbar auf „Vision Valley“ zutrifft - wobei die Maximo Park- im Vergleich zu den Vines-Nummern („Gross Out“ bringt es auf satte 1 Minute 18) fast wie Symphonien wirken.
Ein zweiter Faktor, der sofort ins Auge bzw. Ohr springt, ist die Hitqualität der Songs. Beim ersten Hördurchgang versuchte ich zu erahnen, was denn bloß die erste Singleauskoppelung sein könnte. Erfolglos, denn beinahe jeder der 13 Songminiaturen birgt Suchtcharakter - egal ob die eigentliche erste Single "Don't Listen to the Radio", ein wunderhübsch melodischer Garagenpopsong, oder der punkige Rockkracher "Nothin's Comin'", der auch von Green Day stammen könnte. Und wenn sich Craig Nicholls gerade mal nicht die Seele aus dem Leib schreit wie einst Kurt Cobain, schnappt er sich die Akustische und türmt bei den herrlich verträumten Balladen wie „Vision Valley“ oder „Going Gone“ glasklare Beatles-Chöre übereinander. Lediglich im letzten Drittel laufen einzelne Titel Gefahr, das Sound- und Strickmuster der vorangegangenen Nummern zu wiederholen.
Punk trifft auf Folk, Nirvana auf Beatles
Der einzige Track, der - zumindest zeitmäßig - heraus sticht, ist die Schlussnummer "Spaceship", ein psychedelisches Opus, das ein wenig "Major Tom"-Atmosphäre heraufbeschwört und aufgrund seiner Länge von stolzen 6 Minuten erstmals Zeit lässt, um sich mal ein wenig fallen zu lassen - bevor der Album-Spaß nach einer halben Stunde ein frühes Ende findet.
Songwriter Craig Nicholls schafft es spielerisch, unterschiedliche Pole miteinander zu verbinden und lässt ungeniert Punk und Folk oder Nirvana und die Beatles miteinander Händchen halten. Ein Fall von Genie und Wahnsinn? Egal, jedenfalls gab es lange kein Album mehr, dass so sehr zum Austoben und Abrocken verführte wie Vision Valley – kurz: „eine wahnsinnig geniale Scheibe“.