2008-04-05 17:42:46
Oft wird über Kriege berichtet. Zu selten jedoch über die wahren Opfer: die Frauen. Die Journalistin Susanne Scholl gibt in ihrem Buch "Töchter des Krieges" den oft vergessenen tschetschenischen Frauen eine Stimme.
Eva ist 42 Jahre alt. Eva mit ihrem langen kastanienbraunen Haar, um das sie ein kokettes Haarband gelegt hat. Eva mit ihrem ansteckenden Lachen und den freundlichen Augen, mit der ewig riesigen Handtasche, in der sie ihr ganzes Leben mit sich herumzutragen scheint. Heute lebt sie gemeinsam mit ihrem Ehemann und ihren zwei Söhnen in einem kleinen Haus im Außenbezirk Grosnys. 2004 hat sie ihren zweiten Sohn zur Welt gebracht – zum ersten Mal entband sie in einem Krankenhaus, ohne Bombenlärm, bei Licht.
Eva ist in Tschetschenien aufgewachsen. In einem Land, das in den letzten fünfzehn Jahren von zwei Kriegen heimgesucht wurde. Eva, Swodat, Sara, Natascha und Rosa. Namen, die stellvertretend für viele andere tschetschenische Frauen stehen. Sie hungerten, gebaren ihre Kinder im Dreck, verloren ihre Söhne und Töchter, wurden von Männern geraubt und vergewaltigt.
Susanne Scholl schildert in ihrem Buch Töchter des Krieges anhand von Einzelschicksalen die Situation der Frau in der Krisenregion Tschetschenien. Außerdem vermittelt sie dem Leser mit ihrer einfachen Sprache Bilder der zerbombten Stadt Grosnys und einen Überblick über die politische Situation. Der Leser bekommt einen intimen Einblick in das Schicksal verschiedener Frauen und deren Familien. Lebhaft beschreibt die Autorin den alltäglichen Kampf der Mütter gegen Hunger, Durst und Krankheit. Auf 200 Seiten finden die Frauen Platz, ihre Geschichten zu erzählen. Denn wie so oft sind auch hier die Frauen die wahren Opfer eines Krieges, den die Männer führen.
Gesetze der Berge
"Bei uns Tschetschenen gibt es Gesetze", sagt Eva. "Das erste Kind einer Familie gehört der Mutter des Vaters. Die Braut will nicht so recht? Raub sie und sie wird dich nicht der Schmach einer Zurückweisung aussetzen." "Was sind das für Gesetze?", frage ich, aber Eva zuckt mit den Schultern und sagt das sei eben so, seit Urzeiten. "Gesetze der Berge", sage ich und Eva nickt.
Eine für Scholl als „naive Mitteleuropäerin“, wie sie schreibt, unvorstellbare Situation. Tschetschenien: Ein Land, in dem verkrustete Traditionen und patriarchalische Denkweisen das Leben der Menschen bestimmen. Auch ohne die Kriege in den neunziger Jahren wäre das Leben in Tschetschenien – besonders das der Frauen – von Hunger und Armut geprägt gewesen. Die Zerstörung durch die Russen hat das Leid der Bevölkerung nur noch potenziert.
Journalistin, Buchautorin, Weltenbummlerin
In ihrer Arbeit als Journalistin bereiste die 59jährige Wienerin ganz Europa und lebte einige Zeit in der russischen Hauptstadt. Die Nähe zur slawischen Bevölkerung, ihre Geschichte und ihr Schicksal beschäftigen Susanne Scholl bis heute. Leicht hat sie es in ihrer Wahlheimat Russland als Journalistin jedoch nicht: 2006 wurde Scholl wegen ihrer Tschetschenien-Berichterstattung von russischen Behörden vorübergehend festgenommen. Töchter des Krieges entstand im Hintergrund der Ermordung ihrer Kollegin Anna Politkowskaja.
Weiterlesen? Unbedingt!
Mit einer geradezu unheimlichen Faszination fesseln die authentischen Erzählungen Susanne Scholls. Sie verbindet darin den genauen Blick der Journalistin mit dem einfühlsamen der Frau. Dank ihren exakten journalistischen Beschreibungen und ihres lockeren Schreibstils hat die Österreicherin ein Werk geschaffen, das nicht nur Frauen oder Nahost-Interessierte mit Begeisterung lesen werden. Auch ihr zweites Werk ist daher zu empfehlen: In Reise nach Karaganda beschreibt die ORF-Russland Korrespondentin ihre Erfahrungen in der ehemaligen Sowjetunion.
beschäftigte sich schon im Biologieunterricht lieber mit Aphorismen und Kurzgeschichten als mit der Photosynthese. Widmet sich nun vor allem "Fokus" und ihren Geschichtebüchern.
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