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Stillleben zwischen Verlust und Entfremdung

2008-03-09 22:31:33

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Zwischen distanzierter Sentimentalität und menschlichen Peinlichkeiten erörtert Doris Dörries Berlinale-Beitrag "Kirschblüten – Hanami" alltägliche Familienprobleme in einem ungewöhnlichen Ambiente.

Wie ein Exhibitionist öffnet Rudi (Elmar Wepper) seinen Mantel. Darunter kommen eine Halskette, ein Wolljäckchen und ein Rock zum Vorschein. „Das ist für dich Trudi“ stammelt der stark mitgenommene Protagonist.

Assoziativ würde man in dieser Situation wahrscheinlich an einen surrealen Kunstfilm oder einen perfiden Psychoschocker denken, doch tatsächlich handelt es sich um eine der ergreifendsten Szenen des neuesten Doris-Dörrie-Film Kirschblüten, der unlängst auf der Berlinale seine Premiere feierte.

Im Kontext sieht alles anders aus


Dabei wird eigentlich eine sehr alltägliche Geschichte erzählt. Trudi (Hannelore Elsner) erfährt, dass ihr Mann Rudi sterbenskrank ist und beschließt dieses Wissen für sich zu behalten, um noch ein paar schöne Tage zusammen verbringen zu können. Der Besuch der Kinder in Berlin wird aber aufgrund völliger Entfremdung voneinander zum Desaster. Lediglich die Lebenspartnerin (Nadja Uhl) von Tochter Karolin (Birgit Minichmayr) bringt Zuneigung für die in der Großstadt relativ hilflosen alten Leute auf. Folgerichtig bleibt der Aufenthalt kurz und der Urlaub wird an der Ostsee fortgesetzt, wo aber nicht Rudi sondern seine Frau Trudi morgens plötzlich tot im Bett liegt.

Im Prinzip beginnt der Film an dieser Stelle neu. Die Verwandlung Rudis von einem spießbürgerlichen Beamten zu einem einfühlsamen Ausdruckstänzer gehört sowohl filmisch als auch schauspielerisch zum Besten, was der deutsche Film in den letzten Jahren hervorgebracht hat. Das kongeniale Zusammenspiel zwischen Elmar Wepper und Aya Irizuki, in der Rolle der Butoh-Tanzlehrerin Yu, wiegt den eher seicht dahindümpelnden ersten Teil des Films mehr als auf.

Japan, mon amour

Erst der Exotismus des fernen Japans und die Auseinandersetzung mit dem Thema Verlust bringen Dörries Kameraeinstellungen den gewünschten Effekt des Kontemplativen. Immer wieder wird die Handlung durch filmische Stillleben unterbrochen, die dem Zuschauer Zeit zur Reflexion und Verarbeitung der Handlung lassen. Was in Deutschland noch wie eine cinematographische Pseudoästhetik wirkte, verwandelt sich im Meer der Kirschblüten zu einem größeren Zusammenhang, der die Geschichte mit anderen Mitteln weitererzählt. Dieses Moment hängt sicherlich auch mit Dörries Japanbegeisterung zusammen; es ist schon ihr dritter Film den sie dort dreht und hoffentlich nicht ihr letzter.

Und es hat sich nichts verändert


Nach Rudis Beerdigung am Ende des Films sitzen die Kinder im Elternhaus und plaudern darüber, dass ihr Vater den Tod der Mutter wohl nicht verkraftet hat. Von seiner inneren Entwicklung und der Suche nach seiner verstorbenen Frau haben sie überhaupt nichts mitbekommen. Sie leben ihre Leben weiter wie bisher. Der Zuschauer hoffentlich nicht.

Fazit: 4 von 5 Schwantretbooten im Kirschblütenmeer

KINOSTART: 11. April 2008

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