2010-03-04 16:23:30
Nicole Metzger und Peter Pausz versuchen sich im Theater Spielraum an einer zeitgemäßen und doch originalgetreuen Interpretation von Sophokles' König Ödipus - mit einem zwiespältigen Ergebnis.
Zweiundzwanzig Jahre
sind eine lange Zeit. In zweiundzwanzig Jahren kann ein Findelkind heranwachsen,
in einen Streit verwickelt werden, ein Orakel aufsuchen, seine Heimat
verlassen, einen alten Mann töten, ein Fabelwesen besiegen und eine mächtige
Frau heiraten. Zweiundzwanzig Jahre lang ist Sophokles‘ König Ödipus nicht
mehr in Wien gezeigt worden.
Authentischer Text
Jetzt haben Nicole
Metzger und Peter Pausz den Klassiker auf die Bühne des Wiener Theater
Spielraum gebracht. Ihre Fassung für vier Schauspieler ist keine sozial
engagierte, im 21. Jahrhundert angesiedelte Neubearbeitung voller Anspielungen
auf aktuelle Ereignisse, sondern verwendet tatsächlich (mit starken Strichen,
die das Stück angenehm entschlacken) den Sophokles’schen Text. Die Idee gefällt,
die Umsetzung ist leider weniger befriedigend – hauptsächlich, weil den
Regisseuren ihr eigenes Konzept irgendwann unheimlich geworden zu sein scheint.
Die Schaukel des Grauens
So zerstören sie –
wohl aus Angst, das Publikum zu langweilen – jeden schönen, spannenden, weil
ruhigen Moment der Inszenierung viel zu schnell wieder durch "actionreiches"
Herumgestampfe, -gestoße und -gebrüll. So bauen sie auch alle möglichen
Kinkerlitzchen in ihre Inszenierung ein, deren Sinn sich dem Zuschauer
allerdings nur schwer erschließt. Dies ist schon bei den Gasmasken, die die Schauspieler
zeitweise tragen und auch ans Publikum verteilen, der Fall. Massiv störend ist
aber vor allem die große schwarz-weiß karierte Plastikschaukel, die – "Aber
irgendein Bühnenbild brauchen wir doch!" – die Mitte der Bühne einnimmt und
deren Schwingen nicht nur das Publikum, sondern offensichtlich auch die
Schauspieler vom Text ablenkt.
Pose schlägt Sprache
Dass diese Schaukel
von den Darstellern an dramatischen Stellen immer wieder "effektvoll"
angestoßen und gestoppt wird, dass Ödipus (Markus Schöttl) auch mit wehendem
Haar und Heldenmiene darauf herumschwingen darf, macht diese unglückliche
Requisitenwahl nicht gerade besser. Im Gegenteil, damit ist schon ein zweites
Grundübel der Inszenierung angesprochen: So gut die Schauspieler, vor allem
Schöttl und Dana Proetsch als Iokaste streckenweise mit ihrem Text umzugehen
wissen (und das ist keine geringe Leistung!), so viel zerstören sie wieder
durch ihre theatralischen Posen, ihre übertriebenen Gesten, die permanenten
Doppelungen zwischen Text und Darstellung. Da klatscht Ödipus zynisch ganz langsam
in die Hände, tippt sich an die Stirn und schlägt sich bei der Textstelle "Oh
weh" die Hände vor’s Gesicht; da dreht sich Iokaste lachend mit ausgebreiteten
Armen im Kreis; da schlägt sich Kreon (Matthias Messner, der auch einen
herrlich trägen und schwerfälligen Hirten gibt) beim Wort "mein" mit der Hand
auf die Brust – sorry, Leute, das hat Schultheaterniveau. Aber vielleicht
könnte man ein Hörspiel draus machen?
Das hätte auch den Vorteil, dass dem Publikum Karoline Gans‘ (Teiresias/Bote) grauenhaftes Herumgehampel und -getrippel erspart bliebe. Ein piepsender, kichernder, pseudoerotischer, sich am Boden wälzender, Purzelbäume schlagender, wie ein Hund mit heraushängender Zunge hechelnder Teiresias, das überschreitet eine Schmerzgrenze und übertrifft sogar die Plastikschaukel an Nervigkeit. Aber immerhin: Das Risiko der Langeweile ist gebannt.
"König Ödipus" von Sophokles
Theater Spielraum, Kaiserstraße 46, 1070 Wien
15. Februar bis 20. März, täglich außer Sonntag und Montag
Wissenschaftlert literarisch und theatral, schreibt, spielt schau, denkt, lacht, sucht, träumt.
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