2007-04-02 00:10:53
Iain Levison, der bereits mit seinem erstem Buch „Betriebsbedingt gekündigt“ zu überzeugen wusste, ist mit einem weiteren Werk zurück: „Abserviert – Mein Leben als Humankapital“. Darin beschreibt er sein Leben als Arbeitstier, was er souverän meistert; schließlich hatte er in zehn Jahren 41 verschiedene Jobs.
„Leben, um zu arbeiten oder arbeiten, um zu leben?“ Als Antwort auf diese gern und oft gestellte philosophische Frage würde Iain Levison wohl eher die erstere Variante wählen. Denn das ganze Buch - das übrigens sehr stark an "Faktotum" von Charles Bukowski erinnert - liest sich bestimmt nicht als eine Klage gegen die (menschliche) Arbeit generell; schon gar nicht, wenn er das Buch mit folgender Quintessenz abschließt: „Es ist doch gar nicht so übel. Ich lebe im reichsten Land der Welt; hier pleite zu sein, ist immer noch besser, als in Peru oder Angola zur Mittelschicht zu gehören.“
Sarkastischer Arbeitseifer
Iain Levison – dessen Debütbuch „Betriebsbedingt gekündigt“ kollektiven Zuspruch fand – hatte vor seiner (notwendigen) Karriere als Schriftsteller in zehn Jahren 41 verschiedene Jobs. Den Vorwurf, hier schreibe sich wieder ein Autor, der glaubt, es zu wissen, die Finger wund, kann man ihm definitiv nicht vor den Kopf werfen. Dazu ist er viel zu abgeklärt. Levison schreibt also ein Buch, in dem er den vom Leben hart in die Zange genommenen, aber doch sehr rational und weise denkenden, über den Dingen stehenden Protagonisten stellt. Je mehr Jobs er bewältigt – auf sehr schnelle Art und Weise; einen Job hat er durchschnittlich 3 Monate, bevor er sich schon den nächsten in der Stellenanzeige der Zeitung ergattert - , desto mehr Erfahrung bekommt er natürlich. Ein sehr berühmtes Stilmittel verwendet Levison auch in seinem zweiten Werk wieder: Der überzeugende Sarkasmus seiner Figuren. Kein Mensch kann denen nämlich etwas antun; kein Mensch kann sie aus ihrer Gelassenheit herausbringen. Am meisten fällt das auf, wenn sich Levison die Anzeigen in der Zeitung durchlest: „ „FISCHTRANCHIERER GESUCHT, $ 12 pro Stunde Anfangsgehalt.“ Das ist eine Kombination aus beiden Sorten von Jobs – ein Job, den ich nicht will, und ein Job, den ich nicht kann – alles in ein hübsches kleines Paket eingewickelt. Ich habe in Alaska zwei Jahre in der Fischverarbeitung gearbeitet und weiß daher ein paar Dinge über Fische, doch ich kann und will sie auch nicht tranchieren. Aber ich kann mich mit jedem X-Beliebigen über Fische unterhalten. Ich kann mich ohne weiteres durch ein Vorstellungsgespräch bluffen, und bevor man merkt, dass ich keine Fische zerlegen kann, stehe ich schon auf der Lohnliste. Dann muss man es mir entweder beibringen oder mich feuern, und da mich feuern heißt, dass man einen Fehler zugeben muss, wird man es mir beibringen. Zwölf Dollar die Stunde. Alles bestens. Damit ist die Miete schon so gut wie bezahlt.“ Das „Schlimme“ (oder besser: Sonderbare) an der ganzen Geschichte rund um die brutale und lang anhaltende Jobsuche von Levison ist jedoch der Umstand, dass Levison ein an sich gebildeter Mann ist: Er besitzt zumindest einen Hochschulabschluss in Englisch, kann sich verbal gut ausdrücken, ist höflich und kleidet sich auch noch gut. Doch was für viele andere Menschen der blanke Horror ist, befriedigt ihn jedes Mal aufs Neue. Er macht sich nichts daraus, jeden Tag die Zeitung nach neuen Jobs abzusuchen, weil es für ihn die wohl größte Herausforderung überhaupt ist. So kommt er zur Erkenntnis: „Ich habe einen Job. Ich bin wieder im Spiel.“ Natürlich ist er auch zu klug, um zu wissen, dass man sich als arbeitender Mensch (also als Arbeitnehmer) tagtäglich seine Rechte in einem zähem Kampf erkämpfen muss und dass die Arbeit – zumindest die er macht – kein Honigschlecken ist. Levison ist ein cleverer Arbeiter, mit dem wohl nicht jeder Vorgesetzte immer rechnet: „Nach neunzig Tagen habe ich das Recht, eine Versicherung abzuschließen. Das ist immer etwas Hübsches. Dass die Versicherung fünfundzwanzig Dollar in der Woche kostet und eigentlich nichts anderes abdeckt als Verletzungen durch Blitzschlag, werden nur diejenigen Leute jemals herausfinden, die die Geduld aufbringen, sich durch den vorher erwähnten Paragraphendschungel zu quälen.“ Dass so viele Jobs aber nicht nur frustrieren, sondern auch Erfahrungen bringen, versteht sich von selbst. Levison hält sich zum Beispiel in Alaska auf zwei Schiffen auf, um dort Fische und Krebse zu fangen, fährt mit einem Freund und dessen Truck durch die halbe USA, um Möbel von Leuten abzuholen und arbeitet (u. a.) in Restaurants. Ob er mit dieser Jobodyssee weitermacht? Wahrscheinlich schon, wenn der letzte Satz so lautet: „Ich greife nach den Sonntagszeitungen, schenke mir eine Tasse Kaffe ein und setze mich neben das Telefon.“
Selten gelingt es Autoren – mit Verwenden derselben Stilmittel bzw. Personencharaktere – zwei so gute Bücher zu schreiben. Gut also, dass Iain Levison endlich seinen (wirklichen) Beruf gefunden hat!
Das Buch „Abserviert – Mein Leben als Humankapital“ von Iain Levison ist im Matthes & Seitz Berlin Verlag erschienen.
"Von Beginn an ist Johannes ein hedonistischer Charakter und Ästhet – im Sinne Kierkegaards – der nur darauf aus ist, Cordelia zu verführen." (Wikipedia)
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