2012-10-28 11:23:48
Erfahrung macht einen guten DJ und Producer aus. Das weiß auch Boys Noize, der trotz seines jungen Alters eigentlich schon ein alter Hase in dem Geschäft ist. Von einem Überflieger, der trotz dessen immer noch am Boden geblieben ist.
Boys Noize, mit bürgerlichem Namen Alexander Ridha, ist nicht nur ein absoluter Self-made-man, er lässt als DJ und Producer viel Altbewährtes in seinem Handwerk walten. Wer glaubt, dass elektronische Musik aufzulegen, heutzutage keine Kunst mehr ist, sollte dem Herren mal genau auf die Finger schauen. Denn diese bewegen sich mehr an seinen Geräten, als publikumsanimierend in der Luft.
Doch noch einige Zeit vor seinem Auftritt haben wir den gebürtigen Hamburger zum Gespräch getroffen und etwas genauer nachgefragt.
Fm5.at: Kann man von der Annahme ausgehen, dass du als Produzent und DJ hin und wieder deine Stücke am Publikum testest bevor sie ihren letzten Schliff erhalten?
Ja klar. Ich gehe am nächsten Tag wieder zurück ins Studio, mache den Song auf und was man dann merkt, sind Arrangements, die entweder zu lang oder zu kurz sind. Das Wichtigste ist aber immer der Klang. Das Problem ist, ich habe das nie so wirklich gelernt. Das heißt, ich muss mich da immer ran tasten, aber ich vertraue meinem Gehör und dann geht das schon.
Und was den Sound angeht – das hat viel mit Physik und Mathematik zu tun. Sound ist Strom und es sind alles Frequenzen und alles macht Sinn.
Und alles ist null und eins…
…ja genau! [lacht] Generell bin ich aber jemand, der immer wieder bei null anfängt und daher ist es immer wieder eine neue Herausforderung. Ich kenne andere Produzentenkollegen, die arbeiten mit Templates, wo bestimmte Dinge schon geroutet sind und dann klingt es gleich direkt gut. Aber bei mir ist es so: Ich produziere auch viel mit analogen Geräten und nehme erst einmal auf, mache mir meine eigenen Samples, und dann ist viel vom Moment und vom Zufall abhängig.
Hat sich diese Arbeitsweise auch bei deinem aktuellen Album Out of the Black so ergeben?
Würde ich schon sagen.
Wenn du deine drei Alben in Vergleich setzt: Wie hat sich im Laufe der Zeit deine Arbeitsweise verändert?
Das Einzige, das sich glaube ich geändert hat, ist, dass ich mehr als Produzent und Engineer gelernt habe. Beim ersten Album ist noch viel auf Mono [lacht], oder so bescheuerte Sachen wie: Man hat bei einem Remix drei Stimmen – eine normale und zwei Harmonien – und dann verteilt man diese gerne links, rechts und eine in der Mitte… Das wusste ich aber vorher alles nicht. Ich habe alles so nach „klingt schon, passt schon“ zusammengetan und dann den Kleber drauf. Und aus den Erfahrungen lernt man natürlich, dass es Sinn macht gewisse Dinge so oder so zu machen. Aber auf der kreativen Weise und was ich musikalisch gut finde, und wie ich an die Musik ran gehen, bin ich immer noch genauso.
Ist das Video zu deiner aktuellen Single "Ich R U" auch unter deiner
Regie entstanden? Bzw. wie verhält sich generell dein Verhältnis zu Musikvideoproduktionen?
Ich hatte in der Vergangenheit großes Pech was Musikvideos betrifft. Ich hatte immer eine Vorstellung und eine Grundidee wie etwas sein soll, aber die Leute haben es nie so gemacht wie ich es wollte. Dann dachte mir „ach scheiß auf Musikvideos, die braucht doch eh keiner“, aber bei dem neuen Album war es mir doch wichtig, dass das Ganze einen visuellen Aspekt bekommt. Bei "Ich R U" kannte ich den Director Patrick Jean aus dem Internet. Er hatte ein Video auf Youtube das heißt Pixels, das fand ich total geil und habe ihn kontaktiert. Er meldete sich, outete sich als Boys Noize Fan und anschließend bin ich nach Paris geflogen. Dort habe ich ihm zwei, drei Songs vorgespielt und wir haben uns auf "Ich R U" geeinigt. Ich habe ihm meine Vorstellungen beschrieben, er hat innerhalb von einer Woche ein fettes Treatment geschrieben und so haben wir es dann auch gemacht. Es hat sich das erste Mal so angefühlt, dass ich denke, dass das Musikvideo dem Level meiner Musik entsprich… also dass ich es genauso mag [grinst].
Ist das Visualisieren von Musik – einerseits in Form von Musikvideos, andererseits bei den Visuals deiner Live-Show – auch etwas, auf das du selbst gerne viel Einfluss ausübst?
Ich bin bedacht alles so nah wie möglich an meinen Vorstellungen zu halten. In dem Fall habe ich mit den Pfadfindern aus Berlin gearbeitet und wir haben uns immer weiter ran getastet bis es gepasst hat. Und das ist mir wichtig, weil es in den vergangenen Jahren viel zu beliebig geworden ist: Ein DJ, der vor einer riesigen LED-Wand spielt und keiner kennt sich aus, was das sein soll. Und daher gefällt mir das Konzept, das damals schon Kraftwerk gemacht haben, wo alles zusammen gehört, viel besser.
Bei deiner Power-Wold-Tour warst du alleine unterwegs. Dieses Mal hast du deinen Labelkollegen Spank Rock mit im Gepäck. Wie kam es dazu?
Ich spiele zum ersten Mal Konzerte und da ist es ja so, dass man einen Support mit hat und Spank Rock ist der beste Rapper der Welt. Ganz viele Leute, die heute zu meinem Konzert kommen, kennen ihn noch gar nicht, und daher ist es eine coole Herausforderung diese damit zu erreichen.
Den reinen Livecharakter hast du ja bislang nie ganz angenommen. Aufzulegen, ganz ohne einen Laptop, war Teil deiner Auftritte. Wie verhält es sich jetzt?
Ich bin noch am Annähern muss ich ehrlich gestehen. Ich liebe das Auflegen, in den Moment reinzugehen und zu entscheiden, wie es gerade sein soll. Ich betrachte mich jetzt mehr als eine Ein-Mann-Band, der seine Lieder performt. Für mich hat es jetzt auch mehr Sinn gemacht es zu versuchen. Und es ist auch ein neuer Reiz und eine neue Herausforderung dabei. Auch weil ich gemerkt habe, dass beim Auflegen die Perspektive der Leute auf den DJ sich in den letzten Jahren verschoben hat. Es gibt zum Beispiel viele Festivals, vor allem in Amerika, wo es ganz oft nicht um die Musik geht. Da geht es mehr um Entertainment und ich dachte dabei „was geht hier eigentlich ab? Alle spielen dieselbe Musik, es ist alles nur so funktional und es geht mehr darum, den Hampelmann auf der Bühne zu machen.“ Ich bin natürlich auch jemand, der krass abgeht auf der Bühne und auch mal in die Leute springt wenn‘s passt. Aber wenn ich merke, dass es aufgesetzt und durchgeplant ist, finde ich das komisch.
Das heißt, du bist bei deinem alten Konzept geblieben?
Ich bin bei meinem alten Konzept geblieben und habe es auf das Neue übertragen. Mir war es wichtig, immer Spaß an der ganzen Sache zu haben. Außerdem ist es von der Herangehensweise und wie ich es präsentiere ganz anders. Aber es macht immer noch unheimlich viel Spaß. Ich bin dermaßen nervös vor jedem Auftritt, was ich bislang auch noch nicht von mir kannte. Das einzige Mal, als ich so nervös war, war, als ich mit Chilly Gonzales auf der Bühne gestanden habe. Alleine mit einer Drum Machine und er hat Piano gespielt. Und dieses Gefühl habe ich jetzt auch, weil es etwas Neues ist, aber es macht immer noch Spaß.
VerhaltensUNgestörtes Einzelkind, Belegerin diverser Massenstudien mit großem Faible für Alltagseskapismus mittels Ton und Schrift.
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