2008-08-22 12:52:30
Ein Undercoveragent, der auf beiden Seiten des Gesetzes steht. Autor Ed Brubaker und Zeichner Sean Phillips präsentieren mit 'Sleeper' einen ausgezeichneten Crime-Thriller im Comicformat.
Das A und O eines gut gemachten Thrillers: Einen Agenten beim Feind einschleusen. Die Frage, die man sich dann immer stellt: Wie lange geht das gut?
Sleeper präsentiert solch eine Handlung.
Held wider Willen ist Holden Carver. Holden ist Agent und Maulwurf in einem. Einerseits ist er für International Operations tätig, andererseits eingeschleust bei der Organisation um den mysteriösen Manipulator Tao, den es zu infiltrieren gilt und hinter dem alle her sind. Um Tao einzubuchten, braucht es eine präzise Herangehensweise, die alles andere als ungefährlich ist. Doch ein anderes Problem steht plötzlich vor der Tür: John Lynch, Leiter von I.O., fällt nach einem Attentat ins Koma. Dabei ist Lynch die einzige Person, die von Holdens Doppelidentität weiß und ihn mit Informationen und Aufgaben versorgt.
Was nun? Die Gefahr als zweifache Zielscheibe wächst und wächst mit jedem Tag weiter. Zum einen kann er es sich nicht erlauben, den patriarchalischen Übermenschen Tao zu enttäuschen oder bei ihm Misstrauen zu erwecken, zum anderen nehmen seine eigentlichen Arbeitgeber und Freunde beim Geheimdienst seine Fährte auf, um ihn als Deserteur hinter Gitter zu bringen, tot oder lebendig.
Der Feind im Nacken
Gut und Böse scheinen sich in Sleeper bald in einer Nebelwand aufzulösen. Egal wo du stehst, stets bist du in Gefahr. Integrität, Moral, Werte, Recht und Unrecht - Worthülsen, die wegen der Aufregung und dem intuitiven Handeln einen Schritt zurück machen müssen.
Holden muss sich den kollektiven Verhaltensregen anpassen und sich in einer fremden Hierarchie zurechtfinden, um nicht aufzufallen, was ihm mehr oder weniger auch gelingen mag.
Ed Brubaker begibt sich bei dieser Serie nicht in allzu unbekanntes Terrain, ist er doch aus der amerikanischen Comic-Szene mit Titeln wie Criminal, The Fall oder Gotham Central nicht mehr wegzudenken.
Gewalt, Macht und (Selbst)Vertrauen sind die Themen, die Sleeper intus hat.
Die Geschichte spielt sich in tief verdunkelten Ecken ab, an Orten, wo sich normale Menschen nicht einfach so verirren. Es sind Kneipen und Bars, bevölkert mit miesen Schlägern und versifften Superhelden mit besonderen Kräften, die ihre besten Zeiten schon längst hinter sich haben. Auch Holden verfügt über spezielle Fähigkeiten. Durch die Berührung mit einem unbekannten Artefakt, ist er in der Lage Schmerzen jeglicher Art (Pistolen und Gewehrkugeln, Stöße, Energie) zu absorbieren und weiterzuleiten, abzugeben wie ein menschlicher Blitzableiter.
Bei seinen Feinden stößt er damit nicht unbedingt auf Gegenliebe.
Zu erhöhter Aufmerksamkeit ist verpflichtet, wer unter Feinden ist. Ein falsch gewählter Zug, und das tarnende und schützende Kartenhaus stürzt in sich zusammen. Brubaker spielt im ersten Band der hochgelobten Serie seinen Trumpf nicht einfach aus, sondern reiht Kärtchen für Kärtchen kunstvoll nebeneinander.
Die Zeichnungen von Sean Phillips sind schmutzig und grobflächig umrandet, mit dicken Schattierungen, die viel Schatten auf die Seiten werfen, aber genug Platz lassen für Dynamik. Passenderweise ist die Farbgebung in dunklen Grau, Braun und Blautönen gehalten, erhöht damit bestens die Atmosphäre des Misstrauens.
Der erste Band Das Schaf im Wolfspelz (welch treffender Titel!) enthält die ersten sechs Ausgaben, bildet damit das Fundament von Holden Carver und dessen Identität(en).
Seine Zukunft als devotes Opfer der Geschehnisse bleibt vorerst noch ungewiss.
"Fill the air with poems, so thick
even bombs can't fall through."
(Peter Levitt)
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