2007-11-19 22:11:59
Yehudit Kirstein Keshet hat ein Buch über die israelische Vorgehensweise gegen Palästinenser, die den Kontrollposten passieren müssen, verfasst. „Checkpoint Watch“ bringt die Facetten der tagtäglichen Diskriminierung ans Tageslicht.
Eine palästinensische Frau, die auf einem mittelalterlich anmutenden Holzwagen unter erbärmlichen Umständen ihr Kind gebären muss. Ein Palästinenser, der von einem bewaffneten israelischen Soldaten aufgefordert wird, sich seiner Kleider zu entledigen. Eine massive Warteschlange vor einem der unzähligen, im Gaza-Streifen und im Westjordanland positionierten Kontroll-Posten. Es sind Bilder, die schockieren, die wütend und gleichzeitig traurig machen. Gewiss, es ist angesichts der permanenten akuten Gefahr vor terroristischen Anschlägen (Selbstmordattentate in Bussen und Raketen-Beschuss) in Israel illegitim, nur von einer Armut zu sprechen – abgesehen davon, dass Armut auf beiden Seiten je anders zu interpretieren, als auch in einen völlig anderen Kontext zu stellen ist (hier die Besatzer, dort die Besetzten).
Es ist trotzdem gewiss nicht tolerierbar, ein ganzes Volk als Terroristen abzustempeln, es auch so zu behandeln und ihm das im Jahr 1947 von der UNO gewährte Recht auf einen eigenen Staat (UNO-Teilungsplan) kontinuierlich zu beschneiden sowie illegalen Siedlungsbau im Gebiet der Palästinensischen Autonomiebehörde (PA) zu forcieren – und damit jeden Versuch der Selbstbestimmung einzudämmen. Die Folgen dieser tristen, scheinbar gleich bleibenden und nicht enden wollenden Situation auf der fundamentalistischen palästinensischen Seite sind bekannt: Terrorakte auf die israelische Zivilbevölkerung und die radikale Drohung, die Juden „ins Meer zu werfen.“ Wie steht es aber um Israels Friedensbewegung anno 2007? Wie gehen links-liberal gesinnte Israelis mit dieser untragbaren Okkupationspolitik ihrer Regierung – und weiter ihres Militärs – um? Gibt es Widerstand?
Tatort Kontrollposten
„Kontrollposten“, so Yehudit Kirstein Keshet, „haben nichts mit Sicherheit zu tun. Ihr wahrer Zweck ist dreifach: kollektive Bestrafung, sichtbare militärische Überwachung der Zivilbevölkerung und die Zerstückelung des Landes, wodurch jede Aussicht auf einen lebensfähigen palästinensischen Staat unmöglich gemacht wird.“ Die 1943 als Tochter geflüchteter Berliner Juden geborene, in den späten 50er Jahren nach Israel eingewanderte Anthropologin und Filmemacherin Keshet kommt in ihrem, vor kurzem in einer deutschen Version erschienenen Buch Checkpoint Watch zu ernüchternden Ergebnissen: Die Besatzungsmacht Israel unterdrückt Tag für Tag an sämtlichen Kontrollposten (Checkpoints) palästinensische Bürger, die von ihrem Dorf in das nächste wollen oder nach Israel müssen. Gründe: Besorgungen, Arzt- oder Krankenhausbesuche oder ganz normale Familienvisiten. Keshet, die sich seit ihrer Pensionierung ganz dem Kampf gegen die israelische Besatzung des Westjordanlandes und des Gaza-Streifens verschrieben hat, ist eine der drei Gründungspersonen der 2001 aktiv gewordenen israelischen Frauenbewegung MachsomWatch (Machsom, hebräisch für „Barriere, Hindernis, Kontrollposten“). Ziel war es von Anfang an, die Machsomim zu kontrollieren, 365 Tage im Jahr, bei jeder Witterung.
Zurzeit zählt diese aktive NGO-Gruppe um die 500 Mitglieder. Sie versteht sich selbst als eine Frauengruppe im sonst eher männerdominierten Israel (Militär), allerdings ohne bewusst feministischen Zielsetzungen. Der Untertitel des Buches, Zeugnisse israelischer Frauen aus dem besetzten Palästina, macht bereits die diffizile Ausgangsposition dieser engagierten Frauen deutlich: Es handelt sich hierbei eben nur um Zeugnisse, die zwar definitiv einige Punkte in Richtung positiver (Ver-)Änderungen lenken können, aber im Endeffekt bleibt man auch intern gegen die israelische Besatzungspolitik machtlos. Diesen prekären Umstand untermauert Keshet auch in ihrem Werk – und zeichnet mit einem Gedanken weiter: „Zwar wollen die Militärs Verständnis für humanitäre Anliegen zeigen, gleichzeitig aber würgen sie Kritik mit dem Hinweis auf Sicherheitsgründe ab.“
Besetzt
Die durchaus kritische, für die israelische, eher dem links-liberalen Spektrum zugeordnete Tageszeitung Ha`aretz arbeitende Journalistin Amira Hass schreibt im Vorwort zu diesem definitiv unabdingbaren Buch einige furchterregende, weil die Absicht der israelischen Regierung entlarvende Sätze: „Die ausgeklügelte Natur dieses Systems“, meint die als einzige israelische Journalistin in Palästina(!) lebende Frau, „zeigt sich in seiner Konsequenz und Dynamik, in der Art, wie es ihm gelingt, sich der Aufmerksamkeit innerhalb und außerhalb Israels zu entziehen“. Und notiert weiter: „Es ist ausgeklügelt, weil es sich leicht als eine Ansammlung unkoordinierter und ungeplanter Ermessensentscheidungen darstellen lässt.“
Um sich den eklatanten (Ausnahme-)Zustand gewahr zu machen, muss man jedoch nicht zwingend solche Zeilen lesen, sondern kann sich ganz getrost eine Landkarte der Palästinensischen Autonomiebehörde zur Hand nehmen. Erkenntnis: Das Westjordanland zum Beispiel gleicht nahezu einem Emmentaler, eine illegale jüdische Siedlung nach der anderen, außerdem eine sehr große Fläche von Gebieten im Jordantal, die von Israel kontrolliert werden. Vom Armenhaus Gaza-Streifen ganz zu schweigen: An dieser Stelle greift wohl die Metapher des Gefängnisses besser. Was wahrscheinlich auch nicht mehr viel ausmacht, denn kontrolliert wird ohnehin das ganze palästinensische Gebiet.
Es ist ein schlimmes Bild, das der/die LeserIn hier vors geistige Auge projiziert bekommt. Stunden- bis tagelange Schikanen an den Überwachungsposten – die meisten davon haben nicht einmal grundlegende sanitäre Einrichtungen wie Toiletten – und ständige Kontrollen. Wenn es dann einmal endlich ein Palästinenser geschafft hat, zum Beispiel nach Israel zu gelangen, darf er sich natürlich nur für einen bestimmten Zeitraum dort aufhalten. Ob dieser Schilderungen - die bei den meisten israelischen Hardlinern sicher ganz anders aufgefasst, wiedergegeben oder gar verschwiegen werden – der verdienten Organisation MachsomWatch ist es wenig verwunderlich, wenn eine in Jerusalem lebende Biochemikerin mit folgenden Worten zitiert wird: „Aber inzwischen ist Israel nicht mehr der Ort, wo ich hingehören möchte.“
Das Buch Checkpoint Watch ist im Hamburger Nautilus Verlag erschienen. Die teilweise schrecklich anmutenden, von der MachsomWatch-Bewegung aufgenommenen Fotos sind auf ihrer Homepage zu sehen.
"Von Beginn an ist Johannes ein hedonistischer Charakter und Ästhet – im Sinne Kierkegaards – der nur darauf aus ist, Cordelia zu verführen." (Wikipedia)
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