2010-12-07 21:12:04
Dass Humor nur ein anderes Wort für Deckenleuchte ist, beweist der anonyme Autor einzlkind in Harold.
Harold hatte auf ein abgeschiedenes, sorgenfreies Leben gehofft. Zweimal wöchentlich hätte er sich erhängt, sich wohl auch weiterhin regelmäßig mit den greisen Nachbarinnen zum Bridge getroffen, selbst wenn er nie in die Stimmung dafür gekommen wäre, nur um in diesem Müßiggang von anderem träumen zu können: Einem Leben voller Gesten aus alten Schwarz-weiß-Filmen etwa. Doch auch das schließlich eingetroffene Leben als Wurstfachverkäufer lebt sich gut, selbst dann, wenn man gerade gekündigt wurde. Denn sobald sich eine Türe schließt, öffnet sich bekanntlich ein Fenster: Diesmal in Form der neuen Nachbarin, welche Harold bittet, er möge doch eine Woche den elfjährigen Melvin babysitten. Der Redetüchtigste war Harold nie und außerdem scheint sie recht überzeugt von ihrer Idee zu sein.
Melvin ist nicht neunmalklug, sondern ein Genie. Ein Savant um genau zu sein, jedoch ohne autistische Züge, und einer, der stets auf das falsche Pferd setzt. Sein Selbstbewusstsein steht seinem Wissensdrang in nichts nach und so nützt er die Abwesenheit der Mutter und Harolds Gutmütigkeit aus zur Erkundung von Glücksspiel, Drogen und den Manieren des Pöbels. Und seinen Vater will er aufspüren, von dem nur der Name Jeremiah Newsom bekannt ist, von denen es wiederum ganze fünf in Großbritannien und Irland gibt. Die Hausaufgaben sind gemacht, der Mutter über die Jahre ausreichend Geld gestohlen, ein Wagen steht in der Garage. Kurzum: Die Vater-Suche kann beginnen.
Wo das Leitmotiv der Geschichte altgediegen klingt, schafft es der anonyme Autor, einzlkind das Pseudonym, eine irrwitzige Reise zu schildern, in der es weniger um das Aufstöbern des Vaters geht, als vielmehr um das Erkunden absurder, fadenscheiniger und durchtriebener Persönlichkeiten. Dafür hat der Autor seinen Figuren auch ein ganz besonderes Gespür verliehen, wenn sich Melvin schließlich fragen muss, ob er nun der genetische Abkömmling eines effeminierten Schwulen, eines unter die Räder gekommenen Amateurboxers oder eines Mafioso ist, der Geschäfte mit einem gewissen "Adolf Hitler" macht – der Name mache ihn menschlicher –, und er und Harold zum Enttarnen des potentiellen Vaters selbst in die unterschiedlichsten Rollen schlüpfen müssen.
Um der Skurrilität des Geschehens Ausdruck zu verleihen, bedient sich einzlkind einer Sprache, die vor nichts zurückschreckt. Er zertrümmert, vergreift sich im Ton, setzt einen drauf wo das Fass schon am Überlaufen ist. Wie im Süßwarenladen bedient er sich sprachlich wie inhaltlich aller Formen und Farben, Süßem wie Saurem, Gehaltvollem wie Leichtem. Doch die dabei entstandene Kalorienbombe liegt gar nicht schwer im Magen – und wer würde schon einem Süßwarenladen Übermut und Verzuckertes zum Vorwurf machen? –, sie ist voller bizarrer Komik und Klugheiten. Denn er scheint auch stets einen tieferen manifesten Kern, der im Fahrwasser der Logik dümpelt, zu treffen, wenn es etwa heißt: "Das Leben ist eine Rolltreppe. Entweder sie ist kaputt oder es geht abwärts."
Der Roman lebt von diesem Unfug und seinem geschriebenem Slapstick. Die Komik liegt in der Verrücktheit und dem Schneid des Autors, sich konsequent vernünftiger Motive zu entziehen, ohne dabei ins Surreale abzudriften oder peinlich zu werden.
Dass dieses Konzept so gut aufgeht, und Harold bereits über den Status des Geheimtipps hinaus ist, liegt freilich daran, dass dieses Buch die gegenwärtige deutsche Literatur um genau jenen Witz bereichert, für den es ihr bislang an Mut, vielleicht sogar an Talent gemangelt hat.
Harold
von einzlkind.
Erschienen in der Edition Tiamat, 2010.
Paperback, 222 Seiten, EUR 16,50 [A], EUR 16,00 [D]
Verloren, vermurkst, verletzbar, verlässlich, verhüllt, verknurrt, verkatert und vernetzt.
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