2008-12-02 19:59:32
Keiner eignet sich besser für eine Serie als Kurt Tucholsky. Aktuell: Wenn die Börsenkurse fallen...
Kurt Tucholsky starb 1935. Dem Umstand, dass Texte, die Älter als 70 Jahre alt sind, keinem Urheberrecht mehr unterliegen, verdanken wir die Möglichkeit, die Texte hier zu präsentieren.
Kombiniert mit der - in diesem Fall - erschütternden Prägnanz und der mehr den je gegebenen Aktualität seines Schaffens bilden Tucholsky Texte also eine Art "Win-Win" - Situation für LeserInnen und RedakteurInnen eines kleinen, feinen Onlinemagazins.
1930 erschien der Text "Wenn die Börsenkurse fallen" in "Die Weltbühne":
Bis hierhin ging alles gut und alles war so schlüssig,
dann wollte ich ein bisschen mehr über das Gedicht erfahren und siehe da: Das Sudelblog.de berichtet unter dem Titel "Die Verbreitung einer Gedicht-Legende" über das Gedicht "Wenn die Börsenkurse fallen", welches fälschlicherweise Tucholsky zugeschrieben wird (eine "Ente", die sich rasend schnell im Internet weiterverbreitet hat, bis zu mir) und eigentlich von einem noch lebenden Wiener, mit Namen Richard Kerschhofer, stammt. Dieser wiederum hat mit Tucholsky nichts am Hut und betrachtet sich im politischen rechts-links Schema eher auf der Tucholsky entgegengesetzen und damit rechten Seite.
Das Gedicht ist jedenfalls spannend, da Kerschhofer aber nach wie vor lebt und eine Zahlung für mögliche Urheberrechtsansprüche durch eine Veröffentlichung auf FM5 nicht in Frage kommt, empfehle ich, das Gedicht "Wenn die Börsenkurse fallen" mit einer Suchmaschine im Internet zu suchen (unter dem falschen Urheber Tucholsky gewiss leichter zu finden).
Was ist an dem Gedicht noch interessant?
Ist das Gedicht überhaupt noch spannend, wenn es nicht von Kurt Tucholsky stammt und nicht 1930 veröffentlicht wurde? Der Lauf der Geschichte und die (vielleicht nicht unabsichtlich in Gang gesetzte) Verwirrung um die Urheberschaft des Gedichtes erlaubt jedenfalls einen interessanten Blick auf die Logik der Verbreitung von Nachrichten im Internet auf der einen Seite aber auch auf die Logik vieler angesprochenen Leserinnen und Leser:
Viele fühlen sich in ihren Ängsten vor der überall angekündigten Wirtschaftskrise und dem Aufstieg der rechten Parteien verstanden und können sich kaum mehr freuen, als mit Kurt Tucholsky einen Wissenden an ihrer Seite zu sehen, der dem Image eines vorausblickenden, intellektuellen und gleichzeitig bodenständigen Menschen entspricht.
Offenbar sind diese Ängste vorhanden. Offenbar konnte der tatsächliche Autor diese Ängste sehr treffend beschreiben. Nun stellt sich die Frage, ob das nicht viel mehr Angst macht, wenn dieser Autor gar nichts mit - in anderen Texten von Tucholsky sich findender - Kritik an Kapitalismus und Faschismus zu tun hat!
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