2008-04-09 21:43:13
Gerhard Werdeker zeigt in seiner Inszenierung des Dieter Forte Stücks "Der Artist im Moment seines Absturzes", dass es nicht einfach ist, ein Emigrantenschicksal zu erarbeiten. Zu sehen im Theater SPIELRAUM.
Der Grat zwischen Realität und Bühne ist schmal. Theater kann Emotionen erwecken und das nicht nur im Publikum. Wenn die Personen
auf der Bühne selbst ein Stück inszenieren, dann können die Proben
schnell philosophische Dimensionen annehmen. Die Erarbeitung eines
Stückes im Stück lässt einen Assoziationen aussprechen, die vielleicht
besser ungesagt blieben. Da werden zum Beispiel die ausrangierten Zirkuspferde auf der Weide zur Metapher für die Eintönigkeit des Lebens. Der Schauspieler (Tristan Jorde) und die Schauspielerin (Nicole Metzger) auf der Bühne werden unbewusst selbst zu Emigranten. Genau wie die Figuren, die sie verkörpern. Rastlos, immer auf der Suche. Aber bietet die Institution Theater überhaupt noch genug Platz, um Schicksale zu erarbeiten?
Auseinandersetzung mit dem Exil
15 Jahre lang lag Dieter Fortes Der Artist im Moment seines Absturzes auf Gerhard Werdekers Schreibtisch. Jetzt im Jahr 2008 wurden Ideen und Vorstellungen realisiert. Die Inszenierung leitet als erste Eigenproduktion den Schwerpunkt 8 im Theater SPIELRAUM ein. Gegebenheiten die zwischen 1848 und 2008 geschehen sind, werden in zwei Matineen und zwei Eigenprodukten noch bis zum Sommer 2008 thematisiert.
Autor des Stückes Dieter Forte erlangte mit seiner Romantetralogie Das Haus auf meinen Schultern, deren Teile zwischen 1992 und 1998 erschienen, besondere Anerkennung. Diese setzen sich mit Erlebnissen während verschiedener Phasen des zweiten Weltkriegs an verschiedenen Orten auseinander. Auch das Stück Der Artist im Moment seines Absturzes gibt Einblick in den Lebensabschnitt eines Paares auf der Flucht vor den Nationalsozialisten.
Verletzt und gebrochen
Wenn es um tragische Schicksale geht, gesellt sich schnell die Flasche Wein zu den üblichen Probengetränken wie Kaffee und Tee. Der spartanisch ausgestattete Raum (Harald Ruppert) unterstützt die angespannte Stimmung. Zwei Stühle, eine Schreibmaschine, zwei Mäntel, ein Paar Stöckelschuhe, der Boden ist mit Papier übersäht. Die Geschichte einer Flucht eben.
Um in die Rollen zu schlüpfen, ziehen die beiden SchauspielerInnen ihre Mäntel (Kostüme: Anna Pollack) an. Diese werden zum Verknüpfungspunkt zwischen Realität und Spiel im Spiel. Immer wieder unterbrechen die AkteurInnen ihre Probe, um über das eigene Leben und das Leben der beiden Figuren in dem Stück zu diskutieren. Schnell wird klar, dass es nicht einfach ist, solchen Schicksalen ohne Emotion gegenüberzustehen.
Der Schriftsteller will seinen literarischen Kampf gegen das Regime - sein Manuskript - aufgegeben, seine Frau gibt ihre Habseligkeiten auf, um der Literatur Willen. Der Pelzbesatz des Mantels und der goldene Ring verschwinden im Laufe des Stückes. Doch Nicole Metzgers Figur kämpft weiter. Die Emigrantin und die Schauspielerin werden, so unterschiedlich sie auch sind, mit völliger Überzeugung und Hingabe gespielt. Tristan Jordes Verkörperung des verzweifelten Autors verblüfft genauso wie seine routinierte Wandlung zum motivierten Schauspieler.
Gerhard Werdekers Inszenierung Der Artist im Moment seines Absturzes, des Stücks in einem Stück, zeigt die Schwierigkeiten der dramatischen Erarbeitung einer Flucht vor den Nationalsozialisten. Es ist beruhigend zu wissen, dass auch im Jahr 2008 solche Schicksale noch nicht an Aktualität verloren haben.
Spieltage: 8. bis 19. April , Dienstag bis Samstag, 20 Uhr
Zum Schwerpunkt 8 im Theater SPIELRAUM:
Gastspiel/Literaturmatinée Leben und Lyrik in Theresienstadt
am 20. April um 12 Uhr
Eigenproduktion/Literaturmatinée Dort, wo man Bücher verbrennt, verbrennt man am Ende auch Menschen
am 4. Mai um 12 Uhr
Theater SPIELRAUM
Kaiserstraße 46
A-1070 Wien
We are all in the gutter but some of us are looking at the stars. (Lord Darlington, Lady Windermere's Fan)
Newsfeed von Lena Fürnkranz abonnieren