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Schnecken vernaschen

2008-04-20 16:25:14

  • schnecken essen salon5
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Der Salon5 ist genial, das sollte mal gesagt werden. Warum? Es fühlt sich einfach so an. Mag man das? Eigentlich gar nicht.

Aber: Wo sonst sieht man einen Schauspieler, der einen schmierigen, am Ende der 40er angelangten, selbstgefälligen Typen mimt bereits ein paar Wochen zuvor selbst in der Zuschauerrolle bei einem anderen Stück, von dem ich damals schon dachte „der hat ein bisschen was Schmieriges und Selbstgefälliges, wie er da so inmitten seiner wesentlich jüngeren Bewunderinnen sitzt“?

„Das kann es überall geben.“

Stimmt. Allerdings hat man selten soviel Nähe und Zeit auf die SchauspielerInnen und TheaterbesucherInnen derart einzugehen, wie bei ein, zwei Gläsern Wein im Anschluss an ein Stück im Salon5.

Das Stück trägt den Titel Schnecken essen: zu sehen sind ein ekelhafter Verleger, eine Schrifstellerin, die über die Schriftstellerei schimpft und ein Kellner. Letzerer gibt den Moderator für einen Abend, an dem alle nur das Eine wollen: Sex, Geld für das erkrankte Kind und die Wahrheit (oder die Liebe).

Der Böse ist wenigstens ehrlich

Wobei der Verleger nur Sex will (erinnert mich an die Menschheit); die Schriftstellerin nur Geld für ihr erkranktes Kind (erinnert mich an den grandiosen Film Dancer in the Dark von Lars von Trier mit Björk in der Hauptrolle); und der Kellner die Wahrheit (oder die Liebe), (erinnert mich mehr an Dinner for one als an „irgendwo zwischen Buster Keaton und Samuel Beckett angesiedelt“, wie es im Pressetext heißt).

Der Böse (Verleger) ist wenigstens ehrlich und schildert seine Probleme mit der LeserInnenschaft: „Aber wenn man ihnen keinen Schwachsinn verkauft, dann kaufen sie gar nichts mehr!“

Die über jeden Zweifel Erhabene (Schriftstellerin) knabbert an ihren Idealen: „Phantasie ist etwas Wunderbares, wenn man sie als reiner Amateur genießt. Sobald man sein Brot damit verdient, missbraucht man sie, man presst sich das Gehirn aus, um Leben daraus zu gewinnen, dabei ist das, was die Menschen ihr Leben aushalten lässt, der Mangel an Phantasie!“

Und der Vermurkst-Geniale (Kellner) schwankt zwischen der Wahrheit, der Liebe und seiner Unbedeutendheit: „Ein Schneckenessen, bei dem es nicht mehr Schnecken gibt, als man braucht, ist ein Schneckenessen, bei dem Schnecken fehlen.“

Die Kulturkritik ist nur das Vorspiel

Die Kulturkritik in Schnecken essen ist lediglich das Vorgeplänkel. Es geht um Schnecken, aber nicht um die Schnecken im Teller irgendeines französischen Luxusrestaurants, sondern um jene männliche Fantasie, in der jeglicher Respekt vor dem anderen Geschlecht längst verflogen und der Machttrieb mit der Fleischeslust ins Bett gestiegen ist.

Im Salon5 nehmen uns die drei Schauspieler Horst Schily (Victor Pontier), Nina Gabriel (Lea Belmont) und Jens Ole Schmieder (als der Kellner) auf sehr elegante und sprachlich witzige Art und Weise mit auf eine (tieftraurige) Reise in die abgründigen und allzu realen (Macht-)Fantasien eines dauer-notgeilen Mannes, der auf die 50 zugeht und zeigen die Strategien, die eine Schriftstellerin und ein Kellner entwickeln, um damit umgehen zu können.

Das Stück ist noch am 5. und 25. Mai sowie am 5. und 15. Juni jeweils ab 19.30 Uhr im Salon5 zu sehen.

Schnecken essen
Dramolett nach einem Roman von Henri-Frederic Blanc
Regie: Anna Maria Krassnig

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