2008-09-28 15:25:56
Die amerikanische Autorin Karen Russell macht sich in "Schlafanstalt für Traumgestörte" auf, um die Grenzen zwischen Realität und Luftschloss auszuloten.
Der Phantasie sind keine Grenzen gesetzt, heißt es. Vor allem bei Kindern ist die phantasievolle Ader besonders ausgeprägt. Mit dem Erwachsenwerden und den zunehmenden Kerzen auf der Geburtstagstorte, schwindet die Fähigkeit zur bildlichen, naiven Vorstellungskraft. Karen Russel, amerikanischer Shootig-Star der Literaturszene, lässt in ihrem Buch
Schlafanstalt für Traumgestörte genau diese Welten aufeinanderprallen.
Abwegige Kindheiten
Kindern und Jugendlichen werden führende Positionen in ihren Kurzgeschichten eingeräumt, denen es nicht an skurrilen Einfällen, exotischen Orten, selten zuvor gehörten Namen und obskuren Figuren mangelt. Für die Eltern bleibt nur der Platz als Randerscheinung. Da gibt es Ava und ihre Schwester Osceola, deren Familie ein Erlebniscamp betreibt. Während die tüchtige Ava sich um anfallende Dinge wie Krokodile füttern kümmert, erlebt Ossie, wie sie herzlich von ihrer Schwester genannt wird, amouröse Liebschaften mit ihrem imaginären Liebhaber.
Oder die ungleichen Brüder Timothy und Wallow, die sich täglich auf hoher See auf die Suche nach ihrer ertrunkenen Schwester Olivia aufmachen und ihre Präsenz nahezu überall spüren, während die Eltern Länder der Dritten Welt besuchen, und damit vielleicht vor ihrem Schmerz davonlaufen. Noch mehr schrullige Erscheinungen und Besonderheiten gefällig? Eine Oma, die sich nur von Bananen ernährt und deshalb ausschließlich „Oma Banane“ gerufen wird. Ein väterlicher Minotaurus. Eine Taucherbrille, mit der man unter Wasser Geister zu Gesicht bekommt. Ein Camp, in dem Kinder und Jugendliche mit unterschiedlichen Schlafstörungen behandelt werden. Interessanteste Insassen: Das bucklige Zwillingspaar Espina und Espalda, die ihre Buckel aneinander reiben müssen um einschlafen zu können. Überdies wimmelt es nur so vor
Schlafwandlern und Narkoleptikern.
Zwischen Phantasie und Wirklichkeit
Karen Russell fabriziert Geschichten, die auf der Suche sind: Nach Zufriedenheit, nach einem bessere Leben und normalen Strukturen. Vielleicht gerade deswegen, weil die Existenz der Figuren nicht das typisch geregelte Leben darstellt. Russell ist eine Schriftstellerin, die in Tradition einer Märchenerzählerin steht. In den Köpfen ihrer jugendlichen Akteure lässt sie übernatürliche Erscheinungen mit alltäglich erfahrenen Lebenswirklichkeiten kollidieren. Ihre Charaktere handeln mit jeweils unterschiedlichen Motivationen, obwohl sie vieles gemein haben. Eigensinnige Vorkommnisse werden mühelos mit wundersamen Erzählsträngen des Alltäglichen verknüpft. Dieser synthetische Zusammenstoß zeichnet die Episoden aus.
Trotzdem entsteht der Eindruck, dass sich die Autorin nicht ganz entscheiden kann.
Sollen es nun Jugendgeschichten sein, mit ernsten Themen und lockeren Einfällen, oder entschieden kritische Begebenheiten, aus der Position von Jugendlichen erzählt.
Schlafanstalt für Traumgestörte ist ein Buch, in dem Outsider zu wahren aber stillen Helden des Alltags gekürt werden und das Anderssein nichts Schlimmes bedeuten muss. Außerdem kristallisiert sich eine Botschaft besonders heraus: Vieles kann nur gemeinsam gemeistert und überstanden werden.
"Fill the air with poems, so thick
even bombs can't fall through."
(Peter Levitt)
Newsfeed von Daniel Gilic abonnieren