2007-04-02 00:12:39
Gerhard Werdekers neue Inszenierung im Theater SPIELRAUM steht im Zeichen des Jahrestags des Ungarnaufstands 1956. "Bilanz" von Árpád Göncz feierte am 9. Oktober 2006 Premiere.
Schicksalsvergiftung
Über 20 Jahre sind vergangen. Der Ungarnaufstand 1956 trennte ein Paar. Sie verließ das Land, um ein neues Leben zu beginnen. Er blieb. Es kommt zu einem ersten Zusammentreffen nach längst vergangener Zeit. Eine Aussprache, die mehr von ihnen abverlangt, als befürchtet. Doch auch näher aneinander bringt, als sie erwarteten.
Ungarn, 1956
„Bilanz“ von Árpád Göncz feierte am 9. Oktober 2006 im Theater SPIELARAUM unter der Regie von Gerhard Werdeker Premiere. Das Theater ist das einzige unter den Wiener Kleintheatern, das sich mit dem runden Jahrestag des Ungarnaufstands 1956 beschäftigt. Auf Göncz Stück folgt am 15. Oktober „Wir haben nicht gesiegt, aber gekämpft- 1.Teil“.
Der Versuch, Bilanz zu ziehen
Der Volksaufstand zerstörte, riss auseinander und fügte zusammen. Eine kleine Wohnung ist Ort der Zusammenkunft. Über zwei Dekaden später weiß man nicht so recht, worüber man sprechen soll. Sie sind beide verheiratet. Kenneth und Martha wissen von dem Treffen. Die Namen der Protagonisten erfährt man nicht. Private Geschehnisse der letzten Jahre werden besprochen. Man hat sich auseinander gelebt. Das weiß man. Die Gespräche bleiben oberflächlich, die Distanz in dem kleinen Raum sehr groß. Doch plötzlich fällt das Licht aus.
Der kleine Tisch in der Mitte des Raumes dient als Ablage für zwei Gläser und eine Flasche mit Hochprozentigem. Eine Kerze wird herangeschafft und beleuchtet spärlich das Zimmer. Im Kerzenschein kommen sich die beiden näher. Doch plötzlich geht das Licht an, als hätte das Schicksal seine Hände im Spiel.
Bilanz
Das Schicksal scheint das Paar getrennt zu haben. Sie behauptet mit einer Schicksals Vergiftung leben zu müssen. Bereits ihr Vater und Großvater waren heimatlos. Genau wie sie es war; vor und nach dem Ungarnaufstand. Nicole Metzger spielt die Frau, die ihren Geliebten verließ, um ein neues Leben zu beginnen. In Amerika fand sie keine Heimat, aber ein house, das sie mit ihrem husband teilt, dessen nurse- keine Krankenschwester, sondern Sekretärin- sie ist. Wie unerfüllt ihr Leben ist, verschweigt sie vorerst.
Tristan Jorde mimt ihren einstigen Geliebten. Er ist das, was sie noch an die Heimat bindet. Gerhard Werdeker lässt seine Schauspieler die kleine Bühne gekonnt nutzen. Zerrissene Schleier, die von der Decke hängen, unterstützen das rissige Verhältnis zwischen den beiden Protagonisten. Im Laufschritt werden Vorwürfe gemacht, es gibt kaum eine Situation, in der sich die beiden physisch nahe sind.
Genau diese Distanz zeigt verborgene Gefühle, die im Verlauf des Stückes immer unverborgener werden. Metzger und Jorde harmonieren wunderbar miteinander. Das Gespräch über die Zigaretten- sie raucht echte amerikanische, er die, die er schon vor 20 Jahren rauchte- wirkt genauso leidenschaftlich wie der vermeintlich Kuss- auf den seitens des Publikums schon lange gewartet wurde.
Gerhard Werdeker gelingt es mit seiner Inszenierung die Auswirkungen politischer Entschlüsse auf das Leben des Einzelnen zu zeigen. Zwei, die sich liebten, verloren sich und fanden einander wieder, zumindest für kurze Zeit.
Spieltage: 10. bis 21. Oktober, Dienstag bis Samstag, 20 h
Sonntag, 15. Oktober, 12 h
WIR HABEN NICHT GESIEGT, ABER GEKÄMPFT - 1. TEIL
Originaltexte zum Ungarnaufstand 1956
Theater SPIELRAUM
Kaiserstraße 46
A-1070 Wien
We are all in the gutter but some of us are looking at the stars. (Lord Darlington, Lady Windermere's Fan)
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